Interview

"Astrid Lindgrens Bücher wurden unterm Ladentisch verkauft"

Vor 60 Jahren erschien das erste Pippi-Langstrumpf-Buch in Deutschland. Ein Gespräch mit Oetinger-Verlegerin Silke Weitendorf.

Berliner Morgenpost: Als Ihr Vater "Pippi Langstrumpf" 1949 auf den deutschen Buchmarkt brachte, gab es viel Lob, aber auch kritische Stimmen. Welche Bedenken wurden geäußert?

Silke Weitendorf: Das Hauptargument der Kritiker war, dass diese Neunjährige mit der Stärke einer Riesin, die allein in der Villa Kunterbunt wohnt und tun darf, was sie will, ein schlechtes Vorbild für Kinder sein könnte. "Kein normales Kind", mokierte einer der Rezensenten, "isst eine ganze Sahnetorte auf oder geht barfuß auf Zucker. Beides erinnert an die Phantasie eines Irren."

Berliner Morgenpost: Auch der politischen Führung der DDR waren Astrid Lindgrens Figuren suspekt, ihre Bücher wurden in Ostdeutschland nicht verlegt.

Silke Weitendorf: Das stimmt so nicht ganz. In der DDR wurden vier Bücher von Astrid Lindgren veröffentlicht, alle im Kinderbuchverlag Berlin: 1960 "Mio, mein Mio", 1971 "Lillebror und Karlsson vom Dach", 1975 "Pippi Langstrumpf" und 1988 "Ronja Räubertochter". Diese Bücher waren in der Ausstattung sehr einfach, teils nur broschiert und immer mit eigenen Illustrationen. Soweit uns bekannt ist, wurde aber immer nur eine erste Auflage gedruckt.

Berliner Morgenpost: Warum diese Einschränkungen - war Pippi zu politisch?

Silke Weitendorf: Natürlich war "Pippi" zu politisch. Die Bücher wurden in der DDR quasi nur unter dem Ladentisch verkauft.

Berliner Morgenpost: Nach 1989 gab es die Pippi-Bücher und auch die anderen Titel von Astrid Lindgren endlich auch im Osten zu kaufen - haben sich Kinder und Eltern sofort darauf gestürzt?

Silke Weitendorf: In der Tat, es gab einen fantastischen Erstverkauf unserer Bücher nach der Wende. Am Anfang war die Nachfrage sehr groß. Dann stand eine Weile die Retrospektive im Vordergrund, die Auseinandersetzung mit der eigenen DDR-Literatur. Diese Unterschiede in der Rezeption zwischen Ost und West sind auch heute noch zu spüren.

Berliner Morgenpost: Pippi scheint - auch dank der schwedischen Verfilmung von 1970 - alle anderen Trends der Kinder- und Jugendkultur zu überdauern. Wieso?

Silke Weitendorf: Sicher hat die Verbreitung durch Film und Fernsehen bei "Pippi Langstrumpf" eine große Rolle gespielt, aber ein Buch mit solchem Witz, solcher Sprache und so außergewöhnlicher Fantasie ist und bleibt zeitlos. Astrid Lindgren hat nicht nur die besondere Gabe Kinder anzusprechen, sie steht auch für eine, besonders zu ihrer Zeit, sehr moderne Pädagogik. Den erhobenen Zeigefinger gibt es nicht. Und die Kinder bei Astrid Lindgren werden immer geliebt.

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