Serie: Große Pädagogen, Teil 10

Jesper Juul: "Selbst die besten Eltern machen viele Fehler"

Vermutlich wurde niemals so viel über Erziehung spekuliert und debattiert wie heute. Während sich unzählige Elterngenerationen ihrer Sache sicher waren und der Meinung waren, dass die eine oder andere wohlplatzierte Ohrfeige ein probates Erziehungsmittel ist, sind Mütter und Väter heute im Umgang mit ihren Kindern oftmals zutiefst verunsichert.

In dieser Welt ist Jesper Juul (62) so etwas wie der gute Kumpel für alle verzweifelten Eltern. Während seine Kollegen Bücher mit Namen wie "Lob der Disziplin" verfassen oder ihre Leser vor "kleinen Tyrannen" warnen, heißt das neuste Werk des Dänen "Pubertät - Wenn Erziehung nicht mehr geht". Schon der Titel zeigt, dass der Familientherapeut aus Erfahrung weiß, wovon er spricht, und seine Leser ernst nimmt.

Jesper Juuls Berufsweg verlief alles andere als geradlinig; Nach einem mittleren Schulabschluss fuhr er als Hilfskoch zur See und schlug sich zunächst als Bauarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper durch. Vermutlich stammt seine pragmatische Sicht auf die Dinge aus genau dieser Zeit. Jesper Juul ergriff die Gelegenheit, ohne Abitur Geschichte und Religion zu studieren. Nachdem er drei Jahre als Lehrer und Sozialpädagoge in einem Kinderheim in Vigby gearbeitet hatte, erkannte er die Bedeutung, die dem Verhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern zukommt. Er ließ sich als Familientherapeut ausbilden.

Der amerikanische Psychiater und Familientherapeut Walter Kempler und der dänische Kinderpsychiater Mogens A. Lund wurden seine geistigen Väter und bestärkten ihn in seinem Ansatz, aktiv mit den Familien der Kinder arbeiten zu wollen. Fast ein Jahrzehnt konzentrierte sich Juul dann auf die Arbeit mit alleinerziehenden Müttern. Im Jahr 1979 rief er gemeinsam mit Lund und Kempler das Kempler Institute of Scandinavia ins Leben, später gründete er das so genannte FamilyLab in der Kleinstadt Odder, das längst zu einer internationalen Organisation angewachsen ist. Außer in Dänemark und Deutschland, gibt es FamilyLab-Niederlassungen auch noch in fünf weiteren europäischen Ländern. Mehr oder minder verzweifelte Eltern können an Seminaren teilnehmen, Vorträge hören und Einzelberatungen nutzen.

Jesper Juuls Arbeit richtet sich vor allem an engagierte und aufgeschlossene Eltern. In seinen Büchern und Vorträgen geht es um das alltägliche Hickhack zwischen Müttern, Vätern und Kindern. Themen wie Drogenprobleme, Kriminalität oder Magersucht fasst Juul lieber nicht an. Er weiß, dass sich solche Probleme nicht in Seminaren oder wenigen Gesprächen gelöst werden können. Respekt, Würde, gegenseitiges Vertrauen - das sind die Zentralbegriffe in der Pädagogik Juuls.

Sein Erziehungskonzept beruht darauf, dass er Kinder von Geburt an als soziale und emotional kompetente Wesen sieht, die von der Umwelt auch als solche behandelt werden sollten. Kinder brauchen seiner Meinung nach Konsequenz und Klarheit, aber keine harte Hand. Werden Kinder und Jugendliche ständig mit Ermahnungen und Verboten konfrontiert, dann lernen sie nur, dass sie "nicht richtig" sind. Eltern sollten sich die Mühe machen, herauszufinden, wer das Kind ist und warum es sich so verhält, nur so kann sich eine positive Beziehung entwickeln.

Der schlimmste Erziehungsfehler ist in Juuls Augen der Wunsch nach Perfektion. "Es gibt keine perfekten Eltern! Es gibt nicht einmal annähernd perfekte Eltern!", mahnt er in seinem Buch "Die kompetente Familie - Neue Wege in der Erziehung." Selbst die besten Eltern würden mindestens 20 Fehler an einem einzigen Tag machen, betont der Pädagoge immer wieder.

Solche Worte beruhigen. Das Sympathische an Jesper Juul ist, dass er niemals von oben herab doziert. Er selbst sei ein schrecklicher Vater gewesen: wütend, frustriert und zutiefst und zutiefst überfordert. Sein Sohn ist trotzdem erwachsen geworden und heute selbst Vater eines kleinen Jungen. Juul redet auch gerne darüber, wie er, der so viel über Erziehung, Kinder und Familien weiß, immer wieder Fehler im Umgang mit seinem Enkelsohn macht - und auch immer wieder viel von dem Kleinen lernt. Er ist nicht perfekt und wird es niemals sein. Die Tatsache, dass er dazu steht, macht ihn in den Augen vieler Eltern viel glaubwürdiger als die meisten seiner Kollegen.

Mit dieser Folge endet unsere Serie über "Große Pädagogen". Alle Serienteile finden Sie auch im Internet unter der Adresse www.morgenpost.de/familie