Kindererziehung

Die ewige Angst vor dem kleinen Tyrannen

Kindererziehung ist eine Frage des Zeitgeistes. Zur Zeit der Aufklärung hießen die großen Erziehungsgurus John Locke, Jean-Jacques Rousseau oder Johann Heinrich Pestalozzi, das 19. Jahrhundert hatte Charles Darwin und John Dewey, das frühe 20. Jahrhundert Sigmund Freud, John B. Watson und Dr. Benjamin Spock.

Seit dem Jahr 2006 gibt es zwei neue Schlüsselfiguren im deutschen Erziehungsdiskurs. Sie heißen Bernhard Bueb und Michael Winterhoff, der eine pensionierter Direktor eines Eliteinternats, der andere Kinder- und Jugendpsychiater, beide inzwischen reich geworden mit ihren Ratgebern - Erziehungsweisheit verkauft sich besser als Sex. Die Titel "Lob der Disziplin", "Von der Pflicht zu führen" (Bueb), "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Tyrannen müssen nicht sein" (Winterhoff) halten sich wesentlich länger auf den Bestsellerlisten als beispielsweise die "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche. Allerdings ist ihr Erfolg nur ein hausgemachter. Während der Scoop der ehemaligen MTV-Moderatorin auch im Ausland große Erfolge feierte, suchen wir Bueb und Winterhoff zumindest im englischen Sprachraum vergeblich. Schon deshalb, weil Engländer mit den Titeln nichts anfangen könnten: Why our children become tyrants ... Children needn't be tyrants ... diese Behauptungen lösen bei unseren englischsprachigen Nachbarn höchstens Verwirrung aus: Es gibt kein englisches Wort für unseren deutschen "kindlichen Tyrannen". Die nicht übersetzbaren Sprachbilder in Sachen Kindererziehung sind kein Zufall. Darin drückt sich eine besondere Haltung zu Kindheit und Erziehung aus - die Deutschen und ihre "kindlichen Tyrannen" das ist eine spezielle Geschichte. Bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts verliefen die Wege bei der Kindererziehung in allen westlichen Kulturen im Wesentlichen gleich. Im Zuge der Verwissenschaftlichung und Rationalisierung vor allem der frühkindlichen Sozialisation hatten die Ärzte in den Kinderstuben die Regie übernommen. Mithilfe von Ratgebern, Tabellen, Anleitungen zum Ausfüllen und persönlicher Beratung drängten sie Eltern dazu, eine konsequente, systematische und kompromisslose Haltung bei der Versorgung und Erziehung der Kinder einzunehmen. Das fing bei der Säuglingspflege an. Dabei ging es nicht mehr nur ums nackte Überleben des Kindes, sondern auch um Erziehung zum Gehorsam. Hatten zu früheren Zeiten Eltern noch eher eine Beobachterfunktion beim Heranreifen des Kindes, so sollten sie nun unter dem Einfluss der Evolutionstheorie und der selbstbewusst gewordenen Expertise der Ärzte standardisierte Entwicklungsziele bei ihren Kindern erreichen. Zur "neuzeitlichen" Kleinkindversorgung und -erziehung gehörte die strikte Rhythmisierung der Schlaf- und Wachzeiten, der Ernährung und Ausscheidung. Das Kind zwischendurch zu füttern oder auf den Arm zu nehmen und zu trösten, war absolut verboten. Der berühmte Kinderarzt Adalbert Czerny appellierte an Eltern, jede liebevolle Behandlung von Säuglingen zu unterlassen und sie besser frühzeitig an Selbstbeherrschung zu gewöhnen - "es bringt dem Kinde auch gleichzeitig den ersten Begriff der Subordination unter einen Vorgesetzten bei". Johanna Haarer, mit ihrem Longseller "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (nach 1945: "Die Mutter und ihr erstes Kind"), die erfolgreichste deutsche Ratgeberautorin des 20. Jahrhunderts, warnte vor Mitleid mit einem verletzten oder kranken Kind und verbot lautstarke Bekundungen mütterlicher Gefühle.

Damit das Kind einmal das Leben meistere, sollte es vom ersten Tag durch Disziplin, Schmerzabhärtung, emotionale Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit an die Härten der Welt gewöhnt werden.

Pflichtvergessenen und zu weichen Müttern drohte Haarer auch im Auftrag der NS-Mütterberatung mit der großen, moralischen Keule, auf der stand "der kleine, aber unerbittliche Haustyrann". Eltern begannen tatsächlich sich vor ihren Kindern zu fürchten. In der NS-Zeit aber auch noch lange danach galt ein gut gepflegtes, gesundes und braves Kind als Ausweis elterlicher Befähigung. Ein verwöhntes Kind als das Gegenteil. Babytagebücher aus den 30er und 40er Jahren dokumentieren, wie stark Mütter und Väter unter Druck standen, die geforderten Maßgaben bestmöglich zu erfüllen. Eine Mutter aus München schrieb im Jahre 1933 über ihre wenige Tage alte Tochter Gertrud: "Trudelchen wird erzogen. So klein sie ist, glaubte sie durch Gebrüll erreichen zu können, dass man sie auf den Arm nimmt." Erziehung wurde zur Machtprobe, die unbedingt von den Eltern gewonnen musste, sonst drohte die kindliche Tyrannei.

Auch in den USA dominierte bis in die späten dreißiger Jahre die Vorstellung der Erziehung als Kampf gegen kindliche Bedürfnisse. Doch dann teilten sich die Wege. Die Vorstellung vom tyrannischen Wesen wurde revidiert. Nun galt das Kind als liebesbedürftig und grundsätzlich sozial. Mit dem Ratgeberbestseller von Dr. Benjamin Spock "The Common Sense Book of Baby and Child-Care" trat ein neues Erziehungsideal auf den Plan: Eltern sollten ihren Kindern helfen, ihr Leben zu gestalten. Beim Erziehen gäbe es kein Richtig und Falsch, und im Übrigen wüssten Eltern selbst am besten, was ihnen und ihren Kindern gut tue.

Bis sich das in Deutschland herumsprach, dauerte es noch Jahrzehnte. Erst nach 1968, nachdem die ebenfalls sehr programmatischen und nicht kindgerechten Vorstellungen der anti-autoritären Doktrin abgearbeitet worden waren, konnten sich Eltern hierzulande einen flexibleren Erziehungsstil erlauben. Wer heute nach mehr Disziplin und Gehorsam ruft, wer ständig von "Grenzen setzen" spricht, wer gar einen "Elternführerschein" fordert, damit die Normen der Experten besser in die Familien wirken, der sollte sich zumindest bewusst machen, in welche Tradition er sich stellt.

Unsere Autorin Dr. Miriam Gebhardt ist Historikerin und Publizistin. Die 47-Jährige lehrt an der Universität Konstanz. Gerade erschien von ihr das Buch "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert." (DVA, 24,95 Euro).

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