Manchmal verbringen die beiden auch einen Nachmittag miteinander und kochen zusammen, gehen Eis essen oder im Park spazieren. Die Kleine freut sich schon Tage vorher auf die Besuche bei der Film- und Theaterschauspielerin und ihrer Familie. Und auch diese kann sich ein Leben ohne Fanni nicht mehr vorstellen.
Anna Böttcher ist Fannis Patin. Gefunden haben sich die Familien vor zweieinhalb Jahren durch "Das Patenprojekt". Die Kreuzberger Einrichtung sucht ehrenamtliche Paten für Kinder, die Unterstützung brauchen, und Patenkinder für Menschen, die gerne für sie da sein wollen. Die Jungen und Mädchen kommen aus Familien, die Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen.
Zirkus, Lesen, Rumtoben
So wie Fannis Mutter Sarah Schmidt. Sie ist 23 Jahre alt, arbeitslos, alleinerziehend und hat zwei Kinder, die ihre ganze Kraft beanspruchen. Zurzeit macht sie ihren erweiterten Hauptschulabschluss nach und hat wenig Zeit. "Wenn meine Tochter bei Anna ist, kann ich mich um andere Sachen kümmern", sagt sie. "Um den Haushalt, um Laura* und endlich auch mal um mich selbst." Fannis kleine Schwester ist zwei Jahre alt und würde am liebsten mit zu Anna Böttcher gehen. Denn Fanni erzählt viel über die gemeinsamen Unternehmungen. Am liebsten gehen die beiden schwimmen. Im Zirkus und im Aquarium waren sie auch schon und natürlich im Streichelzoo. Aber auch die ganz einfachen Dinge genießt Fanni. "Meistens läuft sie sofort zum Bücherregal, wenn sie bei uns zu Hause ankommt", erzählt Anna Böttcher. "Sie hat ihre Lieblingsbücher, aus denen wir ihr viel vorlesen. Und ihre Kiste mit Tierfiguren, damit spielt sie leidenschaftlich gern Zoo." Geschichten erzählen liebe Fanni ebenfalls - und das Klettern, Rennen und Rumtoben mit Anna Böttchers neunjährigem Sohn. Er hat in ihr eine verlässliche Spielkameradin gefunden.
Anna Böttcher ist überglücklich zu sehen, wie Fanni ihre Fähigkeiten entfaltet. Wie zufrieden sie ist, wenn sie sich zum Beispiel mit ihren Büchern beschäftigt. Und Sarah Schmidt freut sich über die Chancen, die Anna Böttcher ihrer Tochter eröffnet. "Ich habe oft nicht die zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, mit Fanni etwas zu unternehmen", sagt Sarah Schmidt. "Natürlich bemühe ich mich, ihr alles zu ermöglichen, was sie möchte, aber mit Anna erlebt sie viele tolle Dinge, die ich ihr gar nicht bieten könnte."
Das ist eines der Ziele, das sich das Patenprojekt gesetzt hat: Kindern aus schwierigen Verhältnissen neue Welten öffnen, Perspektiven zeigen, die sie sonst vielleicht nicht kennen lernen würden. Mitverantwortlich dafür, dass die richtigen Paare zusammen finden, ist Andrea Rakers. Die Diplompädagogin hat schon vor Gründung des Projekts Paten für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen gesucht, vor allem für die, deren Mütter minderjährig und überfordert mit ihrer Mutterrolle sind. Derzeit würden überwiegend Kinder chronisch und psychisch kranker Eltern in das Projekt aufgenommen, sagt die 44-Jährige. "Sie wachsen oft ohne ausreichend stabiles soziales Netzwerk auf, gerade, wenn die Eltern auch noch alleinerziehend sind."
Um Pate zu werden, müsse man eine besondere Persönlichkeit haben, sagt Andrea Rakers. "Es ist eine Patenschaft und keine Pflegschaft", betont sie. Gemeinsam mit ihrer Kollegin sucht sie Paten aus, die nur ergänzen wollen und nicht auf dem Standpunkt stehen, dass es dem Kind bei ihnen besser geht. "Der Pate sollte niemand sein, der die Welt retten will und seinem Patenkind die eigenen Wertvorstellungen aufdrückt." Eine "Besserwisser-Haltung" habe nicht den Effekt, dass sich die Eltern des Kindes besser kümmern würden - sie könnten es einfach nicht ausreichend. Genau deshalb sei ja eine zusätzliche Bezugsperson hilfreich.
Vor dem Einsatz gibt es Einzelgespräche und Hausbesuche von den Projektleitern. Außerdem Schulungen über psychische Krankheiten, den Umgang mit Konflikten und Bindungsverhalten. "Die Paten müssen verstehen, dass es gilt, Respekt zu haben vor den Eltern. Immerhin trauen sie sich zuzugeben, dass sie nicht in der Lage sind, ihren Kindern bestimmte Dinge zu geben." Auch ein polizeiliches Führungszeugnis ist gefragt. Die Eltern der Kinder werden ebenfalls überprüft, unter anderem werden sie auch besucht. "Die Kinder dürfen nicht aus vernachlässigten Verhältnissen stammen." Damit sich die "Richtigen" finden, veranstalten die Macher des Patenprojekts mehrere Gespräche, bei denen sich die Kandidaten kennenlernen können.
Die Chemie muss stimmen
Für Anna Böttcher waren diese häufigen Treffen wichtig. "Die Chemie zwischen uns und den Patenkind-Eltern, die ich vorher kennengelernt hatte, hatte nicht gestimmt. Aber bei Sarah war das anders." Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit: "Anna kam auf mich zu und ihr ganzes Auftreten war mir sofort angenehm", erzählt Sarah Schmidt. "Je mehr wir redeten, desto vertrauter wurden wir."
Völlig offen und unvoreingenommen war die junge Mutter zum ersten Treffen gekommen. Ein merkwürdiges Gefühl hatte sie aber trotzdem: "Es ist komisch, sich einzugestehen, dass man es allein nicht schafft", sagt sie. "Und wenn jemand anderes etwas Schönes mit deinem Kind unternimmt, ist das für eine Mutter irgendwie doof." Ob sie manchmal neidisch ist? "Auf gar keinen Fall, so etwas würde mir nie in den Sinn kommen. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter mit ihrer Patin so viel Spaß hat. Sie sind sich so ähnlich. Immer aktiv, den ganzen Tag. Sie haben eine Wellenlänge."
Sarah Schmidt hofft, dass auch die kleine Laura einmal einen Paten bekommt. "Vielleicht in zwei, drei Jahren. Das Leben wäre dann viel bunter für sie." Für Fanni wünscht sie sich, dass sie auch in Zukunft guten Kontakt zu ihrer Patenfamilie hält. Anna Böttcher ist dafür offen: "Es ist für mich immer ein gutes Gefühl, wenn Fanni zu uns kommt", sagt sie. Was nicht zuletzt an Fannis Mutter liegt. "Sarah", sagt Anna Böttcher, "ist eine gute Mutter."
* Namen geändert

