Junggesellenabschied

Der letzte Abend in Freiheit

Der Sommer ist Hochsaison für Hochzeiten. Uns so begegnet man feierlustigen Junggesellinnen und Junggesellen auf Abschiedstour fast überall in den Straßen der Stadt - und sogar im Untergrund

Fast lautlos gleitet die schwarzglänzende Stretch-Limousine auf den Pariser Platz und hält direkt vor dem Brandenburger Tor. Der Fahrer öffnet die Tür im Fond, heraus steigt eine junge Frau im hautengen beerenfarbenen Satinkleid, gefolgt von sieben eleganten jungen Damen ganz in Schwarz. Ein Fotograf springt dazu, die jungen Frauen beginnen, vor der eindrucksvollen Kulisse zu posieren.

Es dauert nicht lange, da hat sich eine Menschentraube gebildet. Dutzende Digital- und Handykameras sind auf die acht jungen Frauen gerichtet, ein Inder flüstert ehrfurchtsvoll: "Wer ist sie?"

"Sie" - das ist Sabrina (26) aus Nürnberg. Sie ist in die Hauptstadt gekommen, um mit ihren Freundinnen den Abschied aus dem Junggesellinnendasein zu feiern. Organisiert hat den Trip ihre Schwester Monique (21) gemeinsam mit einer Berliner Eventagentur. Die Limousinentour, ein Fotoshooting und Tipps für die besten Clubs der Stadt sind vorbereitet, nur Sabrina ist es nicht: Das Programm ist eine Überraschung für sie. So, wie es sich für einen richtigen Junggesellinnenabschied gehört. Und so steht die Wirtschaftsstudentin, erst vor drei Stunden in Tegel gelandet, an diesem Sonnabend Nachmittag noch etwas ungläubig auf dem Berliner Pflaster, bestaunt die Menschen um sie herum, wie diese sie bestaunen. Zwei kleine Mädchen deuten auf das Krönchen auf Sabrinas Kopf und fragen sie: "Bist du eine echte Prinzessin?"

Eine letzte Mutprobe

Auch in Deutschland gehört das aus England stammende Abschiedsritual mittlerweile fest zu den Bräuchen im Vorfeld einer Hochzeit - nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen. Längst geht es nicht mehr darum, die angehenden Eheleute getrennt voneinander in ernstem Ton über die ehelichen Pflichten aufzuklären, sondern um den Spaß -und manchmal auch um etwas Mut. Etwa wenn die Bräute wildfremden Menschen nutzlose Dinge verkaufen sollen oder die Freundinnen der künftigen Ehefrau knifflige Aufgaben stellen. Und nicht zuletzt geht es um den Beweis der Freundschaft. Nicht nur dein Mann, auch wir werden weiterhin in jeder Lage zu dir halten, so die Botschaft.

Der Pariser Platz ist eine ideale Station für einen Junggesellinnenabschied. Hier, auf der großen Bühne, kann eine Braut üben, im Mittelpunkt zu stehen. Hier muss sie Courage haben, um sich zu behaupten. Und hier kann sie sicher sein, viel zu erleben und das Gefühl von Freiheit mit allen Sinnen zu spüren. Mit sichtlich steigendem Wohlgefühl dreht sich Sabrina vor den Kameras hin und her. Ihre Freundinnen und ihre Schwester sorgen dafür, dass sich die 26-Jährige trotz aller Aufmerksamkeit sicher und geborgen fühlen kann. Auch ihr Freund Florian (29) unterstützt die Aktion, weiß Sabrina - auch wenn er selbst wegen einer Verletzung mit seinen Kumpels keinen zünftigen Junggesellenabschied feiern konnte.

