Inklusion

Lukas und sein Traum von der Schule

Im Rahmen der Inklusion sollen gesunde und behinderte Kinder im Klassenzimmer zusammen lernen. Das ist nicht immer leicht

Foto: Daniela Noack

Lukas geht gerne zur Schule. Zwar fällt es dem Neunjährigen schwer still zu sitzen, doch wenn ihn etwas wirklich interessiert, kann er sich sogar eine ganze Stunde lang konzentrieren. Lukas ist anders als andere Kinder. Er hat das Down-Syndrom und gilt als geistig behindert. Trotzdem lernt der Zweitklässler zusammen mit ganz normalen Kindern. "Es ist normal, verschieden zu sein", zitiert Lukas Vater Thomas Scheel gerne den spanischen Lehrer und Schauspieler Pablo Pineda, der ebenfalls das Down-Syndrom hat. Auch Pablo Pineda besuchte eine ganz normale Schule und schaffte als erster Europäer mit Trisomie 21 sogar ein Universitätsstudium.

Lukas Vater hat einen Traum: Dass Behinderte und Nichtbehinderte auch in Deutschland eines Tages ganz selbstverständlich zusammen lernen. Der Traum könnte längst Wirklichkeit sein. Inklusion heißt das Zauberwort. Die seit 2009 auch in Deutschland gültige UN-Behindertenrechtskonvention sieht den gemeinsamen Schulbesuch aller Kinder, auch lern-, körper- oder geistig behinderter Kinder vor. Letztere sollen nicht mehr nachträglich integriert werden, sondern von Anfang an dazugehören. Gesunde Kinder wiederum lernen, mit Behinderten zu leben und die Scheu vor ihnen abzulegen.

Nun soll die Inklusion auch an Berlins Schulen praktiziert werden. Kinder sollen unabhängig von dem Grad ihrer Behinderung eine Schule in Wohnortnähe besuchen. Die Förderschulen werden größtenteils abgeschafft. In der Übergangszeit können aber nur Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung, sowie mit emotional-sozialen Störungen eine Regelschule besuchen. Körper- oder geistig behinderte Kinder wie Lukas müssen vorerst mit sogenannten Schwerpunktschulen, von denen es mehrere pro Bezirk gibt, Vorlieb nehmen. Der Nachteil: Die Schulwege sind länger und dadurch werden Freundschaften zwischen behinderten und nicht behinderten Kindern erschwert.

Soziales Verhalten und Regeln lernen

Nach den Ferien kommt Lukas in die dritte Klasse der Brüder-Grimm-Grundschule in Wedding. "In seiner Klasse funktioniert die Inklusion. Vor allem der soziale Zusammenhalt ist toll!", freut sich sein Vater. Der kleine Brillen- und Zahnspangenträger ist sehr beliebt bei den anderen und erhält viel Unterstützung. In der ersten Klasse halfen ihm die Klassenkameraden, Jacke oder Schuhe anzuziehen.

Lukas, der mit anderthalb Jahren das Laufen lernte und mit zwei erste Wörter sprach, formuliert mittlerweile immer häufiger vollständige und verständliche Sätze. In der Schule macht er jeden Unterricht mit. An seiner Seite sitzt eine pädagogische Unterrichtshilfe. Denn wenn Lukas überfordert ist, fängt er an rumzukaspern. Die Erzieherin mit Zusatzausbildung hilft ihm bei den Aufgaben und hat auch in den Pausen ein Auge auf ihn, denn er büxt gerne mal aus.

In Lukas' Klasse mit 21 Kindern gibt es noch ein weiteres geistig behindertes und ein lernbehindertes Kind. Die anderen Schüler haben sich daran gewöhnt, nicht gleich zu reagieren, wenn eines von ihnen mal aus der Reihe tanzt. In dem jahrgangsübergreifenden Klassenverband arbeitet jeder individuell nach seinem Rhythmus mit speziellen Materialien, häufig auch in kleinen Gruppen. Lukas kann mittlerweile seinen Namen und die Zahlen Eins bis Zehn schreiben. Zählen kann er bis 15 und er kennt die meisten Buchstaben. Auch die Jahreszeiten und Monate hat er gelernt. Weil er mehr Zeit braucht als andere, wurde er ein Jahr später eingeschult.

In seiner Freizeit spielt er begeistert Fußball, er liebt Musik und singt und tanzt gerne, ist ehrgeizig und will gefordert werden. In der Schule trainiert Lukas nicht nur seine intellektuellen Fähigkeiten, er lernt auch soziales Verhalten und Regeln. "Das sind Prozesse, die so nur durch die 'inklusive Mischung' stattfinden können", glaubt Thomas Scheel, der bei seinem Sohn "tolle Fortschritte" beobachtet. "In der Förderschule hätte er nicht so viele Anstöße gehabt." Davon ist der gelernte Versicherungskaufmann überzeugt.

Ärger mit der Bürokratie

Heute ist Lukas, der rund um die Uhr betreut werden muss, seine Hauptbeschäftigung. Weil Lukas Pflegestufe 2 hat, zahlt die Pflegekasse für 27 anerkannte Wochenarbeitsstunden dem Vater monatlich 430 Euro Pflegegeld. Thomas Scheel engagiert sich zusätzlich in diversen Elterngremien auf Bezirks- und Landesebene. Besonders aktiv ist er in der "AG Inklusion" vom Landeselternausschuss. Er ärgert sich oft über "die Bürokratie".

Zum Beispiel darüber: Weil Lukas' Schwerpunktschule vier Kilometer vom Wohnort entfernt ist, wird er mit dem Schulbus zum Unterricht gefahren. Für die Ferien allerdings lehnte das Schulamt den Fahrdienst ab, mit der Begründung, es gäbe keinen Rechtsanspruch. Für Thomas Scheel ist das diskriminierend. "Auch in den Ferien wird Inklusionsarbeit geleistet", ärgerte sich der 46-Jährige und legte Klage ein. Mittlerweile hat das Jugendamt die Fahrtkosten im Rahmen der Eingliederungshilfe übernommen. Doch Lukas' Eltern müssen die Kosten für das Verfahren von mehreren hundert Euro selbst tragen. "In Pankow und Charlottenburg übernimmt das Schulamt die Fahrtkosten", klagt Thomas Scheel.

Für ihn ist Inklusion nicht irgendeine Reform, sondern ein Menschenrecht. Dafür ist er bereit zu kämpfen. Untersuchungen zeigten, dass das gemeinsame Lernen Behinderter und Nichtbehinderter allen zugute kommt. Das von Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) präsentierte 'Gesamtkonzept Inklusive Schule' lehnt er ab und bemängelt unter anderem die fehlende Einbeziehung der Betroffenen und die unzureichende finanzielle Ausstattung.

Lukas hat keine Ahnung davon, was für ein Kämpfer in Sachen Inklusion sein Vater ist. Er arbeitet in der Schule fleißig, auch mit Lernprogrammen am Computer, und hat mittlerweile auch Spaß am Rechnen gefunden. Im Moment steht das Thema Tiere auf dem Stundenplan. Sein Lieblingstier ist der Tiger. Mit der Klasse hat er neulich einen Ausflug in den Zoo gemacht. Nach Unterrichtsschluss freut er sich auf das Spielen mit den 'normalen' Kindern aus dem Hort. "Inklusion ist der richtige Weg", glaubt Thomas Scheel und fordert: "Nicht die Kinder müssen sich auf die Schule einstellen, sondern die Schule muss sich auf die Kinder einstellen."