Morgenpost Online: Frau Kessels: Waren Sie auf einer reinen Mädchenschule?

Ursula Kessels: Nein, ich war auf einer gemischten Schule.

Morgenpost Online: Hat Ihnen das eher geschadet oder genützt?

Ursula Kessels: Keine Ahnung, ich habe ja keinen Vergleich, wie ich mich im getrennten Unterricht entwickelt hätte. Ich kann aber sagen, dass ich nie ein Bedürfnis hatte, ohne Jungs unterrichtet zu werden – im Gegenteil. Ich hätte das als diskriminierend empfunden.

Morgenpost Online: Und wann hat sich Ihre Einstellung geändert?

Ursula Kessels: Durch meine Tätigkeit als Wissenschaftlerin. Ich habe selber Untersuchungen zum Physikunterricht durchgeführt. Unter allen Schulfächern wird Physik am stärksten als reines Jungenfach empfunden. Das ist während der Pubertät ein Problem für Mädchen. Sie halten sich dann in dem Gefühl zurück, dass kein richtiges Mädchen ist, wer sich für Physik interessiert. Rollenkonformes Verhalten heißt dann für Mädchen, sich nicht an Physik zu beteiligen. In Mädchengruppen „vergessen“ die Mädchen, dass sie Mädchen sind, dadurch können sie sich eher dem Fach zuwenden.

Morgenpost Online: Die Schüler sollten also nur in einzelnen Fächern getrennt werden? Oder sind Sie für reine Mädchen- und Jungenschulen?

Ursula Kessels: Zunächst einmal müssen natürlich Eltern und Kinder die Wahlfreiheit haben, welche Schule das Kind besucht. Man darf aber nicht vergessen, dass die koedukative Schule, die Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet, auch eine starke soziale Komponente hat.

Morgenpost Online: Vor allem in der Pubertät ist Jungen und Mädchen diese soziale Komponente sehr wichtig, da beginnt auch der Physikunterricht. Wollen die Schüler überhaupt getrennt werden?

Ursula Kessels: In einer Umfrage waren Schüler, die noch nie getrennt unterrichtet worden sind, überwiegend dagegen. Bei den Schülern dagegen, die schon ein Jahr nach Geschlechtern getrennten Unterricht hatten, war die Mehrheit der Mädchen dafür.

Morgenpost Online: Im Beruf müssen sich die Mädchen später auch gegen die Männer durchsetzen. Ist es nicht sinnvoller, sie lernen das schon in der Schule?

Ursula Kessels: Das hört sich so an, als setzten Sie voraus, dass die Mädchen leistungsmäßig unterlegen sind. Das sehe ich so nicht. Es handelt sich nicht um Nachhilfegruppen für Mädchen! Sie müssen sich genau so gegen leistungsstärkere Schülerinnen durchsetzen. Viel schlechter für die Mädchen ist, wenn sie sich im gemeinsamen Unterricht stark zurückhalten, die Mädchen etwa Protokoll schreiben, während die Jungen experimentieren. Im getrennten Unterricht gewöhnen sich die Mädchen daran, eine aktivere Rolle zu übernehmen. Derart geschult und nach überstandener Pubertät werden sie auch dann noch experimentieren, wenn ein Junge im Raum ist.