Cafés

Wo Kinderlärm niemanden stört

Eltern mit Kleinkindern - in vielen Berliner Cafés würde folgendes passieren: genervte Blicke von anderen Gästen, vielleicht sogar ein Anraunzer. Die Eltern entschuldigen sich, rufen ihre Kinder zur Ordnung, verlassen das Lokal zügig - oder wehren sich trotzig. Doch es gibt auch Cafés für Familien - mit mehr als Kuchen und Bauklötze.

Foto: Massimo Rodari

Zwei Dreijährige sitzen auf dem blitzsauberen Boden der "Balou Babylounge" in Friedenau. Sie spielen einträchtig mit einem Bagger, ein Dritter krabbelt durch den großen hellen Raum, der mit den gemütlichen Sofas aussieht wie eine Lounge. Der Junge arbeitet sich vorbei an Sofas, vorbei an Bänken, die in U-Form aufgestellt sind und auf denen es sich Mütter mit ihren Babys bequem gemacht haben.

Er hat ein festes Ziel: das angrenzende Spielzimmer mit der Holzburg und dem Trampolin. Seine Mutter genießt ihren Wellness-Tee, sie hat ihren Sohn immer im Blick und weiß: Hier kann ihm nichts passieren. Die Gäste lassen ihre Schuhe im Eingangsbereich zurück. Das hochwertige, gepflegte Spielzeugangebot wirkt nicht überladen, Reizüberflutung Fehlanzeige. Die Ecken der Möbel sind abgerundet, auf den Tischen stehen keine Vasen, die heruntergerissen werden könnten.

Aus einer Ecke ertönt plötzlich Geschrei. Zwei Mädchen streiten sich um ein Holzauto, die Verliererin lässt ihren Gefühlen freien Lauf. In vielen Berliner Cafés würde jetzt folgendes passieren: genervte Blicke von anderen Gästen, missbilligendes Kopfschütteln, vielleicht sogar ein Anraunzer. Die Eltern erröten, entschuldigen sich, rufen ihre Kinder zur Ordnung, verlassen das Lokal zügig - oder wehren sich trotzig und lassen sich auf eine Diskussion über Kinderfeindlichkeit ein. In diesem Café aber bleibt die Stimmung gelassen, eine entspannte Mutter beruhigt ihr Kind. Das Spiel kann weitergehen.

Wunsch kurzerhand in eine Geschäftsidee verwandelt

Genauso hatte es sich Tanja Schwabe, die Geschäftsführerin der im März dieses Jahres eröffneten "Balou Babylounge", auch für sich und ihre inzwischen dreijährige Tochter Sarah Marie gewünscht. Und sie verwandelte ihren Wunsch kurzerhand in eine Geschäftsidee. "Das Wort Lounge kennt man aus dem Wellness-Bereich. In Anlehnung daran wollte ich einen Ort schaffen, an dem man mit seinem Baby gemeinsam entspannen kann und ein breites Angebot an Kursen inklusive Café-Wohlfühl-Atmosphäre unter einem Dach findet", beschreibt die 34-Jährige ihr Konzept.

Die Idee verdankt Tanja Schwabe ihren eigenen Erfahrungen als Mutter. "Ich bin begeisterte Cafégängerin. Da dies mit Baby häufig mit Stress verbunden ist, habe ich mich in der Nähe nach Kindercafés umgesehen, aber keines gefunden, wo mir das Design und das Ambiente zusagten", so Tanja Schwabe. Zudem habe ihr in Friedenau die Möglichkeit gefehlt, sich mit anderen Eltern auszutauschen. "Nach einem Kursbesuch gab es keine Möglichkeit, sich mit den anderen Teilnehmern zu treffen", sagt sie. "Deshalb war es schwierig, Kontakte auszubauen."

Tanja Schwabe hat es sich inzwischen bei den Eltern der beiden Streithähne gemütlich gemacht. Eines der kleinen Mädchen tröstet sich mit einem Becher Milchschaum, garniert mit Kakaopulver, der fast so aussieht wie ein Latte Macchiato. Ein Grund, warum Tanja Schwabe so viel Spaß an ihrer Arbeit hat: Hier kann sie als abstudierte Betriebswirtschafterin ihre beruflichen Kompetenzen einsetzen und trotzdem genau das machen, was ihr Spaß bringt und zu ihrer Lebenssituation passt.

