Berliner Morgenpost:
Woher weiß eine Mutter, dass sie eine postpartale Depression hat?
Martina Rauchfuß:
Man muss unterscheiden zwischen postpartaler Depression und dem Babyblues, der meist am dritten bis fünften Tag nach der Geburt beginnt. Beim Babyblues ist die Mutter empfindsam, traurig, vielleicht reizbarer. Etwa 70 Prozent der Mütter geht es so, das verschwindet nach maximal zwei Wochen. Wenn aber Symptome wie Traurigkeit, Unruhe, das starke Gefühl, keine gute Mutter zu sein, oder große Ängste auftreten, können dies Hinweise auf eine postpartale Depression sein.
Warum trifft es manche Frauen und andere nicht?
Das hat viel mit den hormonellen Veränderungen zu tun. Manche reagieren darauf sensibler als andere. Auch Frauen, die kein soziales Netz haben, können häufiger betroffen sein. Ebenso Mütter, die vorher eine Fehlgeburt oder eine Kinderwunsch-Behandlung hatten, und dann unter dem Gefühl leiden können, als Mutter nicht zu genügen.
Was kann man tun, um eine Depression zu verhindern?
Mütter brauchen nach der Geburt viel Unterstützung, durch die Familie oder Freunde. Und sie müssen lernen, ihre eigenen Ansprüche herunterzuschrauben und sich als Mütter kompetent zu fühlen. Wenn sie depressive Reaktionen feststellen, sollten sie sich fachliche Hilfe suchen. Ich empfehle, zuerst mit der Hebamme zu sprechen, danach mit der Frauenärztin, und sich gegebenenfalls in psychotherapeutische oder sogar psychiatrische Behandlung zu begeben. Eine echte postpartale Depression sollte mit Medikamenten behandelt werden. Bei einer milderen Form kann eine Psychotherapie ausreichen, um der Frau ihre Ängste zu nehmen.
Was passiert, wenn eine postpartale Depression nicht behandelt wird?
Sie kann von selbst ausheilen, sie kann sich aber zu einer chronischen Depression auswachsen. Und jede postpartale Depression stört die Mutter-Kind-Beziehung. Das Baby braucht die enge Bindung an die Mutter, um selbst die Fähigkeit zu entwickeln, Bindungen einzugehen.
Dr. Martina Rauchfuß ist Ärztin an der Charité und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde

