Theatertreffen der Jugend

Auf der Bühne das Leben lernen

"Blaubart und die Frauen" : Schauspiel-AG der Waldorfschule Kreuzberg wurde für ihre Inszenierung beim Theatertreffen der Jugend ausgezeichnet

Foto: Buddy Bartelsen

Eine dicke gelbe Turnmatte. Eine Reckstange. Eine rote Kiste. Ein paar Stühle. In der alten Turnhalle der Freien Waldorfschule Kreuzberg sieht es aus, als wären vom Zirkeltraining ein paar Geräte stehen geblieben. Wären da nicht sechs Schülerinnen und ein Schüler in Kostümen, die sich in der spartanischen Kulisse formieren. Marlene (18) in der hellblauen Robe. Llewellyn (17) im dunkelblauen Kleid mit schwarzer Spitze. Lisa (18) im goldenen Kurzen mit schwingendem Rocksaum. Nora (18) im schwarz-glänzenden Ballkleid. Yumiko (18) im roten Tüllrock. Kimia (18) in pink mit Schleifen. Und natürlich Joshua (18), der einzige Junge. In schwarzem T-Shirt und Boxershorts.

"Jetzt mal als erstes alle Handys ausschalten", ruft Bettina Drexler vom Rand der Turnhalle. "Und dann versucht, in den Spaß zu kommen." Eine gewagte Forderung der Spielleiterin: Geht es in dem Stück, das die Laienspielgruppe "Beate und die greenhorns" probt, doch um Liebe, um Gewalt - und um Mord, vielfachen Mord. "Blaubart und die Frauen" heißt das Stück und ist Dea Lohers Fassung des Märchens "Blaubart". Jenes Märchens über einen unheimlichen, zornigen Mann, der Frauen umbringt - vordergründig, weil sie ihn bedrängen, hintergründig, weil er selbst (zu) schwach ist. Doch Bettina Drexler weiß, dass sie Spaß fordern kann. Weil es gerade der Spaß am Spiel und der humorvolle Umgang mit der Vorlage waren, der die Jury des Theatertreffens der Jugend überzeugte, die Inszenierung auszuzeichnen. "Blaubart und die Frauen" ist eines der acht siegreichen Jugendtheaterstücke des bundesweiten Wettbewerbs. Am Donnerstag darf die Waldorf-Truppe ihre Arbeit auf einer professionellen Bühne präsentieren: im Haus der Berliner Festspiele.

Das Leben geht ins Spiel über

Neugierig sammeln sich die Mädchen um die rote Kiste in der Mitte der Turnhalle. "Nein, ist der süß!", kreischen sie, und: "Der muss aber noch reifen... und wachsen!" Entzückt zerren sie Joshua aus der Kiste, kleiden ihn an, frisieren ihn, füttern ihn. Und einigen sich schließlich auf den Namen "Heinrich". Damenschuhverkäufer ist er, erfährt der Zuschauer, und reichlich unentschlossen: Zig Frauenbeine sieht er täglich und kann sich doch nicht für ein Paar entscheiden. "Er ist sich seiner Vorlieben und Bedürfnisse nicht bewusst, sonst könnte er auswählen!", wiederholen die jungen Schauspielerinnen wieder und wieder. Es herrscht ein Getuschel und Gekicher, ein Gewusel und eine Mädchen-Cliquen-Einigkeit, wie man sie vom Schulhof kennt. Das echte Leben geht ins Spiel über, oder ist das Spiel das echte Leben? Bettina Drexler lacht. "Genau das ist der besondere Zauber bei der Arbeit mit Laien", sagt die gelernte Schauspielerin und Mutter von Nachwuchstalent Marlene. "Man spielt mit dem, was da ist."

Auch privat sind die Darsteller eng befreundet, kennen sich überwiegend seit der 1. Klasse, also seit zwölf Jahren. Das erklärt vielleicht ein Stück weit das Ungezwungene und Freche der Inszenierung, das mitreißt und zum Lachen bringt - trotz der dramatischen Inhalte. Auch das jahrelange Bühnentraining dürfte zur Stärke der Darstellung beitragen: In der Waldorf-Schule ist es üblich, regelmäßig Gedichte, Tänze oder Klassenspiele vor Publikum aufzuführen. Dennoch koste das Spiel Überwindung, gesteht Marlene, genauso wie die vielen Proben über Monate hinweg Durchhaltevermögen erfordert hätten. "Ich wäre fast abgesprungen, als es nicht so lief", erzählt Joshua. Doch dann hatte das Ensemble die rettende Idee: Es beschloss, dass immer alle Darsteller auf der Bühne anwesend sind und sich nicht nur Blaubart als einziger komplett durch die 90 Minuten spielen muss. Die Mädchen und Joshua stützten sich gegenseitig, "und plötzlich war auch die ganze Vitalität und Fantasie da, die wir bis dahin vermisst hatten", sagt Bettina Drexler.

