Wie sich die Geburten im Laufe der Jahrhunderte verändert haben und vor welchen Herausforderungen die Hebammen heute stehen, darüber sprach Tanja Kotlorz mit der Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbandes, Ulrike von Haldenwang.
Morgenpost Online: Wie hat sich die Geburt in den letzten 125 Jahren verändert?
Ulrike von Haldenwang: Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die meisten Geburten Hausgeburten, bei denen ausschließlich eine Hebamme Hilfe leistete. Heutzutage kommen im Bundesdurchschnitt 98 Prozent der Kinder in Kliniken auf die Welt. In Berlin gibt es mehr Geburten außerhalb einer Klinik, daher werden hier 96 Prozent der Babys in Krankenhäusern geboren. Früher kam es vor, dass Frauen ihre Kinder bei der Arbeit auf dem Feld bekommen haben und gleich weiter arbeiten mussten. Das war unglaublich hart. Viele Frauen sind dann gestorben, vor Erschöpfung, weil sie viel Blut verloren haben oder wegen anderer Komplikationen. Als die Frauen vor etwa 100 Jahren zum Gebären in die Kliniken kamen, war die große Bedeutung der Hygiene noch weitgehend unbekannt, so dass in den Entbindungshäusern zunächst mehr Mütter im Kindbett am Wochenbettfieber starben als bei Hausgeburten. Es war ein Luxus, sein Kind zu Hause auf die Welt bringen zu können. Eine Hausgeburt war teurer als eine Geburt im Krankenhaus. Deswegen fanden vor allem sozial schwache Frauen den Weg in ein Entbindungshaus.
Morgenpost Online: Wie sind Geburten heute?
Ulrike von Haldenwang: Noch nie waren Geburten so sicher wie heute. Noch nie sind so wenig Kinder und Frauen bei oder nach den Geburten gestorben.
Morgenpost Online: Wie hat sich die Arbeit der Hebammen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts gewandelt?
Ulrike von Haldenwang: Es hat sich sehr viel geändert, aber die Probleme sind ähnlich: Hebammen haben früher so wenig verdient, dass sie nicht einmal ihre eigene Beerdingung bezahlen konnten. Auch heute geht es wieder ums Geld: Hebammen verdienen 7,50 Euro netto die Stunde. Eine Yoga-Lehrerin bekommt zehn Euro. Wir arbeiten viel, meist wesentlich mehr als 40 Stunden die Woche um auf einen Verdienst zu kommen, der uns ernährt. Der Hebammenverband fordert bis 40 Prozent mehr Gehalt für die Hebammen von den Krankenkassen, die unsere Arbeit finanzieren. Eine Beleghebamme zum Beispiel verdient pro Geburt nur 237 Euro. Nun ist auch noch unsere Haftpflichtprämie seit Juli dieses Jahres um 56 Prozent auf 3700 Euro angestiegen. Die Kosten für Schadensfälle, also wenn ein Kind behindert zur Welt kommt, haben sich stark erhöht. Die teurere Versicherung können sich viele Hebammen nicht leisten, deswegen geben sie den Job auf.
Morgenpost Online: Empfinden Sie es eigentlich als Privileg, wenn man am Anfang des Lebens mit dabei ist?
Ulrike von Haldenwang: Ja, auf jeden Fall. Ich mag meinen Beruf wirklich sehr gern. Es ist schön, so viel Kontakt zu Familien zu haben. Und es ist schön zu sehen, wie ein Kind seinen Platz in der Familie einnimmt und wie sich das Familiengefüge verändert. Und: Babys sind einfach süß, vor allem wenn sie gerade auf die Welt kommen und so zerknautscht sind.
Morgenpost Online: Sehen Sie diese Babys noch mal wenn sie zum Beispiel 18 Jahre alt sind, oder wenn sie selber Mutter oder Vater werden?
Ulrike von Haldenwang: Bis jetzt noch nicht. Aber ich bin seit 27 Jahren Hebamme, da wird es langsam Zeit, stimmt's?
Morgenpost Online: Das Hebammengesetz sieht vor, dass zu jeder Geburt eine Hebamme gerufen werden muss. Warum ist das so und welche Aufgaben hat die Hebamme dabei?
