Elf Jahre stand der Name fest. Miriam, nach Moses kluger Schwester. Es blieb ein Name ohne Kind: Es wollte nie eines kommen, und Manuela P. (35) hatte eigentlich aufgegeben: „Man kann doch auch ohne eigene Kinder ein schönes Leben haben. Dachte ich.“

Eineinhalb Jahre hatten die Physiotherapeutin und ihr Mann auf eine ganz normale Schwangerschaft gehofft. Vergeblich. Dann Hormontherapie probiert. Dann künstliche Befruchtung. Dann kam die Resignation.

Hunderte solcher Paare sind in der Fera-Kinderwunschpraxis im Wenckebach-Klinikum in Tempelhof bislang behandelt worden. Das Durchschnittsalter der Frauen, die in den vergangenen zehn Jahren in die Praxis kamen, lag bei 34 Jahren. In etwa 500 Fällen war die Behandlung erfolgreich, der Kinderwunsch der Paare erfüllte sich. Am Freitag feierte die Fera-Klinik, eine der ersten Reproduktionspraxen in Berlin, ihr zehnjähriges Bestehen.

Zu den Gründen, wieso es mit einer Schwangerschaft auf natürlichem Weg nicht klappt, erklärt Reproduktionsmediziner Andreas Jantke (39) von Fera: „In einem Drittel der Fälle liegt es an beiden Eltern, sonst ausgeglichen entweder am Mann oder der Frau. Und in 15 Prozent weiß man es einfach nicht – medizinisch ausgedrückt: Idiopathische Sterilität.” Das Ergebnis in der Klinik: Rund 500 Wunschkinder aus dem Glas, durch In-vitro-Fertilisation (Befruchtung im Reagenzglas). Statistisch kommen dabei in 20 Prozent Zwillinge, in einem Prozent Drillinge zur Welt.

Und in einem einzigen eine Miriam, an die die Eltern schon gar nicht mehr geglaubt haben.

Für eine Wunschkindbehandlung hatte Manuela P. schon vor zehn Jahren angefangen zu sparen. Wahrscheinlich lagen die Probleme an einer Schilddrüsenstörung. Daher entschloss sie sich mit ihrem Mann zu einer IFV. Doch der erste Versuch misslang. Die Klinik war nicht die richtige, sagt sie heute: „Da fühlte ich mich nur wie eine Nummer.“ Jeder neue Fehlschlag fühlte sich nach Versagen an, neuer Kummer überfiel sie: „Und das ist nicht gut; die Psyche ist unglaublich wichtig für eine Schwangerschaft.“

Das allererste Bild ist ein Achtzeller

Dann entschieden sie und ihr Mann schließlich aufzuhören, sich nicht weiter auf den Kinderwunsch zu fixieren und stattdessen „das Leben zu genießen, Urlaub zu machen“ – auch ohne Kind. Sie sagten sich: „Wir haben doch genug Nichten und Neffen in der Verwandtschaft, genug Babys im Freundeskreis, um die man sich kümmern kann.“ Nur ganz so einfach war es nicht: „Es wurde immer schwerer, die Kinder nach dem Besuch wieder zurückzugeben …“

Nach einer Hormonbehandlung werden bei der künstlichen Befruchtung bis zu zehn Eizellen entnommen. Die Mutter ist dabei unter Vollnarkose. Der Ort, an dem neues Leben entsteht: ein Mikroskop mit Haltepinzette für die Eizelle und einer sehr dünnen Nadel zur Injektion des Samens. Nebenan steht ein Ding, das aussieht wie eine dickere Propangasflasche – darin lagern an die 1000 befruchtete Eizellen vor der ersten Teilung, die vielleicht alle einmal Babys werden wollen, bei minus 196 Grad. Aber sie dürfen nicht ohne Weiteres. Und das hat rechtliche Gründe: Nach der ersten Zellteilung gilt die befruchtete Eizelle nämlich als Embryo – nur im Notfall dürften diese Zellen noch in flüssigem Stickstoff gelagert werden.

