Erziehung im Alltag

Trotzen, Treten, Türen knallen - die Wut der Kinder, die Not der Eltern

Wenn Kinder richtig trotzig sind, möchten Eltern manchmal nur noch schreien - oder weglaufen.

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Carlotta, drei Jahre alt, sitzt seit einer kleinen Ewigkeit in der Badewanne. Das Wasser längst abgekühlt, ihre Haut schrumpelig, die Lippen leicht bläulich. Carlottas Mutter bittet und bettelt, erklärt und belehrt, aber das kleine Mädchen wiederholt nur ein einziges Wort: "Nein". Carlotta will nicht aus der Wanne raus. Carlotta ist trotzig. Schließlich versucht ihre Mutter, das Mädchen aus dem Wasser herauszuhieven. Aber Carlotta wehrt sich, sie rutscht ihr aus den Händen, flutscht zurück ins seifig-kühle Badewasser. Wütend zieht ihre Mutter den Stöpsel - und Carlotta bekommt einen Tobsuchtsanfall. Sie strampelt mit ihren Beinchen im Restschaum herum, schreit, tobt. "Ich bin einfach rausgegangen", sagt Nanda Naumann seufzend. "Ich bin ja eh nicht mehr zu ihr durchgedrungen."

Gegen den Trotz unserer Kinder hilft manchmal tatsächlich nichts - außer Abstand zu halten. Nanda Naumann hat schließlich eine Regel fürs Baden aufgestellt: Carlotta zieht selbst den Stöpsel und klettert aus der Wanne, wenn die vorher vereinbarte Zeit vorbei ist. "Und das klappt", sagt die 42-Jährige nicht ohne Stolz.

Heute ist Carlotta sieben und aus den Trotzanfällen sind Machtkämpfe geworden. Morgens früh um sieben vor dem Kleiderschrank zum Beispiel. Grundsätzlich will das blonde Mädchen etwas anderes anziehen, als ihre Mutter vorschlägt. "Dann sucht man nach Kompromissen", erzählt Nanda Naumann. "Aber wenn die nicht greifen, helfen nur noch Sanktionen: kein Eis am Nachmittag zum Beispiel. Ich weiß, andere Wege sind besser, aber ich bin auch manchmal ganz schön mürbe."

Nur Gelassenheit hilft

80 Prozent der Eltern leiden unter den Trotzanfällen ihrer Kinder, wie eine Umfrage der Zeitschrift "Leben & Erziehen" ergab. Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, in solchen Situationen laut zu werden und zu schimpfen. Entnervte Eltern sind es denn auch, die den umstrittenen "Kinder-als-Tyrannen"-Büchern von Michael Winterhoff eine hohe Auflage bescheren - und die wiederum die Unsicherheit vieler Eltern weiter schüren. Ist mein Kind schon ein Tyrann, wenn es trotzt? Nein, meint der Familientherapeut Jan-Uwe Rogge. Trotzen sei wichtig für die Entwicklung des Kindes, das Trotzalter dessen "Unabhängigkeitserklärung". Nur Gelassenheit könne helfen.

Leicht gesagt.

Vor allem wenn man eine willensstarke kleine Tochter hat wie Miriam Nieuweboer. Nienke heißt sie, ist drei Jahre alt und manchmal ganz schön stur. So wie neulich auf dem Spielplatz. Da musste Nienkes große Schwester mal dringend auf die Toilette. Also packte Miriam beide Töchter ins Auto, um die nahe gelegene Musikschule anzusteuern. Das aber passte Nienke gar nicht: "Ich will auf dem Spielplatz bleiben."

Die Mutter: "Nein, das geht nicht, Nele muss auf die Toilette."

Nienke: Dann bleibe ich allein hier."

Mutter: "Nein, du kommst mit."

Ergebnis: Erst Geheule, dann Geschrei. Und schließlich: Gegengebrüll. "Pädagogisch sicher völlig fasch", sagt Miriam Nieuweboer. Aber an Gelassenheit war in diesem Moment nicht zu denken. Zu anderen Zeitpunkten gelingt es der 40-Jährigen erheblich besser mit der Gelassenheit. Zum Beispiel wenn Nienke sich in der Früh nörgelnd und weinend darüber beschwert, dass sie keine Milch im Becher hat. Oder wenn es umgekehrt ist, wenn Nienke aus der Fassung gerät, weil die Milch bereits eingeschenkt ist. "Nienkes Willen ist einfach nicht berechenbar - und wann es zu einem Anfall kommt, schon gar nicht." Sicher ist nur: Er kommt und das fast jeden Tag. "Es ist wohl auch ein Stück ihres Wesens", vermutet Miriam Nieuweboer. "Meine Mutter jedenfalls erkennt in Nienke immer wieder mich als Kind."

Ein Wesenszug - oder eine Phase, die vorüber geht? Pädagogen gehen heute davon aus, dass nahezu jedes Kind Trotzphasen durchlebt. Unterschiedlich lang und intensiv, aber sie enden auch irgendwann. Meist entdecken Kinder im Alter zwischen zwei und vier Jahren ihren eigenen Willen und versuchen, ihn mit Trotz, Wut und Aggression durchzusetzen. Das sei nicht nur für die Entwicklung wichtig, sagt Jan-Uwe Rogge, es tue den Kindern auch gut. Dass Wut und Aggression heute so negativ wahrgenommen und schon im Ansatz sanktioniert und abgelehnt werden, helfe den Kindern nicht. "Mitte der 70er Jahre habe ich Eltern gefragt: Wird bei euch zu Hause oft gerauft? Damals sagten noch 80 Prozent: Ja. Jetzt sind es nur noch 20 Prozent", erklärt Rogge.Trotz, Wut, Machtkampf: Das braucht seinen Platz im Familienleben. Aber bitte nicht morgens früh, wenn es schnell gehen muss.

Diorena ist 39 und alleinerziehende Mutter. In ihrem Leben ist entscheidend, dass der Zeitplan eingehalten wird, damit ihr Dreijähriger rechtzeitig im Kindergarten und sie im Büro ist.

Wut braucht ihren Platz

"Ich muss ja immer alles unter einen Hut bringen, es gibt niemanden, der mir da etwas abnimmt." Doch Bengt beeindruckt es wenig, wenn seine Mutter in Eile ist, wenn sie ihn auffordert sich endlich anzuziehen. Dann heißt es: "Ich lese gerade", oder: "Ich will noch spielen." Diorena schwört auf klare Ansagen - die aber zugleich ein Angebot enthalten: "Du ziehst dich jetzt an, und wenn ich fertig bin, helfe ich dir." Darauf lässt er sich ein - meistens. Diorena hat die Erfahrung gemacht, dass es nichts bringt, ihrem Sohn nur mit einem "Nein" zu begegnen. "Dann weiß ich schon, wie das ausgeht." Nämlich laut.

Ob es eskaliert oder nicht, hängt auch von der Tageszeit ab, abends, wenn er müde ist, geht schon mal eher etwas schief. Gerade dann versucht Bengts Mutter ruhig zu bleiben, ihm in die Augen zu schauen und - solange er noch nicht in Rage ist - ihm einen Kompromiss anzubieten, auf den er sich einlassen kann. "Dabei ist es manchmal gar nicht leicht zu durchschauen, um was es eigentlich gerade geht." Das fordert dann besonders ihre Nervenstärke, noch dazu wenn sich so eine Trotzszene in der Öffentlichkeit abspielt. Neulich stieg sie mit schweren Einkaufstüten beladen aus dem Auto. Es waren nur ein paar Meter zum Haus, aber Bengt wollte die unbedingt mit dem Laufrad zurücklegen. Sie hatte aber keine Hand frei, um das auch noch aus dem Auto zu heben. "Ein Riesengeschrei ging da los" und trotzdem blieb Diorena standhaft: "Klar ist das peinlich, aber wieso soll ich mich anders verhalten, nur weil ich auf der Straße bin?"

In solchen Situationen hilft es nur, tief durchzuatmen und vor allem das Ganze nicht zu wichtig zu nehmen. "Manchmal befreit es, einfach darüber zu lachen", sagt Diorena. Und es hat auch etwas Befreiendes und Beruhigendes, festzustellen, dass nicht nur das eigene Kind trotzt. Mitunter ist das auch eine interessante Erfahrung für das Kind selbst.

Carlotta blieb neulich fasziniert im Bahnhof Spandau stehen und beobachtete, wie sich ein Zweijähriger aus einem nicht erkennbaren Grund auf den Boden schmiss und, "Blöde Mama" brüllend, zwischen dreckigen McDonalds-Tüten um sich strampelte. "Ihhh", sagte die Siebenjährige und schaute ihre Mama an. In diesem Moment hielt Carlotta es sicherlich für absolut abwegig, dass auch sie noch vor wenigen Jahren zu solch einem Auftritt fähig gewesen wäre. Diese Phase ist bei Carlotta längst vorbei. Ein Trotzkopf ist sie trotzdem noch. Manchmal. Aber anders.