Drei Kreuze hat Viviane Cismak gemacht, als ihre Schulzeit vorbei war. Elf Jahre ging sie in Hessen zur Schule, bevor sie nach Berlin zog und an einem Kreuzberger Gymnasium ihr Abitur ablegte. Zwar kann sie mit ihrem Abischnitt von 1,8 zufrieden sein, aber die 13 Schuljahre haben bei ihr vor allem negative Erinnerungen hinterlassen: an willkürliche und uninformierte Lehrer, an Lehrpläne, die nicht eingehalten wurden, an Unterrichtsstunden, die so außer Kontrolle gerieten, dass Mitschüler Stühle aus dem Fenster warfen. All das beschreibt sie in ihrem Buch "Schulfrust". Über ihre Abrechnung mit dem System Schule sprach Annette Kuhn mit der 19-jährigen Autorin.

Berliner Morgenpost: Was war das Schlimmste in Ihrer Schulzeit?

Viviane Cismak: Vor allem waren es willkürliche Lehrer, von denen man Noten in Empfang genommen hat, bei denen man gedacht hat: Wie kommen die jetzt bitteschön zustande? Und ich habe auch viel Inkompetenz erlebt, besonders vor dem Abitur. Wenn man Informationen zum Abitur brauchte, wurde man teils abgewiesen, teils falsch beraten. Ich habe mich sehr oft ausgeliefert gefühlt.

Berliner Morgenpost: Sie sind elf Jahre in Hessen zur Schule gegangen und dann in der Oberstufe nach Berlin-Kreuzberg gewechselt. Welche Unterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Viviane Cismak: Das Niveau war in Kreuzberg erheblich niedriger. Und ich habe auch mehr Ignoranz bei den Lehrern erlebt. In Kreuzberg wurden die Schüler gar nicht für voll genommen. Und es wurde auch kaum eingegriffen, wenn es mal Konflikte oder sexistische Anspielungen unter den Schülern gab. Aus Resignation haben sich die Schüler nicht mit den Lehrern auseinandergesetzt, sondern alles hingenommen. Ich hatte das Gefühl, dass beide Seiten irgendwie aufgegeben haben.

Berliner Morgenpost: Wie kommt man am besten durch die Schulzeit?

Viviane Cismak: Da zählt nicht die beste Leistung, sondern Cleverness. Am meisten Erfolg hat der Schaumschläger, der sich im Unterricht in den Vordergrund drängt. Man muss einfach nur dasitzen, den Lehrer anlächeln und seine Unwissenheit verbergen. Eine eigene Meinung ist nicht gefragt.

Berliner Morgenpost: Sie haben sich von der Klassenbesten zur Problemschülerin entwickelt - warum?

Viviane Cismak: Mir ist Schule immer ziemlich leicht gefallen, ich war zunächst sehr motiviert. Außerhalb der Schule habe ich mich zum Beispiel bei Wettbewerben wie "Jugend forscht" engagiert, und dort sogar den zweiten Platz belegt. Aber das wurde in der Schule überhaupt nicht anerkannt. Niemand hat sich dafür interessiert, ich hatte bald das Gefühl, das lohnt sich gar nicht. Als ich angefangen habe, Hausaufgaben nicht mehr regelmäßig zu machen und nicht zur Schule zu kommen, hatte das erst einmal null Konsequenzen. Nicht einmal meine Noten wurden schlechter. Dann setzt sich so ein Verhalten natürlich durch. Erst nach einiger Zeit schlichen sich doch fachliche Mängel an, und ich bin abgerutscht. Aber angesprochen wurde ich darauf nicht. Die wenigsten Lehrer befassen sich mit den einzelnen Schülern.

Berliner Morgenpost: Das ist auch viel verlangt, wenn ein Lehrer vor einer Klasse mit 30 Schülern steht.

Viviane Cismak: Klar kann der Lehrer nicht ständig auf 30 Schüler eingehen. Aber wenn es so extrem ist, dass jemand von Eins auf Fünf abrutscht, müsste es drin sein, dass sich der Lehrer mit diesem Schüler beschäftigt.

Berliner Morgenpost: Sie beschreiben auch Situationen, in denen Schüler Stühle aus dem Fenster schmeißen und Essen durch die Klasse werfen. Bringt das Lehrer nicht an ihre Grenzen?

Viviane Cismak: Natürlich ist es nicht in Ordnung, wenn Schüler Stühle aus dem Fenster schmeißen. Und es zeugt auch von einer gewissen Arroganz, wenn man Lebensmittel durch die Klasse wirft und dabei "Brot für die Welt" brüllt. Vor allem in der neunten Klasse haben die Schüler sehr stark Grenzen ausgetestet. Das ist aber doch typisch für neunte Klassen. Dennoch gab es in meiner Klasse lange Zeit keine Konsequenzen und unsere Lehrerin wurde mit der Situation allein gelassen. Hier hätte man früher eingreifen müssen.

Berliner Morgenpost: Sie hätten sich strengere Lehrer und mehr Konsequenzen gewünscht?

Viviane Cismak: Vor allem schnellere Konsequenzen, aber nicht nur als Strafe. Schüler müssen merken, dass es anerkannt wird, wenn man etwas tut und dass es nicht total auf die leichte Schulter genommen wird, wenn man nichts tut und sich danebenbenimmt

Berliner Morgenpost: Wie sieht denn der ideale Lehrertypus aus?

Viviane Cismak: Lehrer müssen fair sein - dann genießen sie auch den meisten Respekt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer, die mit den Schülern best friends sein wollten, sich nicht durchsetzen konnten. Es hat sich schnell rumgesprochen: Die machen nichts gegen die Schüler, da können wir die Sau rauslassen.

Berliner Morgenpost: Welche Mitspracherechte sollten Schüler in der Schule haben?

Viviane Cismak: Die Rolle der Schülervertretung müsste gestärkt werden. Heute wird die Schülervertretung von den Lehrern meist abgetan. Da muss erst mal die Einsicht da sein, dass es wichtig ist, was die Schüler zu sagen haben. Das betrifft auch die vielen Reformen, die über den Kopf der Schüler hinweg entschieden werden. Allen voran die Monsterreform G.8. Da hat sich wohl niemand vorher überlegt, was mit einem 15-Jährigen passiert, der neun Schulstunden hat, dann noch Hausaufgaben machen muss und keine Zeit mehr für Sport hat. Man müsste die Nebenwirkungen solcher Reformen stärker bedenken.

Berliner Morgenpost: Gibt es Reformen, die Sie sich wünschen?

Viviane Cismak: Auf jeden Fall sollte der Bildungsföderalismus abgeschafft werden. Ich finde es lächerlich, dass es 16 verschiedene Bildungskonzepte gibt. Besonders in Zeiten, in denen Familien häufig umziehen, müssten die Schulsysteme vergleichbar sein. Und es ist doch unfair, dass in Berlin Kombinationen von Leistungskursen möglich sind, die in anderen Bundesländern nicht erlaubt sind. Außerdem wünsche ich mir mehr unangekündigte Unterrichtskontrollen durch externe Prüfer. Ab und zu wird zwar schon heute eine Evaluation durchgeführt, aber die sind wenig effektiv, weil sie vorher angekündigt werden und sich die Lehrer dann ganz anders verhalten und vorbereiten als sonst.

Berliner Morgenpost: Gab es in Ihrer Schullaufbahn überhaupt etwas Positives?

Viviane Cismak: Wenig. Ein paar Lehrer gab es, die sich für die Schüler eingesetzt haben. Meine Deutschlehrerin in Berlin zum Beispiel hat viel von uns gefordert, hat uns sehr gut auf das Abitur vorbereitet und ist dabei auf uns eingegangen. Oder mein Mathelehrer in Berlin hat mich so herausgefordert, dass ich mich noch mal richtig angestrengt habe in Mathe, obwohl ich das Fach eigentlich schon abgeschrieben hatte. Insgesamt gab es aber zu viele Lehrer, die nicht mit Idealismus bei der Sache waren. Das färbt ab, wenn ein Lehrer abgenervt ist und sich jeden Tag zwingen muss, in die Schule zu gehen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie selbst mal überlegt, Lehrerin zu werden?

Viviane Cismak: Nein, ich habe mich schon früh entschlossen, Jura zu studieren. Und ich möchte natürlich auch nicht vor einer neunten Klasse stehen und mit Brot beworfen werden.

Zum Weiterlesen: Viviane Cismak: "Schulfrust. 10 Dinge, die ich an der Schule hasse", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro.