Wenn Magdalena an der Tischdecke zerrte, wie das sechs, sieben Monate alte Kinder eben so machen - dann zog Charlotte sie sofort wieder gerade. Und wenn Magdalena schlief, sortierte ihre Mutter die Tassen im Schrank. Nach Farben und Größen.

Und jetzt: ein ungemachtes Bett. "Das gehört zu meiner Therapie", sagt die 24-Jährige und lacht. Ein bisschen verlegen - und sehr erleichtert, dass sie Hilfe bekommt. Immer tiefer war sie in den Monaten nach Magdalenas Geburt in die Depression gerutscht. Seit vier Wochen lebt Charlotte mit Magdalena in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Westend. Gemeinsam mit drei anderen Frauen und ihren Babys findet sie dort auf der Mutter-Kind-Station ins Leben zurück. "Ich war immer ein fröhlicher Mensch", sagt Charlotte. Nach außen ist sie das bis heute: Offen geht sie auf Besucher zu, sie lacht, schmust mit Magdalena, plaudert auf dem Flur mit den Klinik-Mitarbeitern. Selbst in den Monaten, als sie jeden Tag an Selbstmord dachte, hielt sie die Fassade stets aufrecht. "Keiner durfte sehen, dass es einem schlecht geht", sagt Charlotte heute. Wenn sie über ihre Krankheit spricht, sagt sie oft "man" statt "ich" und "einem" statt "mir", als wollte sie immer noch ein bisschen Abstand zwischen sich und der Depression halten.

Lange wollte sie ihre Krankheit gar nicht wahrhaben. Wenn sie das Gefühl hatte, mit ihren Aufgaben als Mutter, im Job und im Haushalt nicht mehr fertig zu werden, dann arbeitete die Webdesignerin eben bis nachts um eins, um Magdalena zu versorgen, die Aufträge ihrer Kunden zu erfüllen, den Haushalt in Ordnung zu halten. "Nur um mich selbst habe ich mich gar nicht mehr gekümmert", sagt Charlotte. Ihre Stimme bricht weg, als sie davon erzählt: dass sie überhaupt nichts mehr gegessen hat, dass sie niemals Freunde getroffen hat - "daran war überhaupt nicht zu denken" -, dass ihr ganzes Leben um die Frage kreiste, ob sie mit Magdalena alles richtig macht.

Die eigene Krankheit erkennen

Vor einem Vierteljahr schließlich vertraute sie sich ihrem Freund an. Ob das der schwierigste Schritt war? Charlotte überlegt einen Moment, dann sagt sie sehr entschieden: "Nein, der größte Schritt war die Erkenntnis, dass man krank ist." Zum Glück reagierte ihr Freund sofort. "Geh zum Arzt", sagte er - und der Hausarzt überwies sie an eine Psychologin, die, als Charlotte endlich einen Termin hatte, zur "sofortigen Einweisung" riet. So kam die junge Mutter in die Klinik in Westend.

"Ohne Magdalena wäre ich nicht gegangen", sagt sie. "Ein Kind unter einem Jahr kann man nicht allein lassen." Sie habe Angst gehabt, die Bindung zu ihrer Tochter zu verlieren, wenn sie sie wochenlang nur am Wochenende gesehen hätte. "Zum Glück konnte ich sie hierher mitnehmen", sagt Charlotte erleichtert. Und Magdalenas Vater kommt vorbei, so oft er kann, er darf sogar in der Klinik schlafen.

"In ganz Berlin gibt es nur zehn Plätze für im Zusammenhang mit der Geburt psychisch erkrankte Mütter und ihre Kinder", sagt Mathias Leich, Projektleiter der Mutter-Kind-Station. Dabei bekämen zehn bis 15 Prozent der Mütter eine sogenannte postpartale (nach der Geburt auftretende) Depression. Jede 500. bis 1000. Mutter leide nach der Schwangerschaft an einer ausgeprägten Psychose: Sie höre beispielsweise Stimmen, die Anweisungen erteilen, oder sie deute ein Lächeln als Zeichen, dass das Baby sie ablehnt. "Zu den Frauen, die erst in der Schwangerschaft erkranken, kommen die, die schon vorher psychisch krank sind und Kinder bekommen", sagt Leich und rechnet vor: "32 000 bis 33 000 Kinder werden in Berlin jährlich geboren - das bedeutet, es gibt jedes Jahr in Berlin drei- bis viereinhalbtausend Mütter mit postpartaler Depression und 30 bis 60 mit postpartaler Psychose." Für sie alle stehen zehn Mutter-Kind-Plätze zur Verfügung.

Es fehlte an liebevollen Worten

"Für die Mütter allein sind es viel mehr Unterbringungsmöglichkeiten", sagt Leich - aber viele ließen sich auf die Behandlung nicht ein, wenn ihr Kind nicht mitdürfe. Außerdem sollen die Mütter in der Klinik ja gerade lernen, den Alltag mit Baby zu bewältigen. Jeden Freitag treffen sie sich in der Gruppe "Mütterliche Kompetenz" und diskutieren, etwa darüber, wie wichtig es ist, schon mit einem Baby zu reden, auch wenn es natürlich noch nicht antwortet. "Wenn eine gesunde Mutter ihr Baby auf die Waage legt, redet sie ganz viel", nennt Leich ein Beispiel. "Sie erklärt: Jetzt lege ich dich hier drauf, und damit es nicht so kalt ist, lege ich ein Tuch unter und so weiter. Dadurch lernt das Kind, ebenso durch die Mimik und Gestik der Mutter. Depressive Mütter dagegen reden ganz wenig. Sie antworten mit ein, zwei Worten, sind kurz angebunden, auch dem Baby gegenüber." Zwar versorgten sie das Kind in der Regel, aber das geschehe rein mechanisch, "wie mit einer Puppe im Säuglingspflegekurs".

