Selbstversuch

So lebt es sich ohne Handy und Facebook

Ein Leben ohne Handy, Laptop, Facebook - geht das noch? Gerade für junge Menschen ist der Verzicht auf Technik heute kaum noch vorstellbar. Für Morgenpost Online haben einige von ihnen den Selbstversuch gewagt.

Foto: Reto Klar

Wir checken unterwegs E-Mails, freunden uns über Facebook an, finden zu jeder Tages- und Nachtzeit das passende Fernsehprogramm. Schon 75 Prozent aller Neunjährigen haben regelmäßig Zugriff auf einen Computer, und 73 Prozent aller Zehn- bis Dreizehnjährigen haben ein eigenes Handy. Das ist das Ergebnis der neuen Kids-Verbraucheranalyse 2010. Aber wie ist es eigentlich, wenn man eine ganze Woche auf eine lieb gewonnene technische Spielerei verzichtet? Finja Berresheim (15), Lydia Roth (18), Johannes Wessels (17), Viktoria Hensler (16) und Leonie Knospe-Graefen (17) waren für die Morgenpost Online sieben Tage lang auf Entzug.


Ohne Handy: Finja Berresheim (15)

Ohne Handy - geht das überhaupt? Etwas skeptisch ging ich an meine Aufgabe. Eine Woche ohne Handy, das klingt für viele schier unmöglich. Freunde über SMS informieren, unterwegs im Internet surfen, Musik hören und einfach überall erreichbar sein - eine Selbstverständlichkeit für die meisten. Auch für mich.

Tag 1: Das Handy bleibt aus, und ich bin ganz gelassen. Ich versuche, mit Spaß an meine Aufgabe zu gehen. Alles im grünen Bereich.

Tag 2: Die Sache sieht schon etwas anders aus. Ich komme zu spät zu meinem Freund, kann ihn nicht schnell anrufen, um Bescheid zu geben. Das gibt Ärger...

Tag 3: Gerne würde ich mich mit meiner Freundin spontan verabreden, die in der Stadt unterwegs ist. Doch wie?

Tag 4: Am Nachmittag fällt mir plötzlich ein, dass meine Eltern nicht wissen, wo ich gerade bin. Eigentlich müsste ich sie über meinen Aufenthaltsort informieren...

Tag 5: Das war der beste - aber nur, weil ich langsam Licht am Ende des Tunnels sah und wusste: Bald schalte ich mein Handy wieder ein.

Ehrlich gesagt glaubte ich am Anfang, dass ich mich schnell an ein Leben ohne Handy gewöhnen würde. Doch immer, wenn ich meine, die Situation im Griff zu haben, stehe ich plötzlich da, vielleicht auf einem S-Bahnhof oder auf dem Weg zu einer Party, und frage mich, ob ich den Versuch nicht einfach abbrechen sollte, weil der Handy-Verzicht mich einfach zu sehr einschränkt. Denn wie soll ich zu der Party hinkommen, wenn ich niemanden von unterwegs anrufen kann, der mir sagt, wo sie ist?

Freunde und Familie mussten sich übrigens genauso daran gewöhnen, dass sie mich nicht erreichen konnten. Es ist nämlich nicht nur für uns Teenager ein großes Problem, Handys, Computern, Fernsehern und anderen modernen Medien zu widerstehen. Für die Eltern ist es genau so schwer. Schließlich wollen sie ja immer wissen, wo ihre Kinder gerade sind. Und als mein Vater neulich nur einen Tag sein Handy vergessen hatte, meinte er anschließend: "Ich fühlte mich irgendwie sehr nackt, hatte dauernd Angst, etwas zu verpassen und nicht erreichbar zu sein!"

Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten, dass ein so kleiner Gegenstand so wichtig ist, dass er aus meinem Leben kaum wegzudenken ist. Klar, man kann sich auch an ein Leben ohne Handy gewöhnen. Und das geht auch, aber man will es gar nicht. Weil das Leben so viel leichter ist mit einem Gegenstand, der kaum größer ist als eine Karteikarte.


Ohne Computer: Lydia Roth (18)

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich diese Woche ohne meinen Laptop durchhalten würde. Denn eigentlich benutze ich den Computer täglich. Etwa für die Schule, um meine E-Mails zu lesen, und natürlich auch, um wie alle meine Freunde dem Facebook-Wahn nachzugehen.

