Die zwei Schülerinnen Tia (8) und Cecilia Herzberg (11) sowie ihre Mutter Anja Herzberg (28), ihre Großmutter Marlies Pommer (55) und ihre Urgroßmutter Sibylla Bolduan (83) aus Kreuzberg über ihre Erinnerungen an Zeugnisse und was Noten für sie bedeutet haben.
Morgenpost Online: Tia und Cecilia, zeigt ihr morgen Eure Zeugnisse Euren Groß- und Urgroßeltern?
Tia: Ja, klar zeigen wir die.
Cecilia: Wir machen immer die Runde.
Urgroßmutter (lacht): Na, ihr kriegt ja dann auch immer etwas, oder?
Morgenpost Online: Was bekommt ihr?
Cecilia: Ja, Geld zum Beispiel.
Tia: Oder wir gehen Eis essen.
Morgenpost Online: Frau Bolduan, Sie sind von 1933 bis 1943 zur Schule gegangen. Gab es bei Ihnen auch Geschenke?
Urgroßmutter: Wir konnten uns das nicht leisten. Wir waren sieben Kinder und das Haus war ausgebombt. Zum Teil lebten wir von dem, was der Garten so hergab. Da waren wir schon froh, wenn uns unsere Eltern einmal belobigt haben.
Großmutter: Mir fiel die Schule ja nicht so leicht wie Cecilia und Tia. Ich bin auf ein Sprachgymnasium gegangen und kam dort mit Französisch nicht so gut klar. Da habe ich schon einmal böse Briefe aus der Schule mit nach Hause gebracht.
Mutter: Und gab es denn dann Ärger bei euch zuhause?
Großmutter: Nein, meine Eltern war nicht böse auf mich, aber sie haben das schon sehr ernst genommen. Es gab eher eine Unterredung und sie haben mir noch einmal ins Gewissen geredet, dass ich mich eben mehr anstrengen muss.
Urgroßmutter: Wirklich sauer waren wir nicht. Zumal ich ja dachte, dass du das wohl von mir geerbt hast. Ich kam ja mit Französisch in der Schule auch nie so gut klar.
Großmutter: Ja, es war etwas schwierig. Und ich wurde auch nicht besser. Denn wenn man nicht so gut ist, dann hat man auch keine Lust auf den Stoff. Ich bin dann oft mit Freundinnen weggegangen.
Morgenpost Online: Hat diese Zeit geholfen, die eigenen Kinder zu verstehen, wenn sie mit schlechten Noten heimkommen?
Großmutter: Auf jeden Fall. Aber meine Kinder waren immer ganz gut in der Schule.
Mutter: Naja (lacht), da habe ich auch einmal andere Erinnerungen.
Morgenpost Online: Wie waren denn Ihre Zeugnisse?
Mutter: Ich hatte schon einmal eine 3 oder 4. Das lag bei mir nicht an den Fächern, eher an der Einstellung. Anfang der 9. Klasse waren einfach andere Dinge für mich wichtig: Partys, Jungs, … ich wusste auch noch nicht so genau, was ich vom Leben wollte. Es war cooler, zu schwänzen, zu schummeln, Streiche mit den Lehrern zu machen.
Morgenpost Online: Und die Hausaufgaben?
Mutter: Naja, ich hab schnell gemerkt, bei welchen Lehrern, ich mir erlauben kann, weniger Hausaufgaben zu machen. Und manchmal habe ich sie auch abgeschrieben.
Großmutter: Bei mir war das sehr vom Fach abhängig. Ich hab das manchmal auch wie meine Tochter später kurz vor dem Unterricht noch schnell gemacht.
Mutter: Was, du auch?
Großmutter: Ja, schon. Weil ich Mathematik eben nicht so gut verstanden habe. Aber: Ich habe sie schon immer allein gemacht, nicht abgeschrieben.
Urgroßmutter: Bei uns in der Volksschule gab es nicht sehr viele Hausaufgaben. Und wenn, dann hatten die Eltern auch nie Zeit, um zu helfen. Wir mussten sie allein machen.
Morgenpost Online: Was waren denn in den 1930er-Jahren so typische Hausaufgaben?
Urgroßmutter: Wir mussten zum Beispiel Knopflöcher nähen. Und meine ältere Schwester konnte das viel besser. Mein Knopfloch sah einfach nicht so schön aus. Und da hat sie mir ihres mit in die Schule gegeben. Sie hatte dafür eine 1 bekommen.
Cecilia: Du hast geschummelt?
Urgroßmutter: Ja, aber genützt hat es nichts. Ich habe nur eine 3 bekommen! Für das gleiche Knopfloch! Meine beste Freundin hat sogar eine 5 bekommen. Die Lehrerin, ich weiß noch, sie hieß Frau Hirseland, mochte uns eben nicht so sehr. Meine Freundin hat sich dann beschwert! Und da flog das ganze auf!
Morgenpost Online: Wer hat noch geschummelt?
Mutter: Ich habe einmal einen Französischaufsatz auf ein Band gesprochen und dann während der Klausur mit dem Walkman abgehört. Dabei hatte ich erst noch Angst, dass der Lehrer es hört, wenn dieses laute „Klack“ von dem Gerät kommt. Aber er hat es zum Glück nie gemerkt.
Morgenpost Online: Wie sehr waren und sind denn Lehrer heute noch Respektspersonen?
Tia: Naja, wir haben jemanden in der Klasse, der schon mal eine Lehrerin gehauen hat. Und ein Schüler hat einmal den Mittelfinger gezeigt.
Urgroßmutter: Was? Gehauen? Das gab's bei uns nicht. Lehrer waren sehr strenge Respektspersonen. Wir mussten ja immer aufstehen, wenn der Lehrer kam.
Großmutter: Ja, wir auch.
Mutter: In den ersten Jahren mussten wir das auch, in der Oberschule nicht mehr. Und es gab schon auch Sprüche zum Lehrer „Du bist doch nicht meine Mutter!“
Urgroßmutter: So etwas hätte sich keiner getraut. Und in den ersten Jahren gab es ja bei uns noch den Rohrstock. Da hatte man nicht nur Respekt, sondern auch Angst.
Morgenpost Online: Aber hinter ihrem Rücken haben Sie sich über Lehrer lustig gemacht?
Urgroßmutter: Über Frau Hirseland schon, die mit den Knopflöchern. Sie saß immer vor uns auf dem Tisch mit ihrem riesigen Hintern. Das hat meine noch heute beste Freundin und mich immer gestört. Und da haben wir einmal den Tisch mit Kreide eingerieben. Sie hat sich dann draufgesetzt und lief dann den ganzen Tag mit einem weißen Hintern herum. (Alle lachen.)
Mutter: So etwas haben wir nicht gemacht. Wir haben nur einmal den Raum gewechselt. Als geschlossene Klasse. Der Lehrer hat uns nicht gefunden – und die Stunde fiel aus.
Morgenpost Online: Wenn Sie selbst auch einmal geschwänzt haben – was vermitteln Sie dann ihren Kindern über die Schule heute?
Mutter: Man merkt, wie unglaublich wichtig Noten heute sind. Mir haben auch die Lehrer gesagt, dass heute noch mehr als zu meiner Zeit über Zeugnisse die Entscheidung für die Zukunft der Kinder gefällt wird. Zu meiner Zeit ging auch viel über die Einschätzung des Lehrers. Außerdem sehe ich, wenn ich meinen Töchtern über die Schultern schaue, dass ihnen schon ganz schön viel abverlangt wird. Cecilia macht ja schon fast eine Stunde oder länger jeden Tag Hausaufgaben. Auch das war bei uns anders.
Urgroßmutter : Bei uns waren Noten auch sehr wichtig. Schließlich wollten wir auch einen guten Beruf haben. Zwei meiner Brüder haben später dann auch studiert.
Morgenpost Online: Wie gerecht finden Sie alle denn Noten überhaupt noch?
Cecilia: Meine Noten sind eigentlich immer gerecht, außer in Sport.
Urgroßmutter: Bei mir waren sie nicht immer gerecht. Ich musste ja oft fehlen, weil ich auf meine jüngeren Geschwister aufpassen musste. Und dadurch habe ich schlechtere Noten bekommen, auch wenn es oft nicht gerecht war.
Großmutter: Auch ich habe gemerkt, dass es Lehrer gab, bei denen es hieß: „Einmal durch, immer durch.“ Das hat mich schon sehr geärgert.
Mutter: Ich finde Noten ebenfalls nicht immer gerecht. Ich habe schon oft gemerkt, wenn ein Lehrer einen Schüler sehr mochte. Und das sah man dann eben auch an den Noten. Ein anderes System hätte ich damals interessanter gefunden.
Morgenpost Online: Reden Sie denn über Zukunft?
Mutter: Auf jeden Fall. Ich rede mit Cecilia schon jetzt über die Zukunft und sage ihr, dass sie eher für sich lernt und nicht für irgendjemand anderen.
Morgenpost Online: Was wollt Ihr denn einmal werden?
Tia: Ich will auch aufs Gymnasium. Was danach kommt, weiß ich noch nicht.
Cecilia: Ich würde gern aufs Gymnasium gehen und danach studieren und Architektin werden.
Morgenpost Online: Bist Du die einzige, die sich da schon so ernsthaft Gedanken macht?
Cecilia: Nein, meine beste Freundin will Wissenschaftlerin werden. Dafür will sie auf ein bestimmtes Gymnasium und auch studieren.
Morgenpost Online: Und die Jungs in der Klasse?
Cecilia: Die sind mir egal.
(Alle lachen.)




