Viermal am Tag fährt er mit der S9 zwischen seiner Wohnung in Treptow und dem Olympiastadion hin und her, jede Fahrt dauert eine Stunde. Das ist der Weg, den er in Kauf nimmt, damit seine Tochter Celina (7) auf eine bestimmte Schule gehen kann.
Rund 25.000 Berliner Kinder kommen im September zur Schule. In diesen Wochen werden die Bescheide verschickt, auf denen steht, welches Kind auf welche Schule kommt. Jedes Jahr sind Hunderte Eltern nicht mit der Schule einverstanden, die ihnen zugewiesen wird. Einige ziehen dann vor Gericht, andere suchen sich noch schnell eine Wohnung im Einzugsgebiet der richtigen Schule. Wieder andere lassen sich und ihr Kind noch schnell taufen oder interessieren sich plötzlich für jüdische Feiertage, um im Aufnahmegespräch der konfessionell gebundenen Schule zu bestehen. Und manche Eltern schrauben ihre eigenen Bedürfnisse weit zurück, um eine Privatschule bezahlen zu können.
Zweisprachige Schule musste sein
Auch Benji und seine Frau haben sich die Schulen in der Nachbarschaft in Treptow angeschaut. "Aber sie haben uns nicht gefallen", sagt der 45-Jährige. Es sei ein Problem, dass dort viele Kinder wenig Deutsch sprechen. Hinzu kommt, dass Benji Amerikaner ist und mit Celina und ihrem kleinen Bruder Nicolas Englisch spricht. Sie haben sich deshalb für die Charles-Dickens-Schule in Westend entschieden. Das ist eine deutsch-englische Europaschule, hier findet etwa die Hälfte des Unterrichts in der Partnersprache, also auf Englisch, statt. So ist Englisch für Celina noch ein bisschen selbstverständlicher geworden, und das war Benji und seiner Frau wichtig, als sie sich vor knapp drei Jahren entscheiden mussten, auf welche Schule ihr Kind gehen soll.
Seitdem ist Einsatz gefragt: Pünktlich um fünf vor sieben stehen Celina und Benji jeden Tag am S-Bahnhof Treptower Park. Um 7.01 Uhr kommt die S9 Richtung Spandau. Vater und Tochter steigen ein. Sie nehmen immer den ersten Wagen - dann ist nachher der Weg vom Bahnhof Olympiastadion bis zur Schule nicht mehr ganz so weit. Einige Fahrgäste lächeln. Sie kennen den Vater und das siebenjährige Mädchen mit den großen Augen und den langen dunklen Haaren. Wenn Celina eine Stunde später in ihrer Klasse den Ranzen abstellt, hat sie 21 Kilometer zurückgelegt.
Im Berliner Schulgesetz steht, dass der Schulweg maximal zwei Kilometer lang sein soll. Seit ihrer Einschulung im September 2007 ist Celina die lange Strecke zwischen ihrem Zuhause und der Schule knapp 300-mal gefahren - und genau so oft wieder zurück. Celina weiß, unter welchen Plätzen die Heizung angebracht ist, "da ist es immer so schön warm", sagt sie, das war ihr im Winter wichtig. Und die 17 Stationen kennt sie natürlich sowieso auswendig.
Am Bahnhof Ostkreuz hat sie ihr Buch schon längst ausgepackt, am Bahnhof Heerstraße muss sie es wieder einpacken. Bücher - damit vertreiben sich Benji und seine Tochter die Zeit. Celinas Vater liest selbst begeistert, er hat Literaturwissenschaft studiert. Am Anfang, als Celina in der ersten Klasse war, ging das mit dem Lesen noch ein bisschen stockend. Sie haben sich dann abgewechselt: einen Satz Celina, einen der Papa. "Dann haben wir uns seiten- und schließlich kapitelweise abgewechselt", sagt Benji. Mittlerweile hat jeder seine eigene Lektüre dabei. Es ist ein vertrautes Bild für die anderen Fahrgäste, wie die beiden jeden Morgen nebeneinander über ihren Büchern sitzen. Und wenn Celinas Lehrerin beim Elternabend daran erinnert, dass die Kinder regelmäßig lesen müssen, können sich Benji und seine Frau entspannt zurücklehnen. Celina liest täglich, oft eine ganze Stunde. Denn auf dem Rückweg hat sie wieder Zeit für ihr Buch.
Wenn für Celina um 8 Uhr die erste Unterrichtsstunde beginnt, macht ihr Papa sich wieder auf den Weg zur S-Bahn. Er fährt zurück nach Treptow. Bis um kurz vor 15 Uhr - dann muss er wieder los, seine Tochter abholen. Dann ist fast immer Nicolas dabei. Morgens kümmert sich die Mutter um den Einjährigen, aber wenn Benji zurückkommt, muss sie zur Arbeit nach Adlershof. Im Sommer soll Nicolas in die Krippe, aber so lange er noch keinen Platz hat, muss er nachmittags mit Papa Bahn fahren.
Für Freundinnen bleibt wenig Zeit
Vier Stunden täglich ist Benji von montags bis freitags unterwegs. Als selbstständiger Englischlehrer kann er sich seine Arbeitszeit frei einteilen, morgens zwischen sieben und neun und nachmittags zwischen drei und fünf macht er eben keine Termine. Anders geht es nun mal nicht. Denn näher an die Schule ziehen kommt für die Familie nicht in Frage. Denn dann wäre der Weg zur Arbeit für Celinas Mutter zu weit, sie würde ihre Kinder kaum noch sehen. Dass sie abends pünktlich zu Hause ist, ist Celina wichtig. Denn, so sagt ihr Vater, "ihre Mutter ist Celinas beste Freundin".
Benji hingegen ist manchmal der Buhmann, "weil ich oft streng sein muss", sagt er. Zum Beispiel morgens: Celina muss um sechs aufstehen. Ihr Vater ist dann schon eine halbe Stunde länger wach, um das Schulfrühstück vorzubereiten. Wie fast alle Kinder trödelt auch Celina morgens manchmal ein bisschen und wie fast alle Eltern treibt Benji sie an, damit sie pünktlich das Haus verlassen. Und das heißt nun mal 6.45 Uhr. Aber auch wenn Vater und Tochter darüber manchmal in Streit geraten: Die innigen Momente in der S-Bahn genießt Celina. Das gemeinsame Lesen sei das schönste an ihrem Schulweg, sagt sie. Dass der Weg so lang sei, gefalle ihr nicht so. Und dass sie ihre Freundinnen nach der Schule nicht treffen kann. Denn damit Celina morgens um sechs aus dem Bett kommt, muss sie spätestens um 20 Uhr das Licht ausmachen.
Manchmal trifft Celina sich nach der Schule trotzdem noch mit einer Freundin. Wenn Benji seine Tochter dann so ausgelassen auf dem Trampolin herumhüpfen sieht, macht ihn das nachdenklich. "Das ist es, was ihr oft fehlt", sagt er. Aber eben wegen ihrer Freundinnen will Celina die Schule nicht mehr wechseln. Und ihre Eltern wollen das auch nicht. Also werden Celina und Benji weiterhin Morgen für Morgen am S-Bahnhof Treptower Park stehen und um 7.01 Uhr in die S 9 steigen. Irgendwann kann Celina die Strecke sicher allein fahren. Aber dann kommt schon bald der kleine Bruder Nicolas in die Schule - und für Benji beginnt die Fahrerei wieder von vorn.





