Ob Feriencamp, Flötenunterricht oder die dringend benötigte Nachhilfe: Für viele Kinder sind solche Aktivitäten unerschwinglicher Luxus. Und nicht nur das - sie sind sich ihrer materiellen Situation auch stark bewusst. Jedes sechste Kind aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen berichtet, sie hätten in ihren Familien nicht genügend Geld für alles, was sie brauchen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. "Wenn bereits Sechsjährige diese Erfahrung berichten, ist dies ein bedenklicher Befund", sagt Holger Ziegler, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld. "Denn das heißt, dass diese Kinder keine unbeschwerte Kindheit erleben."

Professor Holger Ziegler ist Leiter der Studie, die von der Bepanthen Kinderförderung initiiert und am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. "Weniger Eltern - weniger Perspektive?" lautet ihr Titel, denn sie hat insbesondere die Kinder alleinerziehender Eltern im Blick. Aus gutem Grund - der Familienstatus "Alleinerziehend" wird immer häufiger. In den vergangenen 15 Jahren stieg die Zahl alleinerziehender Elternteile um 70 Prozent auf derzeit 2,2 Millionen. Zudem zählt er zu den Armutsrisikofaktoren. Unter allen Haushaltstypen, so erläutert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, weisen Alleinerziehende die höchsten Armutsraten auf.

Die Studie will nun zeigen, welchen Einfluss Alleinerziehung und finanzielle Lage auf die Situation der betroffenen Kinder haben, und zwar aus ihrer eigenen Sicht. Dafür wurden 1053 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren aus sechs deutschen Städten befragt. In Berlin wurden 181 Mädchen und Jungen interviewt. Die Wissenschaftler verglichen die Aussagen der Kinder, die sie in vier Gruppen unterteilt hatten: Kinder aus alleinerziehenden privilegierten und alleinerziehenden nicht-privilegierten Haushalten sowie Kinder aus privilegierten und nicht privilegierten Paarhaushalten.

Kein Mangel an Aufmerksamkeit

In einer Hinsicht gibt die Studie Entwarnung: "Alleinerziehende sind besser als ihr Ruf", sagt Wissenschaftler Ziegler. "Sie empfinden zwar viele Belastungen, geben diese aber nicht an ihre Kinder weiter." So berichten Kinder von Alleinerziehenden von mindestens genauso viel Aufmerksamkeit und Zuwendung wie ihre Altersgenossen. Ausnahmslos alle gaben an, sie hätten Personen, die sich um sie kümmern. Auch bei der Frage nach der Selbsteinschätzung der Fähigkeiten ("Kannst Du viele Dinge richtig gut?") zeigte die Untersuchung keine massiven Unterschiede zwischen Kindern aus alleinerziehenden und aus traditionellen Familien.

Allerdings offenbart die Studie auch, dass viele Kinder stark emotional belastet sind. Sie berichten von "doofen Dingen, die sie traurig machen", davon, dass sie "oft wütend" sind und dass sie sich "oft schämen". Hier ist jedoch weniger der Status "Alleinerziehung" ausschlaggebend als vielmehr die sozioökonomische Lage der Familien. Vor allem die Kinder, die unterprivilegiert sind, erzählen von solchen Erfahrungen. Auch ausgegrenzt fühlen sie sich überdurchschnittlich oft. 24 Prozent der Kinder aus traditionellen, unterprivilegierten Haushalten sagen, dass sie oft von anderen gehänselt werden (alleinerziehend unterprivilegiert: 34 Prozent). In den traditionellen, nicht unterprivilegierten Haushalten sind es nur 15 Prozent der Kinder (alleinerziehend nicht unterprivilegiert: 13 Prozent). "Dies zeigt, dass es Erfahrungen in der Öffentlichkeit gibt, die nicht durch Eltern zu kompensieren sind, oder, anders gesagt: dass die Zwei-Eltern-Familie nicht die Lösung für alle Probleme ist", so Ziegler.

Berliner Kinder besonders belastet

Kinder, die in Berlin in Armutslagen leben, weisen sogar eine deutlich überdurchschnittlich hohe Gesamtbelastung auf, belegt die Studie. Das heißt, sie machen sich überproportional viele Sorgen, haben zahlreiche Ausgrenzungserfahrungen und ein geringeres Selbstvertrauen. Bernd Siggelkow, Gründer und Leiter des Kinder- und Jugendwerks "Die Arche", unterstrich diese Ergebnisse mit Erfahrungsberichten aus der Praxis. "Ein Kind ist arm, wenn es merkt, dass es arm ist. Und Armut ist ein Makel, aus dem man nur sehr schwer wieder herauskommt", sagte er bei der Vorstellung der Studie. Vor allem benachteiligte Kinder aus alleinerziehenden Familien würden leicht ihre Potenziale vergessen, weil sie so stark mit dem Überlebenskampf beschäftigt seien, beobachtet Siggelkow. Bei ihnen bestehe der Druck, sehr früh selbstständig zu werden. Und je älter die Kinder würden, desto geringer werde ihr Selbstwertgefühl - "weil sie schon so viele negative Erfahrungen gemacht haben".

Um die positive Selbsteinschätzung zu stärken, fordert Erziehungswissenschaftler Ziegler, dass den Kindern "Erfahrungsräume" geboten werden, in denen sie angeregt und gefördert werden. "Das kann ein Konzert sein oder auch ein Waldspaziergang, den die Eltern mit dem Kind unternehmen", sagt er. Die Bepanthen Kinderförderung unterstützt mit diesem Ziel Projekte bei der "Arche", etwa Ferienfreizeiten, Theaterworkshops oder aktuell Kinder-Kochkurse. "Manche Kinder haben noch nie ihren Bezirk verlassen geschweige denn die Stadt", gibt Siggelkow zu bedenken. "Zoo und Brandenburger Tor kennen sie nur vom Hörensagen." Es sei wichtig, Hilfe zu leisten. "Die Kinder werden es uns vielfach zurückgeben."