Projekt "Studenten machen Schule"

Abi zur Probe

Lisa Stock fuchtelt mit den Händen, wippt leicht auf den Füßen und knickt den Zettel in ihrer Hand immer wieder um. Die zwölf Jugendlichen vor ihr beobachten sie konzentriert, machen sich Notizen, vermerken jede Unsicherheit ihrer Dozentin.

Genau das ist Lisa Stocks Absicht: Sie will die Schüler rhetorisch fit machen - und dazu gehört eben auch die Körpersprache. Vor ihrem Vortrag hat sie die Gruppe aufgefordert, darauf ebenso zu achten wie auf Lautstärke und Rhythmus ihrer Stimme, ihre Sprache und auf die Frage, ob sie Blickkontakt hält. Absichtlich hat sie ein paar Patzer eingebaut - die sollen ihre Zuhörer jetzt aufdecken.

Rhetorikseminar statt Englisch

Die zwölf Jugendlichen gehören zum Englisch-Leistungskurs der 13. Jahrgangsstufe an der Sophie-Charlotte-Schule in Charlottenburg. Sie stehen kurz vor den Abiturprüfungen. Drei Klausuren, eine mündliche Prüfung - und die sogenannte fünfte Prüfungskomponente. Dafür können die Schüler entweder eine "besondere Lernleistung" einbringen, etwa eine 20-seitige Arbeit oder sie entscheiden sich für die Präsentationsprüfung, einen 20-minütigen Vortrag.

Deshalb steht heute in der fünften und sechsten Stunde statt der Englischlehrerin die Dozentin Lisa Stock vor den Abiturienten und hält ein Rhetorikseminar. Sie gehört zum Projekt "Studenten machen Schule": Vor knapp drei Jahren haben Berliner Lehramtsstudenten die Initiative gegründet, um Schüler auf die gerade eingeführte Prüfungsform vorzubereiten. Robert Greve, der damals Politik und Englisch studierte, wandte sich mit der Idee an den Schulleiter der Sophie-Charlotte-Schule, an der er selbst 2004 Abitur gemacht hatte. Christoph Schmerling willigte ein, die Studenten hängten eine Liste aus, auf der sich Schüler für einen Workshop anmelden konnten. "Wir hatten mit 15 Schülern gerechnet", sagt Robert Greve. Am Ende standen fast 80 Namen auf der Liste.

Gemeinsam mit Lisa Stock und Jasmin Bildik entwickelte er dann ein Konzept, das die drei der Senatsverwaltung vorstellten. "Die waren sofort begeistert", freut sich Robert Greve noch heute. Die Senatsverwaltung habe alle Berliner Oberschulen angeschrieben und das Projekt vorgestellt. Mit Erfolg: Im Schuljahr 2007/2008 bot "Studenten machen Schule" 41 Workshops an 17 Schulen an. Zuerst ging es nur um die neuen Prüfungsformen beim Abitur und beim Mittleren Schulabschluss. Bewerbungstraining oder der Umgang mit neuen Medien kamen als Workshop-Themen dazu. Die Rückmeldungen von den Schulen seien sehr positiv, sagt Robert Greve, "gerade hat mir ein Schulleiter geschrieben, dass es nach den Workshops eindeutig verbesserte Ergebnisse im Mittleren Schulabschluss gab."

Inzwischen gibt es auch Angebote für Grundschüler. "Erfolgreich präsentieren" oder "Lernen lernen" heißen die Module mit fünf bis sechs Workshops, die sich an Fünft- und Sechstklässler richten. Derzeit erprobt "Studenten machen Schule" Computerkurse für die Erst- und Zweitklässler. Außerdem schulen die Studenten Lehrer, die ihre Schüler auf die zusätzlichen Prüfungskomponenten vorbereiten. Am Anfang haben diese Angebote für Lehrer den Studenten etwas Angst gemacht, erinnert sich Lisa Stock: "Wir haben befürchtet, dass wir uns damit überflüssig machen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Mit den Kursen wecken wir bei den Lehrern Interesse für unsere Schüler-Workshops." An 70 Schulen hat "Studenten machen Schule" inzwischen Workshops veranstaltet, insgesamt 5000 Schüler haben einen der Kurse besucht.

Von Student zu Schüler: Du oder Sie?

Eigentlich kümmert sich Lisa Stock neben ihrem Studium bei "Studenten machen Schule" im "Orga-Team" um die pädagogische Konzeption und die Terminplanung. Aber die 23-Jährige gibt auch selbst Workshops. Gerade mal vier, fünf Jahre älter als ihre Zuhörer ist sie und fällt in der Schülergruppe gar nicht auf. Manchmal frage sie sich selbst, wo sie eigentlich steht, sagt Lisa Stock - das beginne schon bei der Frage: Du oder Sie. "Bei den Oberstufenschülern bleiben wir beim Du. Aber bei Grundschülern kommt mein Name an die Tafel, da bin ich Frau Stock, und dann stelle ich Regeln auf, an die sich die Schüler zu halten haben."

Aber auch in der Oberstufe setzt Lisa Stock sich durch. Etwa wenn ein Schüler jede Aufforderung mit einem Spruch kontert, der die Klasse zum Lachen bringt. "Vielleicht könnt ihr das Kichern abstellen", sagt sie dann cool - und schon kehrt Ruhe ein. Auch Kritik am Workshop nimmt sie gelassen. "Zu wenig konkret" findet einer der Schüler die Tipps. Lisa Stock verweist auf die Angebote zur Einzelberatung: per E-Mail, wenn die Schüler nur eine kurze Frage haben. Oder in der Sprechstunde, in der die Schüler ihre Präsentation mit einem Trainer durchgehen können - als kostenlose Ergänzung zum Workshop. Und die Studentin ist überzeugt: "Selbst wenn die Schüler sagen, sie kennen das alles schon, weiß ich: Sie können es aber nicht." Daraus ziehe sie ihre Motivation. "Ich weiß, was ich da mache, ist gut", sagt sie. Für die Schüler - und auch für sie. Wenn Lisa Stock irgendwann als Referendarin vor einer Klasse steht, hat sie schon jede Menge Unterrichtserfahrung. Genau wie die anderen 35 Trainer, "Teamer" genannt, die für die Initiative an die Schulen gehen.

"Erfahrung mit Schülergruppen, Elan und Selbstbewusstsein" soll mitbringen, wer sich bei "Studenten machen Schule" bewirbt, sagt Lisa Stock. Außerdem müssen sich die Bewerber an mindestens sechs Wochenenden ausbilden lassen. 12,50 Euro bekommt ein "Teamer" derzeit für 45 Minuten Unterricht, jeder kann sich Zahl und Termine der Workshops, die er übernehmen will, aussuchen - je nach Lehrplan im Studium.

Robert Greve hingegen hat das Lehramtsstudium erst einmal aufgegeben. Er studiert jetzt nebenbei Bildungsmanagement an der Uni Oldenburg. Im Hauptberuf kümmert er sich um "Studenten machen Schule" - als Vollzeitjob.

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