Eine Puppe, die regelmäßig Milch und eine Windel braucht. Die bekam Lea* auch, viel mehr aber nicht. Mit dem Baby spielen oder spazieren gehen - das konnte ihre Mutter nicht. Denn Jessica* nahm Speed, rauchte Haschisch und verlor sich im Rausch, bis sie mit der Realität nicht mehr zurechtkam, sich verfolgt fühlte. "Die Drogen haben mir Halluzinationen gemacht", sagt die 24-Jährige mit dem kindlichen Gesicht. Leas Vater kümmerte sich nicht um seine kleine Tochter, und Jessicas Mutter war auch "eher weniger" für sie da.

Allein schaffte sie es nicht: "Ich saß da in meiner Einzimmerwohnung und bin nicht mehr nach draußen gegangen, weil ich Angst hatte" - als sie das erzählt, ist Jessicas Stimme ganz dünn. Ihre Tochter wurde immer blasser und stiller, bis sie irgendwann überhaupt nichts mehr machte, nur noch apathisch herumlag. "Das hat mir das Herz zerrissen", sagt Jessica, die schon zwei ältere Kinder nicht behalten konnte. Eines lebt beim Vater, das andere in einer Pflegefamilie. Sie wollte Lea nicht auch noch verlieren und deshalb machte sie schließlich einen Schritt, den sie sich selbst vielleicht am allerwenigsten zugetraut hätte: "Ich bin zum Jugendamt gegangen und habe um Hilfe gebeten", sagt sie. Bei der Erinnerung beginnt sie zu weinen. "Ich hab sie so schrecklich lieb gehabt, aber ich konnte nichts mit ihr anfangen." Ihre Familienhelferin brachte Jessica und Lea in die Klinik.

Jetzt, zehn Wochen später, steht sie kurz vor der Entlassung. Jessica wird nicht in ihre Wohnung im Märkischen Viertel zurückziehen, sondern in einer Mutter-Kind-Einrichtung leben. "Ich fühl' mich gar nicht mehr überfordert", sagt sie. "Das machen die Tabletten." "Ja, und die fehlenden Drogen", wirft Mathias Leich ein. Eigentlich, erläutert er dann, werden suchtkranke Patientinnen auf der Station nicht aufgenommen. Aber dass Jessicas Psychose durch Drogen ausgelöst worden war, zeigt sich erst bei der Behandlung.

Ohne Gespräche geht es nicht

Zu der gehört viel mehr als nur Tabletten: Konzentrationsgruppen, Selbstsicherheitstraining oder zum Beispiel die Körpertherapie, eine Kombination aus Massagen, Krankengymnastik, Gesprächen. "Die mögen die Patientinnen besonders", sagt Mathias Leich. Die Gesprächstherapiesitzungen dagegen fänden die Frauen oft anstrengend: "Das berührt Bereiche, bei denen man gar nicht so gern hinsieht - Konflikte mit den Eltern oder mit dem Partner zum Beispiel." Ohne Gespräche aber geht es nicht - in Einzelsitzungen genauso wie in der Gruppe. Die Babys werden in der Zeit auf der Station betreut.

Auch wenn die Therapiesitzungen vorbei sind, reden die Frauen viel über ihre Erlebnisse. Ganz unterschiedliche Biografien haben sie, sind sich längst nicht in allem einig. Aber die gemeinsame Erfahrung hält zusammen - und das Wissen, dass sie offen über ihre Krankheit reden können. Das sei "draußen" schwierig, sagt Charlotte. "Da kommen schon mal Sätze wie: 'Mir geht's ja auch nicht immer gut.'" Noch immer fällt es ihr schwer, über ihre Depression zu sprechen: "Man schämt sich, obwohl man gar nichts dafür kann."

Während ihre Mütter ein paar Wochen, manchmal auch Monate brauchen, um sich in ihr Leben zurückzutasten, geht es bei den Kindern ganz schnell. Lea, die zu Hause fast nie aus dem Wohn-Schlaf-Kinderzimmer herauskam, nutzt jeden unbeobachteten Moment, um auf allen Vieren zu ihrer Freundin ins Nachbarzimmer zu entwischen. Die vier Patientenzimmer der Mutter-Kind-Station liegen nebeneinander. Gemeinsam haben Mütter und Kinder hier die ersten Geburtstage von Lea und Magdalena gefeiert.

Zwei Wochen bleibt Charlotte noch in der Klinik, dann will sie den Schritt in ihr altes Leben wagen. Schon jetzt hat sie es gründlich umgekrempelt: Magdalena geht von November an in die Kita. Ihre Mutter will dann wieder arbeiten - als Angestellte mit geregelten Arbeitszeiten. Und sie hat sich fest vorgenommen, "dass es egal ist, ob die ganze Wohnung gestaubsaugt ist". Vielleicht schafft sie es sogar, auch zu Hause die Betten nicht zu machen.

*Namen geändert