Zwei bis drei Embryos dürfen wachsen, sich immer weiter teilen, in zwei, in vier, in acht Zellen teilen. Dann kann man sie sogar schon mit bloßem Auge sehen, „wenn man sehr scharf hinschaut“, sagt Jantke. Manche Eltern holen sich, wenn dann neun Monate später alles gut gegangen ist, das allererste Bild ihres Kindes noch ab, um es ihm später einmal zu zeigen: So hast du mal ausgesehen, als du wirklich noch ganz, ganz klein warst. Vor der Geburt will das aber niemand.

Sieben Jahre hatte Manuela geglaubt, dass in ihrem Leben kein eigenes Kind sein sollte. Dann verletzte sie sich 2008 beim Skiurlaub in Österreich am Knie und musste in der Pension bleiben: „Viel Zeit, über sich nachzudenken.“ Sie saß auf dem Balkon – und unten spielten die Kinder der Nachbarschaft.

Gleich nach der Rückkehr ging sie zu ihrer Frauenärztin, die empfahl sie an das Kinderwunschzentrum Fera. Sie machte die Hormontherapie, ließ sich Eizellen entnehmen und die befruchteten wieder einsetzen. „Wiedergeben“ nennen die Ärzte das hier, „der Mutter wiedergeben“. Das ist schöner als der wissenschaftliche Ausdruck, „Embryotransfer“. „Zwar ist oft ist der Mann schuld an der Kinderlosigkeit, aber die Frau muss mehr auf sich nehmen“, erklärt Jantke. „Sie muss regelmäßig zur Untersuchung, er nur einmal hierhin.“

In dem Moment, in dem der Embryo zum ersten Mal seiner Mutter begegnet, sind aber die meisten Männer dabei. Danach muss eine befruchtete Eizelle es schaffen, sich in der Gebärmutter einzunisten und zu wachsen. Wie bei jeder anderen Schwangerschaft auch. Es dauert 14 Tage, bis die Mutter weiß, ob alles gut gegangen ist.

Manuelas Mann war auch dabei, als sie das erste Mal die winzig kleine Eizelle anschauen konnten, aus dem später einmal ihr Baby werden sollte. Dann konnten sie 14 Tage nichts tun – außer nichts tun: abwarten, keinen Alkohol trinken, gesund essen, optimistische Gedanken. Dann endlich sagte der Arzt: „Herzlichen Glückwunsch!“

Meist ein Jahr in Behandlung

Manuela ist eine burschikose Frau, und sie berlinert ein bisschen. Drei Monate nach der Geburt ist sie wieder gertenschlank, und sie sagt nichts Melodramatisches, das würde nicht zu ihr passen. Nur: „Wir haben uns einfach so gefreut.“

Ein Jahr sind die meisten Patientinnen im Kinderwunschzentrum in Behandlung. Tendenziell sind die Fehlbildungsraten bei künstlichen Befruchtungen höher, „aber nur, weil die Eltern von vorneherein ein höheres Risiko haben, durch ein höheres Alter oder auch genetisch bedingt“, sagt Jantke.

Neun Stunden dauerten Manuelas Wehen bei der Geburt. Ob sie die Entscheidung da bereut hat? „Quatsch“, wehrt sie ab, „und ich hatte ja auch nicht ununterbrochen Schmerzen.“ Zum Schluss musste doch noch ein Not-Kaiserschnitt gemacht werden, weil das Baby nicht richtig lag, „die Nabelschnur war zu kurz“, sagt Manuela und erinnert sich noch an den Schrecken, der sie kurz überfiel.

1. Mai 2009: Das Kind, das seit elf Jahren Miriam heißt, ist da. 3120 Gramm, 51 Zentimeter.

Heute, rund drei Monate später, schaut sich Miriam mit großen interessierten Augen die Welt an. Immer mit einem leicht erstaunten Stirnrunzeln, sagt ihre Mutter und ergänzt: „Sie hat ein Lächeln für jeden.“ Gerade legt Miriam bei ihrem Besuch im Kinderwunsch-Zentrum auch ein wenig die Arbeit lahm, weil jeder kommt und zurücklächeln will. Sie schreit fast nie, weil ein kleines höfliches Weinen bei Hunger oder Missbehagen schon ausreicht. Ihre Hobbys sind: Die-eigenen-Hände-angucken, Schlafen, Bäume sehen, die sich bewegen. „Und mein Mann und ich“, sagt ihre Mutter, „erklären ihr auch immer alles, was sie sieht.“ All das eben, was sie ihr schon vor elf Jahren sagen wollten.