Es war ein seltsames Gefühl, meinen Laptop in das Zimmer meiner Mutter zu bringen, um ein mögliches Schummeln zu verhindern, und ich war ein bisschen beunruhigt. Was ist, wenn jemand ganz Wichtiges sich genau in dieser Zeit meldet und eine schnelle Antwort braucht?

Der erste Tag war am schlimmsten. Es war mir einfach nicht bewusst, bei wie vielen Gelegenheiten man mal rasch bei Wikipedia nachschaut oder wie oft ich die Öffnungszeiten irgendwelcher Läden "google". In den nächsten zwei Tagen fing ich langsam an, mich an den Zustand zu gewöhnen. Aber dann stellte ich irgendwann fest, dass ich jede Menge SMS schrieb und permanent am Telefon hing, um irgendwelche Sachen zu organisieren.

Auch bei den Hausaufgaben war ich teilweise fast ein wenig hilflos. Für die Hausaufgaben in den Fremdsprachen habe ich glücklicherweise noch genügend Wörterbücher gefunden, aber ohne Notebook dauerten die Hausaufgaben letztlich bestimmt eine halbe Stunde länger. Nach einer Weile jedoch, es muss der vierte Tag gewesen sein, fand ich es gar nicht mehr so schlimm, keinen Laptop zu haben. Ich war viel mehr im Freien, weil jetzt eben nicht mehr alle zwei Sekunden nachgeschaut werden musste, wer was auf Facebook schreibt. Am letzten Tag des Experiments hatten es teilweise schon Lehrer mitbekommen, weil ich sonst immer sehr schnell auf ihre Nachrichten reagiere. So kam es dazu, dass mich eine Lehrerin auf dem Gang anhielt und fragte, ob denn mein Computer kaputt sei oder das Internet nicht funktioniere. Ich könne doch von ihrem Laptop meine E-Mails checken. Ich muss gestehen, ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt, dann aber doch dankend abgelehnt.

Endlich war das Ende der Testwoche gekommen - und ich war gespannt. Vor allem auf all die E-Mails, die ich verpasst hatte.

Doch es kam anders. Erst habe ich den halben Tag mit Kleinigkeiten verbracht, bis mir irgendwann siedend heiß einfiel: "Du darfst ja heute deinen Laptop wieder anwerfen!" Das habe ich prompt getan, doch erst einmal stürzte mein Mailprogramm ab. Also habe ich es ein zweites Mal probiert - immerhin hatte ich in den paar Tagen knappe 200 Mails bekommen. Zwar waren ungefähr 150 davon Werbenachrichten, die sonst sowieso in den Müll wandern, aber beeindruckt war ich trotzdem.

So oder so gilt: Ein zweites Mal würde ich diesen Selbstversuch nicht durchstehen. Ich habe mich einfach so an meinen Computer gewöhnt; als Hausaufgabenhilfe und Kommunikationsmittel ist er unersetzlich!


Ohne Uhr: Johannes Wessels (17)

Ich habe den Härtetest noch zum Ende des Schuljahres gemacht: eine Schulwoche ohne Armband- und Handy-Uhr sollte doch kein Problem sein - vor allem, da man ja durch Bahnhofsuhren und überall in der Stadt installierte Funkuhren die aktuelle Uhrzeit gar nicht verpassen kann. Sollte man meinen.

Als ich am ersten Testtag um kurz vor acht statt kurz vor sieben Uhr aufwachte, stellte ich jedoch schmerzlich fest, dass eine Woche ohne Uhr auch eine Woche ohne Wecker bedeutete. Da ich wie jeder Schüler zwischen 14 und 17 Jahren morgens hochgeprügelt werden muss, spürte ich den Verlust des automatischen Weckservices jeden Tag aufs Neue, bis ich schließlich meinen Bruder dazu verdonnerte, morgens wenigstens mal laut in mein Zimmer zu schreien und abzuwarten, ob sich etwas regte.