Ihr Café-Konzept hat sie durch eine Reihe von Kursen ergänzt: Geburtsvorbereitung, Schwangerschaftsgymnastik oder Pilateskurs für die Mütter, Ayurvedische Babymassage oder Musikalische Früherziehung für die Kinder. Wichtig, sagt Tanja Schwabe, sei ihr eine gute Kinderbetreuung. Dort können die Kinder bleiben, während ihre Mütter mal ohne sie einen der Kurse besuchen. Im November stehen auch Familien-Vorträge auf dem Programm: Experten reden über Erziehungsthemen, Finanzen oder medizinische Fragen. Eine weitere Besonderheit der Babylounge: In einem "Snoezelraum" genannten Nebenzimmer können Eltern mit ihren Kleinsten unter Anleitung die Welt der Sinne mit farbigen Lichtinstallationen, einer sprudelnden Wassersäule, Düften und einem Massagebett entdecken.

Mütter und Väter sehnen sich nach Kontakt mit anderen Eltern

Die Resonanz auf das Komplettpaket sei immens, es gebe bereits Wartelisten für einige Kurse, das Café besuchten um die 60 Mütter und Väter pro Tag, viele kämen vier- bis fünfmal pro Woche. "Wir sind neu in Berlin. Deshalb war es für mich wichtig, andere Mütter aus dem Kiez kennenzulernen", erzählt Annerose Noll. Sie zählt mit ihrer 20 Monate alten Tochter Emilia zu den Stammgästen. Seit der Eröffnung habe sie hier viele neue Bekanntschaften gemacht.

Insbesondere im ersten Babyjahr sehnten sich Mütter und Väter nach Kontakt mit anderen Eltern, das bestätigen auch Experten. "Das Leben verändert sich mit dem ersten Kind in jeder Hinsicht. Viele Eltern suchen in dieser Zeit nach Gleichgesinnten, um sich auszutauschen. Eltern-Kind-Cafés sind dafür ein gut geeigneter Ort", sagt Diplom-Pädagogin Lucia Gacinski. Sie ist Beraterin beim Verein Familienzelt in Prenzlauer Berg, der Familien berät und unterstützt.

Und es finden immer mehr Gleichgesinnte aus anderen Bezirken den Weg in den Südwesten Berlins, wie an diesem Tag erstmals Lydia Jobst-Karwarth und ihre zehn Monate alte Tochter Sophie aus Friedrichshain, die trotz des großen Angebotes an Eltern-Kind-Cafés in ihrem Kiez die "Balou Babylounge" ausgewählt hat. "Hier kann ich auch bei schlechtem Wetter hingehen, einen Kaffee trinken, mich zurücklehnen", sagt die Polizeibeamtin. Sophie genieße den Kontakt zu anderen Kindern, eine bessere Vorbereitung auf die baldige Kita-Eingewöhnung gebe es nicht.

Elektrische Eisenbahn liefert den Kindern Getränke

Doch die Friedenauer Babylounge stellt sich nicht allein dem wachsenden Bedarf an Entspannungsorten für Eltern und Kinder. Im April dieses Jahres entstand in Steglitz das Kindercafé "Pustekuchen", inklusive Secondhand-Shop und Kursraum. Für 50 Cent pro Kind gibt es dort ein Spielhaus, ein Bällebad, eine Rutsche und eine Buddelkiste im Garten, sowie Windeln und Feuchttücher umsonst. Der Clou: Eine elektrische Eisenbahn schlängelt sich an der Wand herab und transportiert die Getränke und Speisen direkt in die Hände der staunenden Kinder.

Die größte Dichte dieser Cafés mit lustigen Namen wie "Milchbart", "Freund Blase" oder "Onkel Albert" erfährt der kinderreichste Ortsteil Berlins, Prenzlauer Berg. Kein Wunder, auch 2008 stand dieser Kiez mit 11,8 Geburten je 1000 Einwohner laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg an der Spitze. "Die Entstehung einer entsprechenden Infrastruktur ist da nur logische Konsequenz", sagt Steffen Kröhnert vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Ein Klassiker unter den Kindercafés in diesem Bezirk ist das "Kiezkind", ein Areal auf dem Helmholtzplatz mit großzügigem umzäuntem Außenbereich und einem Indoor-Sandkasten. Ebenfalls sehr beliebt: das "Spielzimmer". Mittelpunkt ist hier der Indoor-Spielplatz, ein Spielhallengerüst im Kleinformat mit Rutsche, Kugelbad und Klettergerüst. Auf Sofas im Retro-Stil machen es sich die Erwachsenen gemütlich.

In Friedenau hat inzwischen Lydia Jobst-Karwarth mit ihrer Tochter Sophie die lange Heimreise nach Friedrichshain angetreten, sie ist begeistert, will jetzt einmal die Woche kommen. Vielleicht aber muss sie bald nicht mehr so weit reisen, um ihr Lieblingscafé zu besuchen: Tanja Schwabe plant die Eröffnung von Filialen ihrer Babylounge, sie scheut auch die Konkurrenz in der Innenstadt nicht.