Junggesellenabschied

Wenn Männer feiern: Abenteuer in Berlins Unterwelt

Paddel trägt ein Bananenkostüm, das so groß ist, dass die Spitze im Türrahmen hängen bleibt, als er aus dem Café Stresemann am Anhalter Bahnhof kommt. Seine Braunschweiger Freunde Andi, Dennis, Olaf, Jan, Björn, Kai, Manuel, Michael und Bela stehen vor der Kneipe und machen Witze über ihren Anführer.

Sie alle tragen ein T-Shirt mit der Aufschrift "Junggesellenabschied Paddel", es ist kurz vor 14 Uhr am Sonnabend auf der Stresemannstraße, getrunken haben die zehn jungen Männer bisher nur jeder ein Bier, mehr war ihnen nicht erlaubt - denn was jetzt vor ihnen liegt, setzt volle Konzentration voraus.

Paddel heißt eigentlich Patrick Czogel, ist 31 Jahre alt, kommt wie die anderen aus Braunschweig und wusste am Morgen noch nichts von Bananenkostüm und einem Ausflug nach Berlin. Seine besten Freunde sind alle in seinem Alter, arbeiten als Ingenieure bei Siemens, VW oder Thyssen-Krupp und gemeinsam machen sie alle noch einmal "einen drauf". Trauzeuge Andreas "Andi" Neumann hat diese Reise organisiert. "Berlin habe ich ausgesucht, weil jeder weiß, dass man hier gut ausgehen kann - und weil die Wunderwerkstadt hier sitzt." Das ist eine Agentur, die Junggesellenabschiede organisiert, Komplettprogramm inklusive Hotel, Taxiservice, Tipps für Bars und Rätseltour in einem Berliner Bunker.

Männer werden zu Jungs

Pünktlich um 14 Uhr steht auch Linda Bollenberg von der Wunderwerkstadt in der Stresemannstraße und führt die zehn Männer zum Eingang des Bunkers ein paar Meter nördlich. Im Januar 2009 gründete sie ihre Agentur gegründet und war überrascht, wie viele Anfragen es gab. "Wir wurden richtig überrannt", sagt sie. Inzwischen sind sie fast jedes Wochenende ausgebucht, auch in der Woche sei genug los.

Paddels Truppe hält sich an die fast schon traditionelle Regel, dass der Bräutigam Trinkgeld verdienen muss. Auf dem Weg zum Bunker hält Paddel noch immer den Korb mit Kleingeschenken in der Hand: Haribo-Tüten, Obstler-Flaschen und Kondome. Im Zug von Braunschweig nach Berlin hat er das meiste davon verkauft, 140 Euro hat ihm das eingebracht. "Der Zug war voll, das war total leicht, das Kostüm fanden alle lustig", sagt er. Am Bunker angekommen übergibt Linda Bollenberg an Sebastian Tenschert. Der muskulöse Mann sagt zu der fröhlichen Gruppe, gespielt grimmig: "Euch wird das Lachen vergehen." Er erklärt, dass sie genau zwei Stunden haben, um eine "Jungfrau" zu befreien. Jeder bekommt einen schwarzen Overall und Paddel wird erneut zum Anführer bestimmt.

Der Bunker ist geschmückt wie für eine Halloween-Party. Rotes, blaues und grünes Licht strahlt die Wände an, in den Ecken stehen Schaufensterpuppen, die als Engel (Frauen) oder Soldaten (Männer) verkleidet sind. Der 35-jährige Tenschert passt mit seinem General-Outfit perfekt in diese militärische Umgebung. Er hat den Bunker aus dem ersten Weltkrieg vor drei Jahren zu einem "Event"-Ort umgebaut, für Betriebsausflüge, Jugendgruppen und eben Junggesellenabschiede.

Die erste Aufgabe lautet: Finde einen Koffer im stockdunklen Keller. Paddel lässt sich mit einem Seil noch ein weiteres Stockwerk in die Tiefe hinab. Die Freunde stehen oben und verfolgen über eine Nachtsichtkamera, wohin er läuft. "Mehr nach links - Nein! Umkehren!" rufen sie. Paddel tappt im Dunklen, läuft aber immer brav in die Richtung, die ihm seine Freunde zurufen. Nach fünf Minuten hat er den Koffer, in dem sich ein Hinweis befindet, den sie sofort brauchen, denn: Der Weg zurück ist von einem Zahlenschloss an der Tür versperrt.

Das ganze erinnert an Fernsehshows, in denen Erwachsene vor der Kamera Rätsel lösen müssen, oder an "gruppenbildende Maßnahmen" von Großbetrieben. Aber die zehn jungen Männer aus Braunschweig kennen sich lange und sind so gut aufeinander abgestimmt, dass keine der Aufgaben länger als zehn Minuten in Anspruch nimmt. Vielleicht wollen sie auch schnell zum Ende: zur Jungfrau.

Als sie die Tür geöffnet haben, müssen Paddel und Andi in ein dunkles Loch kriechen, dieses Mal lautet die Aufgabe, mit einem Metalldetektor eine einen Meter hohe Höhle voller Sand zu durchwühlen, um eine versteckte Metallkiste zu finden. Sie robben durch die Sandgrube, buddeln, fluchen, ihre einzige Lichtquelle ist ein Leuchtstab, den sie mit den Zähnen festhalten. Wieder fiebern am Rande des Loches die übrigen Männer mit, die inzwischen zu fröhlichen Jungen geworden sind. Sie rufen lachend Richtungen durcheinander. Bunker-Guide Sebastian Tenschert steht mit verschränkten Armen am Rand und schaut seinen Schützlingen amüsiert zu.

Sprühsahne auf dem Hintern

Für ihn ist diese Tour Routine, die ihm aber auch nach all den Monaten noch immer offensichtlich Spaß macht. Mit übertriebenem Ernst führt er von Spiel zu Rätsel und wieder zum Spiel und trifft dabei genau den Nerv der Jungs, die sich offenbar gern von ihm herumkommandieren lassen. Im Verlauf des Nachmittags müssen sie noch auf kleine Metallschweine schießen, in einem Rollenspiel einen Laserkampf gewinnen - und schließlich noch ein kompliziertes Zahlenschloss knacken. Das alles in einer düsteren Tunnelatmosphäre bei noch düsterer Rockmusik. Tenschert: "Jede Musik ist erlaubt, außer Britney Spears und Lady Gaga." Bei jedem Spiel werden sie ausgelassener, und als sie schließlich den Schlüssel in der Hand halten, der ihnen die Tür zu einer schönen, tanzenden Frau öffnet, lassen sie unter Johlen und Schulterklopfen Anführer Paddel den Vortritt.

Doch das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu einem Junggesellinnenabschied: Was genau hinter dieser Tür passiert, wollen Paddel, Andi, Dennis, Olaf, Jan, Björn, Kai, Manuel, Michael und Bela für sich behalten. Schließlich soll die Hochzeit nicht von Geschichten über "Sprühsahne auf Stripperinnenhintern" gefährdet werden. Spätestens ab diesem Moment sind die Jungs wieder ganze Männer. Danach jedenfalls halten sie einander die Türen zu den Limousinen zuvorkommend auf - halten wieder Bier in den Händen. Noch bis vier Uhr morgens werden sie im Frannz-Club im Prenzlauer Berg trinken, tanzen und, wie sie sagen, "über das Leben philosophieren". Einer wird sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern können - Paddel, soviel darf gesagt werden, ist es nicht.

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