Pubertät

Zwischen Motzen und Kuscheln

Wilma Bögel und Sarah Tkotsch haben einen Überlebensratgeber für Pubertierende geschrieben

Foto: Christian Kielmann

Pubertät ist eine der schrecklichsten Lebensphasen - für Eltern. Den Eindruck gewinnt man, wenn man die Titel der Erziehungsratgeber liest: "Hilfe, mein Kind ist in der Pubertät", "Überlebenstraining für Eltern", "Pubertät - echt ätzend". Eltern haben es offenbar für einige Jahre mit einem alienartigen Wesen zu tun, gegen das man pädagogisch aufrüsten muss. Wilma Bögel und Sarah Tkotsch halten dagegen und haben einen "Survival-Guide" für Teenager geschrieben, mit dem sie Jugendlichen helfen wollen, die schwierigen Jahre leichter zu überstehen. Die 31-jährige Autorin Wilma Bögel kann sich gut daran erinnern, wie oft sie sich unverstanden gefühlt hat, wie sie mit dem Kopf durch die Wand wollte. Die Schauspielerin Sarah Tkotsch (23) hat drei Jahre lang die pubertierende Jugendliche Lucy Köster in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gespielt und fragt sich heute noch manchmal, ob sie überhaupt schon draußen ist, aus der Pubertät. Im Gespräch mit Annette Kuhn erklären die beiden die Pubertät aus Sicht der Jugendlichen.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet Pubertät?

Wilma Bögel: Für die Eltern ist das ein Schreckgespenst, aber auch die Erklärung für vieles, was sie nicht verstehen. Für Jugendliche ist die Pubertät eine Riesenveränderung, in allen Bereichen. Der Körper verändert sich, die Einstellung zum Leben, zu Freunden, zur Familie.

Sarah Tkotsch: Pubertät ist aufregend und von Unsicherheiten geprägt. Pubertät bedeutet auch, dass einem Schule ziemlich egal ist. Und dass sich viel in der Familienstruktur ändert, weil man ja als Erwachsener wahrgenommen werden möchte, es aber noch nicht ist.

Berliner Morgenpost: Woran merkt man, dass sie beginnt?

Sarah: Pubertät beginnt dann, wenn man anfängt das zu hinterfragen, was einem Eltern sagen. Und wenn Kinder nicht mehr alles mit ihren Eltern teilen, wenn sie ihre Tür zumachen

Berliner Morgenpost: Eltern nervt oft, dass Jugendliche oft antriebslos herumhängen - stimmt das?

Sarah: Man ist ja nicht dauerhaft lustlos. Aber der Prozess des Älterwerdens ist echt anstrengend. Außerdem nervt vieles. Auf Schule hat man oft pauschal keinen Bock und sitzt trotzdem von morgens bis nachmittags da. Dann kommt man nach Hause und wird gleich gefragt: Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht? Mal ehrlich: Selbst Erwachsene haben doch oft einfach keine Lust, zur Arbeit zu gehen.

Wilma: Pubertierende wollen einfach mal ihre Ruhe haben vom Alltag, um all das verarbeiten zu können, was gerade mit ihnen passiert.

Berliner Morgenpost: Welche Sprüche sind Ihnen während der Pubertät auf die Nerven gegangen?

Sarah: Bei uns war es immer dieses Früher: Früher hätten wir das nicht alles gedurft. Früher wurde noch gegessen, was auf den Tisch kommt. Früher hatten wir nicht so viel wie ihr.

Wilma: Bei uns war es: Solange deine Füße unter unserem Tisch stehen, bestimmen wir die Regeln. Ich glaube, diese Sätze werden immer bleiben. Meine Mutter hat ja schon diesen Spruch gehasst und trotzdem hat sie ihn gesagt.

Berliner Morgenpost: Erinnern Sie sich noch an Ihre Lieblingsausdrücke während der Pubertät?

Wilma: Booaahhh mit 10 000 Hs. Scheiße durften wir nicht sagen, da gab es Abzug vom Taschengeld.

Sarah: Ey Alter, habe ich früher gesagt, eine ganz schlimme Angewohnheit.

Berliner Morgenpost: Ist es peinlich, wenn Eltern die gleichen Klamotten tragen, die gleiche Musik hören?

Wilma: Meine Mama soll meine Mama sein und nicht meine beste Freundin. Aber das kommt auch auf den Altersunterschied an. Meine Mutter und mich trennen knapp 30 Jahre, die meiner Meinung nach auch jeder so akzeptieren sollte.

Sarah: Ich glaube, Jugendliche sind heute so cool, denen ist so schnell nichts peinlich. Aber wenn meine Mutter mit mir in die Disko geht oder die gleichen Klamotten trägt, fände ich das nicht cool, das passt einfach nicht. Aber ich würde schon mit meinen Eltern in ein Konzert von Depeche Mode oder Karat gehen.

Berliner Morgenpost: Was ist so schwierig zwischen Eltern und Jugendlichen während der Pubertät?

Sarah: Das Kind verändert sich aktiv, und die Eltern müssten sich mitverändern. Aber das tun sie nicht. Sie sehen nicht, dass eine 14-Jährige andere Bedürfnisse hat als eine Achtjährige. Eltern kommen da nicht hinterher.

Berliner Morgenpost: Was wünschen sich Pubertierende von ihren Eltern?

Sarah: In einem Moment will man mehr Liebe und Fürsorge, dann will man wieder mehr Freiheit. Ich glaube, Eltern können es einem in dieser Zeit nicht recht machen, aber das gilt auch umgekehrt: An einem Tag sehen Eltern noch das kleine Kind in einem und am anderen Tag fordern sie mehr Reife. Das ist total ätzend. In eine SMS in Jugendsprache übersetzt würde ich schreiben: Kotz, würg, ggrrzzl.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie heute zurückdenken, können Sie Ihre Eltern verstehen?

Wilma: Ich kann nachvollziehen, dass meine Eltern manchmal genervt waren. Manchmal sind sie ja einfach verzweifelt.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel wenn es um Mager- oder Drogensucht geht. Wilma Bögel, Sie waren ja selbst einige Jahre magersüchtig.

Wilma: Eltern haben vor allem Angst, was ihren Kindern schaden könnte. Aber meine Eltern haben damals mir und darauf vertraut, dass ich selbst gesund werden möchte. Mit Zwang und Druck hätten sie auch nichts erreicht. Ich musste selbst die Grenze spüren, um gesund werden zu wollen. Es war für meine Eltern eine schwierige Zeit, aber sie waren immer bedingungslos an meiner Seite.

Sarah: Die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern muss erhalten bleiben. Es ist nicht gut, wenn beide Seiten verhärten. Die Jugendlichen müssen wissen: Egal, wie erwachsen man sein will, man braucht seine Eltern. Und es tut gut - egal, was für eine Scheiße man gebaut hat - in den Arm genommen zu werden.

Berliner Morgenpost: Welchen Rat haben Sie für die Eltern?

Wilma: Erinnert euch an eure eigene Pubertät und lasst die Leine auch mal ein bisschen lockerer.

Sarah: Bleibt cool. In dem Moment, wo Eltern an die Decke gehen, sind sie nicht erwachsener als das Kind. Aber mit cool bleiben ist auch gemeint, dass Eltern darauf vertrauen, dass das Kind schon seinen eigenen Weg geht.

Sarah Tkotsch und Wilma Bögel: Ich bin dagegen - und das aus Prinzip. Überlebenstipps für die Pubertät. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro

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