Nach hektischem Aufstehen, einer raschen Wasserbenetzung, einem vitaminreichen Frühstück (Banane auf dem Fahrrad), raste ich stets wie ein Verrückter zum Bus, nur um dann festzustellen, dass ich trotz späten Aufstehens noch neun Minuten zu früh war. Bis auf den ersten Tag habe ich die Schule allerdings immer pünktlich erreicht, was mich den Umständen entsprechend schon ein bisschen stolz machte. Weniger erfreulich war allerdings die Tatsache, dass ich fast alle meine anderen Termine, sei es Leichtathletik-Training oder Firm-Kurs, entweder mindestens zehn Minuten zu früh oder so viel zu spät erreichte, dass es sich teilweise gar nicht mehr lohnte, noch einzusteigen. Mein Zeitgefühl ist nicht schlecht, aber es nützt eben nichts, auf die Minute genau schätzen zu können, wenn man sich in der Stunde vertan hat. Besonders bei Ladenöffnungszeiten und dringenden Einkäufen war dies besonders ärgerlich.

Das eigentlich Schlimmste für einen eingefleischten Armbanduhr-Träger wie mich war aber der immer wieder geschockte Blick auf das leere Handgelenk, der sich jede Stunde mehrmals wiederholte. Es ist zum Verzweifeln, wenn man nach zehnminütigem Dauerlauf an der leeren Bushaltestelle ankommt und sich fragt: "War er schon da oder kommt er noch?!"

Doch eine Woche ohne Uhr-Kunde hat auch Vorteile: Nach zwei Tagen hat man sein Zeitmanagement bereits ganz gut im Griff, zu den "wichtigen Terminen" (Fußball, Schwimmbad) erschien ich stets überpünktlich, und notfalls konnte man eine Verspätung noch mit der billigen Ausrede "Ich hab' meine Uhr vergessen" begründen.

Letztlich lässt sich sagen, dass eine Woche ohne Uhr eine bemerkenswerte Erfahrung ist. Nicht nur für die Selbsteinschätzung, das Zeitgefühl und Pünktlichkeitsbewusstsein, sondern vor allem auch für die Uhr. Als ich nach fünf Tagen Pause nämlich endlich mein heiß geliebtes Lederarmband zurück an meine Haut gleiten ließ, bewegten sich die Zeiger keinen Millimeter mehr, lediglich der Sekundenanzeiger zuckte noch schwach.

Meine Uhr ist nun beim Uhrmacher, und so ist das Testverfahren zur Routine geworden. Allerdings benutze ich ab jetzt meine Handy-Uhr, denn eine unUhrige Woche ist definitiv eine unruhige Woche.

Ohne Facebook: Viktoria Hensler (16)

Es mag sich vielleicht einfach anhören, aber stellen Sie sich mal eine Woche ohne Blackberry, Handy oder E-Mail vor. Denn genau das bedeutet Facebook für mich - über das soziale Netzwerk bleibe ich mit meinen Mitmenschen in Kontakt, wenn ich nicht gerade mit ihnen beisammen bin. Mein Handy gerät darüber oft in Vergessenheit! Ich brauche Facebook hauptsächlich dafür, mein Wochenende zu planen, Hausaufgaben zu besprechen, Probentermine meines Schauspielkurses zu klären und mit meinen kanadischen Freunden in Kontakt zu bleiben und... - die Liste ist lang.

Schaffe ich es, eine Woche lang völlig auf Facebook zu verzichten? Den Ehrgeiz, mir zu beweisen, dass ich das kann, habe ich schon. Ich will den Versuch wagen.

Ist gar nicht so schwer, denke ich mir - anfangs! Vor allem sehe ich meine Freunde ja täglich in der Schule. Schnell wird es aber schwieriger, als mich meine Freundin Becky fragt, ob ich die Fotos von der Party letztes Wochenende schon gesehen habe. Geduldig weise ich sie darauf hin - danach übrigens mehrmals täglich - dass ich momentan mitten in einem Selbstversuch stecke und mir selbst den Zugriff auf Facebook verbiete.

Die Verlockung ist groß, wenn meine Finger wie automatisch Facebook.com eintippen, wenn ich im Internet bin. Fühlt sich so Sucht an? Bin ich am Ende ähnlich abhängig wie Lindsay Lohan? Nur natürlich ohne den selbstzerstörerischen Effekt. Am fünften Tag, ich rufe wegen Hausaufgaben gerade einen Kumpel an, ertönt eine monotone Frauenstimme am Apparat: "Ihr aktuelles Guthaben beträgt null Euro und 32 Cent." Na super! Nach einer Woche habe ich mein ganzes Handyguthaben, das normalerweise einen ganzen Monat reicht, aufgebraucht! Teuer wird der Versuch nun also auch noch! Außerdem fühle ich mich enorm abgeschnitten vom Informationsfluss. "Von welcher Geburtstagsfeier reden die alle?", wundere ich mich Freitagabend. "Das hast du doch auf Facebook gelesen", heißt die Antwort nur lapidar. NEIN, habe ich eben NICHT!!! Werde ich nun zum Außenseiter, weil mir wichtigste Informationen vorenthalten bleiben? So schlimm ist es natürlich nicht, weil ich ja auch noch direkt mit Freunden kommuniziere. Aber auf alle Fälle ist es viel leichter, Daten und Fakten über Facebook abzurufen.

