Berliner Agentur Biffy

Paten zum Ausleihen

Carsten Filor kann sich noch genau erinnern, an den Tag, an dem er Jamie das erste Mal getroffen hat. Der Neunjährige machte dem fremden Mann die Tür auf, redete gleich von Fußball, und keine Stunde später kickten sie draußen zusammen.

Als Carsten ging, fragte ihn Jamie: "Kommst du wieder?" So aufgeregt Carsten vor der Begegnung war, so beschwingt ging er an diesem Tag nach Hause. Carsten hatte über die Berliner Agentur Biffy (Big Friends for Youngsters) ein Patenkind gesucht und es in Jamie auf Anhieb gefunden. Seit anderthalb Jahren holt er den inzwischen Zehnjährigen jeden Mittwoch um 14 Uhr von der Schule ab und verbringt mit ihm den Nachmittag. Am liebsten macht Jamie mit ihm etwas, wo er sich austoben kann: Fußball, Badminton. Manchmal malen die zwei auch zusammen, Carsten ist Grafikdesigner. Meist entscheiden sie das spontan. Vor allem schätzt der 35-Jährige an den Treffen mit Jamie, dass er in diesen Stunden ganz im Hier und Jetzt lebt. "Und ich genieße das tiefe Vertrauen, diese erwartungslose Liebe, die Jamie mir entgegenbringt."

Männliche Bezugsperson gesucht

Der Vater von Jamie und dem knapp zwei Jahre jüngeren William ist Engländer und ist nach der Trennung von Tanja, der Mutter der Brüder, wieder in die Heimat zurückgekehrt. Tanja arbeitet 30 Stunden in der Woche, oft fehlt ihr Zeit. Zeit für ihre Söhne, für sich. Außerdem suchte sie männliche Bezugspersonen für Jamie und William. Irgendwann hatte sie einen Flyer von Biffy in der Hand und las das afrikanische Sprichwort: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen". Sie machte gleich einen Termin mit der Agentur aus.

Biffy ist ein gemeinnütziger Verein und vermittelt Kinder zwischen sechs und etwa zwölf Jahren an Erwachsene, die einen Nachmittag in der Woche Zeit mit ihnen verbringen wollen. Es sind vor allem Alleinerziehende wie Tanja, die Paten suchen. Und es kommen Zugezogene, die in Berlin kein soziales Netz haben. Auf der Patenseite stehen häufig Singles, die keine eigenen Kinder, aber einen Draht zu ihnen haben. Die Agentur bemüht sich, die Erwartungen von Familien und Paten abzugleichen. "Die Wellenlänge muss stimmen", sagt Andrea Brandt von Biffy, daher fragt sie in den Vorgesprächen zum Beispiel ab, ob die Familie sich einen schwulen Paten oder einen mit Migrationshintergrund vorstellen kann.

Zunächst kam Ralf Arning in die Familie von Tanja. Der 42-Jährige wollte sich nicht entscheiden zwischen den Söhnen und verbrachte den Nachmittag mit beiden Jungen. Doch schon bald zeigte sich, dass es besser ist, wenn beide einen eigenen Paten haben. Das Buhlen um Ralf war einfach zu groß. Kurz darauf kam auch Carsten in die Familie. "Das war ein Glücksfall mit den beiden", sagt Tanja. Sie vertraut Ralf und Carsten ganz und gar, und die Männer haben der 38-Jährigen auch nie ihre Position gegenüber den Kindern streitig gemacht. "Beide sind bemüht, mir zu zeigen, dass ich dazugehöre", sagt Tanja, "ich bin für sie immer erster Ansprechpartner." Auch sie sucht inzwischen mal den Rat von Carsten oder Ralf: "Für mich ist es ein tolles Gefühl, nicht mehr ganz allein zu sein." Sie findet es gut, dass ihre Söhne eine weitere Bezugsperson haben. Als Jamie neulich mal traurig war, sagte er: "Ich will mich jetzt sofort mit Papa treffen - oder mit Carsten."

Selten nur kommt ein Hauch von Eifersucht bei Tanja auf: Wenn sie sieht, dass ihre Söhne sich stundenlang mit den Paten vergnügen, sie aber mit William und Jamie die Nachmittage nach der Arbeit vor allem mit Hausaufgaben und anderen Pflichten verbringen muss. Inzwischen ist klar geregelt: Mittwochs begleiten Ralf und Carsten die Jungen bei den Hausaufgaben.

Dass Jamie das richtige Patenkind für ihn ist, spürte Carsten schon bei der ersten Begegnung. Nicht nur, weil der eher schüchterne Jamie so offen auf ihn zugegangen war. Beim Fußball gerieten Jamie und William aneinander. "Tanja und Ralf hatten da gleich Partei für den Kleineren ergriffen", erinnert sich Carsten. "Jamie fühlte sich ungerecht behandelt. Das kannte ich so gut, ich bin selbst älterer Bruder." Inzwischen ist daraus ein fester Draht geworden. "Ich weiß ja nicht, wie es ist als Vater, aber ich glaube, dass er nicht anders für ein Kind empfindet als ich für Jamie. Wenn es drauf ankommt, würde ich ihn wie ein Löwe verteidigen."

Mittwochs ist Jamie-Tag

Die Nachmittage mit Jamie sind ein Kontrapunkt zu Carstens sonstigem Leben. Er arbeitet freiberuflich und kann sich seine Arbeitszeit meist gut einteilen. Das heißt: Am Mittwochnachmittag gibt es keine Termine, da ist Jamie-Tag. Wenn doch mal etwas dazwischenkommt, sind beide ganz traurig. Eigene Kinder hat Carsten nicht, das hat sich bisher nicht ergeben, und er ist sich auch nicht sicher, ob er Vater werden will: "Ich müsste ja dann viele Dinge aus meinem Leben herausnehmen." Ralf ist erst seit einem Jahr wieder in Berlin, zuvor hat der 42-Jährige als Agraringenieur sechs Jahre in Afrika gelebt - "wenn ich Kinder gewollt hätte, dann in dieser Zeit", jetzt will er eigentlich nicht mehr, sagt er: "Es ist ja schon etwas anderes, einen Nachmittag in der Woche mit einem Kind zu verbringen oder 24 Stunden, jeden Tag."

Aber der Mittwochnachmittag ist Ralf wichtig. "William will immer ganz viel Geschwindigkeit", sagt Ralf, und so verbringen sie ihre Zeit mit Skaten, Schlittschuhlaufen, Rennen. Viel lernt der Achtjährige dabei vom großen Freund, vieles lernt auch Ralf von ihm. Zum Beispiel, dass er William Brücken bauen muss, damit er aus sich herauskommt. "Es wäre schön, wenn ich noch in zehn Jahren eine Vertrauensperson für ihn bin", hofft Ralf.

So lange dauern die Patenschaften bei Biffy oft nicht, sagt Andrea Brandt, "viele enden, wenn die Kinder in die Pubertät kommen." Jamie hat Carsten neulich gefragt: "Wie lange dauert eigentlich die Patenschaft?" Carsten hat ihm geantwortet: "Von mir aus bis an unser Lebensende." Da hat Jamie ernst geschaut und gesagt: "Das ist gut."

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