Sich offenbaren

Gemeinsam etwas erarbeiten, sich zusammenraufen, durchhalten, sich selbst fordern, offenbaren und weiterentwickeln: Das ist etwas, das das Theaterspielen Jugendlichen bietet. "Auf die Bühne gehen Jugendliche, die anders sein wollen", sagt Martin Frank (49), seit 15 Jahren Juror beim Theatertreffen der Jugend. Die Arbeit an einer Rolle könne helfen, die Wünsche und Gefühle auszudifferenzieren, zu reflektieren - und schließlich gestärkt hervorzugehen. Das können die Mitglieder von "Beate und die greenhorns" bestätigen. "Ich habe beim Spielen in mich geguckt, welche Gefühle entstehen", erzählt Llewellyn, die im Stück eine blinde Frau mimt. "Dadurch habe ich viel gelernt." Joshua gewann neue Erkenntnisse durch den Ansturm der Frauen auf ihn in seiner Rolle als Blaubart: "Das hat mich fast persönlich in eine Krise gestürzt", sagt er: "Plötzlich hab' ich mich gefragt: Wer bin ich eigentlich?"

Am Ende stand der Erfolg - und die Freude über die eigene Leistung. Kimia erinnert sich glücklich an den "voll krassen Moment", in dem sie gespürt habe, dass sich alle Anstrengung gelohnt habe. Yumiko spricht von Stolz - und von der "Überraschung und totalen Ehre", ausgezeichnet worden zu sein. "Sie bekennen sich zu einer fremden Geschichte, verleugnen aber nicht ihre Person auf der Bühne", schreibt die Jury des Theatertreffens der Jugend in ihrer Begründung. Sie lobt das Individuelle und Intuitive. Dass die Mitglieder des Ensembles es schaffen, nicht in Klischees zu tappen. Und dass "Blaubart und die Frauen" unterhaltsam ist.

Unterhaltsam ist das Stück sogar für die Darsteller selbst. "Es wird nie langweilig, sondern bleibt spannend", findet Lisa. Gebannt schauen die anderen Mädchen zu, wie sie, Lisa, in der Rolle der Julia Heinrich (alias Joshua alias Blaubart) überredet, sie zu heiraten. Schmunzelnd stehen die Mädchen Anna alias Kimia bei, die in Heinrich ihren Seelenverwandten zu entdecken meint und ihn zu verführen versucht. Und schließlich verstärken sie den Druck von Christiane alias Yumiko, die unbedingt von Heinrich erlöst werden will. Auf der Bühne wird geküsst, gescherzt, geschmeichelt, getanzt - und in die Enge getrieben, missbraucht und gemordet, was das Zeug hält. Freiheit, Liebe, Träume, Siege - alles scheitert an zu hohen Ansprüchen, bleibt im Alltag auf der Strecke oder verkehrt sich gar ins Gegenteil. Auch das Leben. Doch am Ende ist es der passive, unreflektierte, verrückt gewordene Heinrich, der tot am Boden liegt - während ihn die gemordeten Frauen lebend umringen. Nicht glückstrahlend, aber immerhin ein Stück weiser, befreiter - und sich selbst treu geblieben.

Es ist viertel nach acht, drei Männer betreten die Turnhalle. Entschlossen packen sie Matte, Kiste und Stühle an und schieben die Stücke in den roten Lieferwagen, der vor der Schule parkt - bereit zur Fahrt ins Festspielhaus. Marlene, Llewellyn, Lisa, Nora, Yumiko, Kimia, Joshua und Bettina Drexler werden am nächsten Morgen folgen. Denn neben dem Auftritt auf der großen Bühne haben die Schauspieler die Teilnahme an einer Projektwoche voller Workshops, Diskussionen und Darbietungen anderer Theatergruppen gewonnen. Eine weitere Chance zu experimentieren und zu reifen - und über sich hinauszuwachsen.