Hans-Werner Meyer weiß genau, dass er den verspielten Jungen in sich an diesem Abend ein bisschen verstecken sollte. Denn der 45-Jährige steht hier, im Charlottenburger "Buchhändlerkeller" nicht in seiner angestammten Rolle als Schauspieler, sondern als zweifacher Vater.
Er liest hier als Papa aus seinem ersten Buch "Durchs wilde Kindistan - zwischen Windeln und Wahnsinn". Über die Erlebnisse mit seinen Kindern ist der Schauspieler unter die Schriftsteller gegangen.
Wieder erzählt ein Mann in einem sogenannten Papa-Roman von der Zeit mit seinem Nachwuchs. Meyer, der in Berlin-Mitte wohnt, hat 375 Seiten mit Dingen gefüllt, die für viele Frauen wohl selbstverständlich sind.
Auf dem Cover posiert er heldenhaft in Karl-May-Manier, gerüstet mit Nuckelflasche, das Baby geschultert, den Blick entschlossen in die Ferne gerichtet. Nun will Meyer, bekannt aus "Die Cleveren", "Der Baader-Meinhof-Komplex" oder Auftritten auf vielen Berliner Theaterbühnen, nachlegen: als Papa und als Autor.
An seiner Seite, als Moderatorin, begleitet Meyer in den kommenden 90 Minuten die Schriftstellerin Regula Venske. Seit etwa 20 Jahren schreibt sie, hat etliche Preise gewonnen. Außerdem ist die 54-Jährige bereits erfahrene Mutter. Sie weiß, wie man mit Kindern umgeht.
Spaß am Quietsche-Entchen
Etwa ein Jahr hat Meyer von seinem Beruf Pause gemacht, und sich um die beiden Söhne, die er mit der Schauspielerin Jacqueline Macaulay hat, gekümmert. In dieser Zeit hat er auch das Buch geschrieben. Venske stellt den Schauspieler nun vor und schenkt dem Fan der Stadt Hamburg für jeden seiner beiden Söhne ein Quietsche-Entchen. Meyer drückt kurz drauf, es quietscht, er freut sich. Dann fängt er an zu lesen.
"Ich gehöre nicht mehr mir selbst, ich gehöre diesem kleinen, schreienden Verdauungssack!" liest Meyer aus dem ersten Kapitel des Buches vor. Der Schauspieler, streichelt beim Lesen immer wieder über die Seiten, seine Seiten, sein drittes Baby. Vor ihm lauschen die Zuhörer seiner sonoren Stimme, die weit davon entfernt ist, dem Krähen eines Babys zu ähneln.
Zu Meyers Linken sitzt Venske, liest mit. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Ein Schüler trägt stehend am Pult vor, der Lehrer sitzt. Venske lobt den Autoren. "Ich habe mich gefragt, warum ich das Buch nicht selbst geschrieben habe", sagt sie zu ihm. Genauso sei auch ihre eigene Zeit als junge Mutter gewesen.
Meyer lächelt und fährt seine literarische Reise durch "Kindistan" fort. Als zweifacher Vater, die Söhne sind ein und drei Jahre alt, erinnerten ihn Angst und Glück zwischen Empfängnis und wildem Rumkrabbeln an den Abenteuerroman "Durchs wilde Kurdistan" von Karl May. "Ich hatte diese Logik, von der konnte ich nicht ablassen und wollte das gesamte Buch drumherum aufbauen", so Meyer.
Der Leser als Abenteuerreisender
Das Motiv der Kindheit als Abenteuerlandschaft zieht sich nun durch das Buch: Der Leser ist ein Reisender, der in Dialogen mit dem Gefährten Effendi mit auf einen Ritt durch das "Vorgebirge der Schwangerschaft", über den "Gipfel der Geburt" in das "Tal der Fragen" genommen wird. Als "Meister", dem Gravitationszentrum der Eltern, tritt dabei das Kind auf.
Meyer wollte den Stress des Alltags witzig brechen. "Das Buch sollte selbstironisch rüberkommen." Es sei mittlerweile alles andere als heroisch für einen Mann, aus dem Job für kurze Zeit auszusteigen und Zeit mit dem Kind zu verbringen. "In vielen Gesellschaftsschichten ist das ja normal - und in Prenzlauer Berg eigentlich schon ein Muss", sagt Meyer.
"Genauso wie das Schreiben darüber." Die Zuschauer kichern. An diesem Abend werden wortgewaltig Vorurteile bedient. Meyer liest: "Heute beginnt der 1. Januar wie jeder andere Tag pünktlich um 6 Uhr 30, weil der Kleine, zuverlässiger als jeder Wecker, um genau diese Zeit seine Milch einfordert und der Große kurz danach im Bett steht und seinen Monolog startet, der erst am Abend aufhören wird, und mit der Frage: ,Bittu wach?', beginnt."
Geschichten, die jeder kennt
Wieder Kichern im Publikum. Meyer trifft den Geschmack mit den Geschichten, auch wenn die Zuhörer sie nicht zum ersten Mal erzählt bekommen. "Neben deinen Hanteln, auf denen inzwischen Spinnen leben - wer braucht Hanteln, wenn er täglich Meister stemmt? - liegen Fingerpuppen, in deinem Regal stehen zwischen deinen Büchern nicht nur "Die Raupe Nimmersatt" und der Band des "Grüffelo", den du so lange gesucht hast, sondern auch zwei kaputte Spielzeugautos."
Auch Venske schmunzelt über die Anekdoten, über die alle lachen, weil jeder sie kennt. Es sind liebevolle Zitate des eigenen Lebens.
Meyer wusste, dass er mit dem Buch keinen Ratgeber bieten kann, wie die Zeit mit Kleinkindern zu meistern, zu überleben sei. "Ich kann jungen Vätern nicht erzählen, wie es geht." Er wollte einfach nur zeigen, was man verpasst, wenn man eben nicht einen Teil der frühen Kindheit zu Hause ist. Und mal ehrlich: "Männer sind Kindern doch sehr ähnlich und suchen den Kick im Alltag."
Wie hab ich das alles durchgehalten
Um den Widerspruch, dass er das Buch nur schreiben konnte, weil seine Babysitter im Dauereinsatz waren, weiß er auch. Er versuche viel, sei aber eben kein perfekter Papa. Venske nickt. Ihr ältester Sohn ist mittlerweile 21. Als sie Meyers Buch gelesen hatte, dachte sie: Wie habe ich das alles durchgehalten? Sie hat darüber promoviert, wie Frauen über Männer schreiben. Damals, in den 80er-Jahren, sprach man noch oft von einer vaterlosen Gesellschaft. Und nun ist in den vergangenen Jahren mit den Paparomanen ein eigenes Genre aufgetaucht.
Sie mag Meyers Versuche. Man unterhält sich als Eltern, auf Augenhöhe.
Venske: "Ich kenne das selber noch aus der Zeit: Sind die Abwehrkräfte mittlerweile besser?"
Meyer: "Mal sehen. Jetzt kommt der nächste Winter. Und die Kinder sind im Kindergarten - da werden sie wohl viele Viren mitbringen."
Venske: "Ja, ja. Wir hatten das auch. Da gehen die Krankheiten reihum. Aber irgendwann sind die Kinder größer und man selber hat sehr gute Abwehrkräfte - da kommt ihr sicherlich auch noch hin."
Und noch ein Quitscheentchen
Das Publikum applaudiert den beiden. Venske greift noch einmal in ihre Tüte und holt ein drittes Quietsche-Entchen hervor, silbern mit goldener Krone. "Das ist für die Dame des Herzens." Sie ahnt wohl, wer im Hause Meyer eher für das Bücherschreiben, und wer für die Erziehung zuständig ist.
Meyer schlägt sein Buch zu, drückt den Buchdeckel noch einmal vorsichtig mit der rechten Hand nach. Dann tritt er ab zum Signieren, greift beim Weggehen vom Pult mit der Rechten sein Werk und mit der Linken schaufelt er die drei Quietsche-Entchen an seine Brust. Alles auf einmal.
Die Szene erinnert an das Cover seines Buches. Ein Vater darf eben keine Sekunde verschwenden. Hans-Werner Meyer ist wohl ein ganz brauchbarer Papa.





