Ob er wohl Immanuel Kant getroffen hat? Vielleicht auch Fichte? Als Roswitha Böttichers Ururgroßvater in Königsberg Philosophie studiert hat, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, war die Universität weltweit berühmt für ihre großen Denker. „Manchmal stelle ich mir vor, wie das damals dort gewesen sein könnte, wie er gelebt hat, mit wem er zu tun hatte“, sagt die Ururenkelin des damaligen Studenten und blättert in den Unterlagen, die sie aus Königsberg bekommen hat.

Bis vor wenigen Jahren wusste die 68-jährige Berlinerin kaum etwas von ihrem Königsberger Vorfahren. Nicht, was er studiert hat. Nicht, dass er promoviert hat. Nicht, dass er drei Bücher geschrieben hat. Vor fünf Jahren erst hat Roswitha Bötticher begonnen, in ihrem Stammbaum zu stöbern – und ist auf einige Überraschungen gestoßen.

Ihr Vater hatte vor vielen Jahren bereits die Familiengeschichte erforscht. Dafür hatte sie sich aber nie interessiert. Doch kurz vor seinem Tod verbrannte der Vater all seine Unterlagen über die Böttichers. Das machte sie stutzig. Warum hat er das nur gemacht? Wollte er etwas verheimlichen? Oder war er doch einfach nur verwirrt?

Mit Familienfotos fing es an

Roswitha Bötticher fing an, sich alte Familienfotos anzusehen, und entdeckte das Bild des Lankwitzer Ausflugslokals „Grüne Linde“, das ihre Urgroßmutter um 1900 im Langkofelweg geführt hat. „Irgendwie war das dann plötzlich spannend herauszufinden, was damit passiert ist“, sagt sie heute. Sie erkundigte sich in Lankwitz und fand durch Zufall jemanden, der ihr sagen konnte, die „Grüne Linde“ sei ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. Sogar Bälle wurden dort gegeben. Nach dem Krieg brannte das Lokal ab.

Die Detektivarbeit begann Roswitha Bötticher Spaß zu machen. Sie fuhr ins „Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz“ in Dahlem – allein der Name klingt schon nach Kellern voller rätselhafter Dokumente. Hier werden unter anderem Verwaltungsdokumente Brandenburg-Preußens verwahrt.

Für die Familienforschung ist es wichtig, dass man einige Angaben über Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kennt – irgendwo muss man ja anfangen zu suchen. Das Geburtsdatum allein reicht zum Beispiel nicht, unerlässlich ist auch der Ort des Geschehens. Denn alle Ereignisse wie Geburt, Taufe und Tod wurden vom Pfarrer im Kirchenbuch des Ortes notiert. Man muss also wissen, in welchem Buch welcher Ortschaft die eigenen Vorfahren verzeichnet sind. Findet man den Eintrag, kann man von dort weiter zurückgehen – etwa wenn dort bei der Geburt der Urgroßmutter deren Eltern eingetragen sind, die man vorher noch nicht einmal namentlich kannte.

Die Suche ist oft nicht einfach: Die Schrift ist unleserlich oder es fehlen wichtige Angaben. Erst 1764 legte Friedrich der Große fest, was genau in den Kirchenbüchern festgehalten werden muss. Standesämter mit Einwohnerkarteien wurden im Deutschen Reich erst 1875 eingeführt. Oft ist die Suche allerspätestens im 17. Jahrhundert zu Ende, unzählige Dokumente gingen im Dreißigjährigen Krieg verloren.