Aus der Ferne erklingt Johlen und Lachen. "Steffi tanz, tanz, tanz, zeig' Charme und Eleganz, ganz, ganz", singt es zwischen den Säulen des Brandenburger Tors. Eine weitere Gruppe junger Frauen - in pinkfarbenen Tops und passenden Cowboyhüten - stürmt den Platz, in ihrer Mitte Blondine Steffi (30) im knappen weißen Tüllkleid. Die Truppe erblickt die edle Karosse und die Nürnbergerinnen davor. Das Johlen geht in Kreischen über, die Junggesellinnen Steffi und Sabrina fallen sich kichernd in die Arme. Gemeinsam winken sie "Brautzilla" Trang (30) aus Hamburg zu, die mit ihren Freundinnen ebenfalls über den Platz schlendert, als OP-Schwestern verkleidet und willigen "Patienten" Spritzen mit Erdbeer-Lime verabreichend. Auch die Flaneure am Brandenburger Tor verstehen jetzt: "Ah, chicken partys", sagt Gerda Leithgöb (68) aus Südafrika, nickt wissend und erzählt begeistert von ihrem eigenen Junggesellinnenabschied, damals, in Den Haag. "Es ist bestimmt befreiend, vor einem so wichtigen und aufregenden Einschnitt ins Leben noch mal so richtig zu feiern", meint Thomas Neltner (56) aus Berlin und beobachtet die jungen Frauen fasziniert.

Mit einem Lächeln in die Kameras ist es für die Berliner Junggesellin Steffi allerdings nicht getan. Einen Handstand soll sie, bitteschön, vor dem Brandenburger Tor machen. Die Polizistin, die wie viele ihrer 20 Freundinnen in Pink in ihrer Freizeit in der Showtanzgruppe "Berlicious" aktiv ist, ziert sich nicht lange. Unter ihrem Tüllkleid kommt eine quietschrosa Leggings hervor. Die Menge jubelt. Steffi grinst. Sie hat heute schon ganz andere Aufgaben gemeistert: einen Lauf durch den Wasserklops am Europa-Center, einen Spagat an den Berliner Mauerresten, eine "Festnahme" am Checkpoint Charly. Seit neun Uhr morgens ist sie auf den Beinen, wurde von ihren Freundinnen direkt vom Friseurtermin zur Stadt-Rallye mit gechartertem Kleinbus entführt. Ein Rätsel am Hauptbahnhof steht noch aus, dann geht es zum Abendessen ins Restaurant "Tomasa" am Fuß des Kreuzbergs.

Tränen der Rührung

Auch hier haben die Freundinnen der Braut alles perfekt organisiert. Kaum sind die Sektgläser verteilt, zaubert Steffis Freundin Steffi eine Tüte mit 20 Briefumschlägen hervor. In jedem dieser Briefe schildert eine der jungen Frauen eine besondere Begebenheit, die sie mit der Braut verbindet. Jetzt werden sie verlesen und machen eine Steffi sichtbar, die nicht nur gut feiern kann, sondern auch anpacken. Die lustig ist und einfühlsam zugleich, eine verlässliche Freundin und gute Kollegin. Mehr als einmal verschlägt es der Braut vor Rührung die Sprache, und ihre Freundinnen sind begeistert: Noch eine neue Seite an Steffi entdeckt - sie kann auch schweigen! Doch bevor schon vor der Hochzeit zu viele Tränen fließen, nehmen die Ladies in Pink das Finale in Angriff: den Besuch der Karaokebar "Green Mango" in Schöneberg, eine Art Mekka für Junggesellinnenabschiede.

Nachwort: Seit einer Woche ist Steffi nun verheiratet und flittert mit ihrem Mann in Südasien. Sabrina gibt ihrem Florian dieses Wochenende in Nürnberg das Ja-Wort. Danach gibt es eine große Feier - mit hundert Gästen im festlich geschmückten Saal. Aufgeregt ist die 26-Jährige nur ein kleines bisschen. Seit dem Wochenende in Berlin, sagt sie, fühle sich ihr Leben ein wenig an wie ein Traum. Man ahnt, dass es der Stopp am Brandenburger Tor war. "Die Limousine, unsere schönen Kleider, die vielen Menschen", gibt Sabrina zu: "Das war überwältigend!"

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.