Mein Fazit also lautet: Auf Facebook zu verzichten, erschwert das Leben schon ungemein, weil viel mehr Zeit (und Geld) draufgeht. Nach krampfhaftem Überlegen fällt mir doch noch ein Vorteil ein: dass ich vielleicht weniger Stress mit meiner Familie habe, weil ich den PC nicht blockiere. Trotzdem, ein Leben ohne Facebook - muss nicht unbedingt sein!


Ohne Sportfernsehen: Leonie Knospe-Graefen (17)

"Leo, geht's dir gut?" Diese Frage kommt von einer Freundin, doch mir geht es gut - ich habe nur ein paar Tage lang auf mein geliebtes Sportfernsehen verzichtet. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang, und eines, das mich besonders hart trifft. Das muss wohl an meinen Genen liegen, denn meine Mama und ich verpassen keine Sportschau-Sendung, und ich stelle mir bei den Olympischen Spielen sogar den Wecker, um bestimmte Disziplinen nicht zu verpassen. Man kann also getrost sagen, dass ich verrückt nach Sport bin.

Meine Freundin erkundigt sich an einem Freitag nach meinem Zustand, es ist der letzte Tag meines Experiments. Ich bin schon ganz aufgeregt, was mich wohl erwarten wird, wenn ich am nächsten Tag, also am Sonnabend, endlich wieder den Fernseher einschalten kann.

Im Rückblick war der erste Tag besonders schwierig, denn normalerweise komme ich nach Hause und schalte bei Eurosport erst einmal den Videotext an, um nachzusehen, was im Sport Neues passiert ist, während ich in der Schule gesessen habe. Im Videotext stehen auch Nachrichten über Sportarten, die in anderen Medien eher selten auftauchen. Doch auch das Durchblättern der Videotextseiten war in dieser Woche ohne Sportfernsehen natürlich verboten. Auf den Griff zur Fernbedienung zu verzichten, war jetzt zur Leichtathletik-Europameisterschaft furchtbar, da ich am nächsten Tag in der Schule nicht ganz so gut informiert war wie gewöhnlich. Normalerweise bin ich diejenige, die die Sport-Neuigkeiten in die Schule bringt...

Der zweite Tag war schon einfacher, doch den Reflex, zur Fernbedienung zu greifen, musste ich immer noch stark unterdrücken. Die nächsten Tage verliefen dann schon besser. Um mich abzulenken, habe ich ein wenig gelesen und mich häufiger gesonnt. Doch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, blieb die ganze Woche über. Am letzten Tag dieses Experiments war ich besonders hibbelig, da mir klar war: Nur noch einen Tag, dann habe ich es geschafft.

Insgesamt war der Verzicht auf das Sportfernsehen etwas leichter, als ich vorher angenommen hatte: Ich habe diese fünf Tage überstanden, war dann aber doch sehr froh, am Sonnabend wieder Eurosport einschalten zu können.

Ich empfehle das Experiment, mal ein paar Tage auf eine eingefleischte Gewohnheit zu verzichten, weiter. Es war eine interessante Erfahrung, um zu merken, dass der Sport nicht das Wichtigste im Leben ist - auch deshalb, weil andere Dinge, die sonst leider oft zu kurz kommen, während dieser Zeit mehr in den Vordergrund gerückt sind.

Ich bin mit einem Fernseher groß geworden, meine Großeltern hatten dieses Privileg nicht. Und wenn ich dann mal eine komplette Woche lang darauf verzichten muss, ist das schon auszuhalten, weil ich ja weiß: Nach dieser einen Woche darf ich wieder an den Fernseher. In der fernsehfreien Zeit hatte ich beispielsweise genug Muße, mein Buch endlich mal auszulesen, ich habe mehr mit der Familie unternommen, und ich war außerdem auch noch öfter als sonst mit meinen Freunden unterwegs.