Ulrike von Haldenwang: Wir haben erkämpft, dass wir bei jeder Geburt dabei sind. Wir wollen nicht, dass unser Berufsstand abgeschafft wird. Wir begleiten und beraten die Schwangeren während der Schwangerschaft, machen mit ihnen die Mutterschaftsvorsorge, helfen ihnen, wenn sie Beschwerden haben und bieten Lösungen zur Geburtsvorbereitung an. Bei der Geburt helfen wir, sind Berater und Begleiter und nach der Geburt betreuen wir die Frauen acht Wochen, geben Tipps für das Stillen, machen Rückbildungsgymnastik.
Morgenpost Online: Ist es in Berlin einfach, eine gute Hebamme zu finden?
Ulrike von Haldenwang: Ja, man sollte sich aber ab der 20 Schwangerschaftswoche darum kümmern. Es gibt eine Liste von Hebammen im Internet unter: www.berliner-hebammenliste.de.
Morgenpost Online: Wie erkennt man eine gute Hebamme?
Ulrike von Haldenwang: Jede Frau sollte vorher mit ihrer Hebamme besprechen, welche Vorstellungen sie von der Geburt hat. Ein guter Tippgeber ist die beste Freundin. Einfach fragen, welche Hebamme sie hatte und ob sie zufrieden war.
Morgenpost Online: Gibt es in Berlin genug Hebammen?
Ulrike von Haldenwang: Nein. Hier betreut eine Hebamme in der Regel zwischen 130 und 160 Geburten im Jahr. Das ist viel zuviel. Besser wäre eine Relation von 100 Geburten im Jahr pro Hebamme. Und es gibt Stadtteile, wo es eine Unterversorgung mit Hebammen gibt, zum Beispiel Hellersdorf, Marzahn und Wedding.
Morgenpost Online: Wie ist die Versorgung für sozial schwache Familien?
Ulrike von Haldenwang: Die soziale oder kulturelle Herkunft spielt keine Rolle. Jeder Frau hat das Recht auf eine Betreuung durch eine Hebamme. Das Problem ist aber, dass wir nicht ausreichend vergütet werden, um auch noch Sozialarbeit in den Familien zu leisten.
Morgenpost Online: Haben Sie spannende Geburten erlebt?
Ulrike von Haldenwang: Ich habe es schon miterlebt, dass eine Frau in die Klinik kommt und das Kind mir praktisch an der Eingangstür in die Hände gefallen ist. Früher einmal, aber das ist 25 Jahre her, wurden wir und vor allem die Mutter von Zwillingen überrascht. Das zweite war bei allen Untersuchungen nicht gesehen worden. Die Mutter hat es mit Fassung getragen.
Morgenpost Online: Wie werden Geburten in 125 Jahren aussehen?
Ulrike von Haldenwang: Hebammen wird es auch in Zukunft geben, Geburten sowieso. Der Trend bei den Geburten wird zur wohnortnahen Versorgung gehen.
Morgenpost Online: Sind Hausgeburten vom Aussterben bedroht?
Ulrike von Haldenwang: Ich denke, die Hausgeburt wird es auch in Zukunft geben. Allerdings eignet sich nicht jede Schwangere für eine solche Geburt in den eigenen vier Wänden. Zunächst muss eine Risikoanalyse erstellt werden. Frauen, die zum Beispiel unter Diabetes leiden oder die schon einen Kaiserschnitt hinter sich haben, sollten ihr Kind nicht zu Hause bekommen.
Morgenpost Online: Man hört immer wieder, dass Frauen kurz nach der Geburt wieder arbeiten oder eine Top-Figur haben. Stehen die Mütter heute unter Erfolgsdruck?
Ulrike von Haldenwang: Ja, ich denke schon. Die Angst zu versagen, vielleicht nicht das perfekte Kind zu bekommen oder zu lange aus dem Job auszusetzen, das macht den Frauen zu schaffen. Die Frauen heute stehen unter einem viel höheren Druck als noch vor 20 Jahren.

