Ob bei CNN oder der BBC, in den Berichten über Fußball-Deutschland staunt die internationale Konkurrenz über die Bundesliga. Statt horrender Transferausgaben wie in Spanien oder England haben die Beobachter hier zu Lande geringe Ausgaben und stattdessen konsequente Förderung der Jugend ausgemacht.

Auf kaum einer Position lässt sich der Wandel so dokumentieren wie im Tor. Am vergangenen Spieltag vertrauten gleich sieben Vereine jungen Torhütern: Mönchengladbach (Marc-Andre ter Stegen, 19), Leverkusen (Bernd Leno, 19), Freiburg (Oliver Baumann, 21), Hannover (Ron-Robert Zieler, 22), Kaiserslautern (Kevin Trapp, 22), Stuttgart (Sven Ulreich, 23) und Hertha BSC (Thomas Kraft, 23).

Morgenpost Online: Hand aufs Herz, Herr Kraft, war Ihnen der Name Bernd Leno vor dem Wochenende ein Begriff?

Thomas Kraft: Ja, den kannte ich. Wir haben mit den Amateuren der Bayern gegen VfB Stuttgart II gespielt. Da war Leno schon als 17-Jähriger dabei. Am Wochenende in Leverkusen war zu sehen, dass er trotz seiner jungen Jahre eine gewisse Ruhe und Ausstrahlung hat.

Morgenpost Online: Früher hat das Reifen von Torwarten Jahre gedauert. Heute stehen bei sieben Bundesligateams Talente im Tor.

Thomas Kraft: Wir haben in Deutschland eine lange Tradition in guter Torwartausbildung. Im Moment trauen sich die Verantwortlichen, den jungen Torwarten mal die Chance zu geben. Jeder sieht, dass das funktioniert, denn die Jungen bestätigen das Vertrauen mit Leistung. Du musst nicht zwangsläufig auf ältere Torwarte setzen. Die haben mehr Erfahrung. Aber auch Erfahrung fängt nicht jeden Ball.

Morgenpost Online: Sie haben gerade 14 Bundesligaspiele bestritten. Jörg Sievers, der Torwarttrainer des Rivalen Hannover 96, sagt: „Talent und Ausbildung hilft. Aber letzten Endes ist Erfahrung für einen Torwart durch nichts zu ersetzen.“

Thomas Kraft: Ja, es gibt Situationen, wo ich als junger Torwart mich anders, vielleicht auch schlechter verhalte, als ein Kollege, der seit fünf oder sieben Jahren Bundesliga spielt. Natürlich helfen Erfahrungen. Trotzdem bleibe ich dabei: Es geht darum zu verhindern, dass der Ball ins Tor geht. Und da ist Erfahrung nicht alles.

Morgenpost Online: Wie erleben Sie eine Schlussminute wie die beim 2:2 in Hamburg. Herthas Mijatovic köpft den Ausgleich, weil der bis dahin beste Hamburger, Torwart Drobny, patzt.

Thomas Kraft: Als erstes bin ich Mannschaftsspieler und habe mich riesig gefreut, dass wir für unser gutes Spiel wenigstens einen Punkt mitnehmen konnten. Aber ich denke auch an den Kollegen. Drobny hat bis dahin ein gutes Spiel gemacht. Doch dieser Fehler war aus Hamburger Sicht spielentscheidend. Das ist das Los, dass du als Torwart hast: Du darfst fast keine Fehler machen, sonst ist der Ball drin, und du bist der Depp.

Morgenpost Online: Oder umgekehrt.

Thomas Kraft: (schmunzelt) Stimmt, dann bist du der Held.

Morgenpost Online: Ein Torwart will immer zu Null spielen. Ihre ersten Spiele bei Hertha war ein 0:1 gegen Nürnberg und ein 2:2 in Hamburg.

Thomas Kraft: Klar will ich, dass die Null hinten steht. Aber es geht nicht um mich, sondern um das Ergebnis der Mannschaft. Da war der Auftakt gegen Nürnberg enttäuschend. Wenn du keine Chancen hast, kannst du kein Tor schießen. Dann haben wir ein dummes Gegentor kassiert. In Hamburg habe ich zwei Gegentore bekommen, das ist ärgerlich für mich. Aber wir haben als Mannschaft gut nach vorn gespielt. Mir geht es darum, zu gewinnen.

Morgenpost Online: Bundestorwarttrainer Andreas Köpke lobt, der Nachwuchs von heute sei besser und nervenstärker als zu seiner Zeit.

Thomas Kraft: Nervenstärke hast du oder hast du nicht. Und die Jungen, die im Moment spielen, haben die anscheinend alle. Die Ausbildung ist seit langem gut. Es ist ja kein Zufall, dass Deutschland fast jederzeit zehn gute Torhüter hat.

Morgenpost Online: Während ein Fußballland wie England seit Generationen keinen geeigneten Torwart herausbringt.

Thomas Kraft: Das ist schwer zu verstehen. England hat eine große Liga und viele große Spieler. Warum das mit den Torwarten so schwer fällt – ich weiß es nicht.

Morgenpost Online: Sonntag treffen Sie in Hannover auf Ron Zieler. 96-Trainer Mirko Slomka sagt, dass der Torwart von heute den Libero hinter der Abwehr spielt.

Thomas Kraft: Das ist mittlerweile unabdingbar. Die Mannschaften verteidigen hoch. Das heißt, auch der Torwart muss offensiv verteidigen. Ich muss Anspielstation sein, bei Kontern dem Ball entgegen gehen. Von der Torlinie aus geht das nicht.

Morgenpost Online: Gleichzeitig sind Sie als letzter Mann bei jedem Zweikampf latent Rot-gefährdet, ein halber Schritt zu spät . . .

Thomas Kraft: Als Torwart musst du die Bälle gut einschätzen können: Wann gehe ich raus? Wie geht es weiter, wenn ich den Ball habe? Manchmal ist es clever, auch mal wegzubleiben. Weil, wenn ich einen Fehler mache, ist der Ball drin. Das habe ich vergangene Saison in Nürnberg erlebt. Es ist ein schmaler Grat für den Torwart.

Morgenpost Online: Früher hatte der Torwart den Ruf des Eigenbrötlers. Hat sich das geändert?

Thomas Kraft: Das ist nicht nur bei uns Torwarten so. Auch in der Mannschaft geht der Trend zum Teamplayer. Wir müssen als Gruppe funktionieren, es geht nicht so sehr um einzelne Stars. Heute bin ich als Torwart mit der offensiven Spielweise mehr eingebunden. Ich habe noch Oliver Kahn erlebt, der war mehr der Einzelne. Aber das hat sich mittlerweile geändert.

Morgenpost Online: Durch Rene Adlers Verletzung wird in der Nationalmannschaft ein neuer Torwart gesucht. Die Namen Zieler und ter Stegen fallen regelmäßig, Ihrer nicht. Nervt Sie das?

Thomas Kraft: Gar nicht. Die Nationalelf ist für mich im Moment weit weg. Ich stehe hier in Berlin am Anfang meiner Karriere. Und bin froh, dass ich da im Moment nicht im Fokus dieser Diskussion stehe. Ich kann mich auf meine Arbeit konzentrieren, sollen die Anderen im Vordergrund stehen. Für mich stellt sich diese Frage im Moment nicht.

Morgenpost Online: Herr Kraft, Sie sind ein junger deutscher Profi . . .

Thomas Kraft: . . . ja, ich gebe es zu. Die Nationalmannschaft ist im Moment weit weg. Aber natürlich ist sie ein Traum für mich.