Plötzlich hatte sie ein Wappen

Viel ergab die Suche in Dahlem für Roswitha Bötticher nicht, aber das Wenige war umso interessanter. „Sie haben ein Wappen“, sagte eine der Mitarbeiterinnen des Archivs, die der Rentnerin behilflich war. Bötticher wollte das nicht glauben: „In unserer Familie wurde nie irgendetwas von einem Wappen erzählt.“ Aber die Dokumente widersprachen: Seit 1615 werde das Wappen mit Schlegel und Glocken als Symbol für die Bottichmacher in der Familie Bötticher geführt, stand da. Roswitha Bötticher war begeistert, doch längst nicht jeder konnte das nachvollziehen. „Was du jetzt immer mit diesen toten Menschen hast“, sagte ihr Bruder, „du kannst dir das Wappen ja jetzt in all deine Unterhosen sticken lassen.“

Die Rentnerin ließ sich nicht beirren. Da sie nun auch wusste, dass ihre Familie aus Crone an der Bahr in Westpreußen stammt, suchte sie im Evangelischen Zentralarchiv in Kreuzberg weiter. Dort, versteckt in einer Ecke in der Nähe des Mariannenplatzes, werden nämlich alle im Krieg geretteten evangelischen Kirchenbücher der ehemaligen deutschen Ostgebiete aufbewahrt. Weil sie nicht wusste, wie sie anfangen sollte, nahm Bötticher die Hilfe der Berliner Ahnenforscherin Renate Rüb in Anspruch.

Genealogie-Website gehören zu den erfolgreichsten

Die Historikerin machte sich als Genealogin selbstständig, weil sich immer mehr Menschen für Familienforschung interessieren. „In der heutigen Massengesellschaft verspüren immer mehr Menschen das Bedürfnis, sich mittels Familienforschung selbst zu verorten, die eigenen Wurzeln zu finden“, vermutet Renate Rüb. Seit sechs Jahren bearbeitet sie die verschiedensten Suchaufträge. „Es gibt drei Typen von Familienforschern“, sagt sie, „die Jäger und Sammler, die Adelssucher und die mit einem persönlichen Anliegen.“

Mit „Jäger und Sammler“ meint Rüb diejenigen, die nach allen Daten fahnden, die sie bekommen können, um einen möglichst weit verzweigten Stammbaum vorweisen zu können. „Diese Jagd ist gerade eine Art Trend. Die Genealogen haben sich die Möglichkeiten des Internets zu eigen gemacht, viele sind richtig gut vernetzt.“ Nach Erotikseiten sind Genealogie-Websites wie die der Mormonen ( www.familysearch.org ) weltweit die meistbesuchten Seiten im Internet. Es gibt Online-Datenbanken und unzählige Foren, in denen sich Ahnenforscher austauschen. „Die zweite Gruppe Hobbyforscher hofft auf spektakuläre Funde wie den sprichwörtlichen Grafen in der Familie.“ Die dritte Gruppe wolle die Geschichte einer Person erfahren, zu der sie eine persönliche Beziehung hatte. „Neulich etwa wollte eine Frau nach dem Tod ihrer Mutter herausfinden, ob sie unehelich geboren wurde“, erzählt Rüb. Mithilfe der Genealogin erfuhr Roswitha Bötticher, dass ihr Ururopa Gutsbesitzer in Westpreußen gewesen ist. Sie schrieb daraufhin die Ortschaft im heutigen Polen an und bekam nach einiger Zeit – Ahnenforscher müssen viel Geduld haben – Unterlagen zugeschickt, die von den Böttichers als königlich preußische Ordensträger erzählen, von drei Gutshöfen und davon, dass der Urgroßvater in Crone Bürgermeister war.

Ein Geheimnis bleibt

Roswitha Böttichers Funde sind außergewöhnlich, längst nicht jede Familie hält solche Geschichte bereit. Jetzt will die 68-Jährige herausfinden, wie ihre Ahnen gelebt haben – und warum all die Besitztümer im 18. Jahrhundert verloren gegangen sind. „Früher hatte ich mal viele Hobbys, jetzt mache ich nur noch Ahnenforschung. Das ist viel spannender, als Seidentücher zu bemalen“, sagt Bötticher. Eine Familienchronik möchte sie schreiben, für ihre eigenen Nachfahren. „Ich wüsste so gern, wie die damals gelebt haben, ich wünschte mir, meine Vorfahren hätten schon etwas über ihr Leben aufgeschrieben.“

Warum ihr Vater vor seinem Tod alle Familienunterlagen verbrannt hat, weiß Roswitha Bötticher bis heute nicht. Manche Familiengeheimnisse nehmen die Ahnen für immer mit ins Grab.