Wer einen Fußball-Profi sonnabends um 7.50 Uhr auf dem Flughafen Tegel trifft, merkt: Auch Bundesliga-Kicker sind ganz normale Menschen. Andre Mijatovic, Kapitän von Hertha BSC, sagte mit kleinen Augen: „Guten Morgen.“ Und fügte ungefragt an: „Ich bin noch müde.“ Und stellte sich an der Cafeteria an. Ob es sein Wecker war, der ihn um 5.55 Uhr aus dem Schlaf geholt hatte oder ob es das intensive Intervall-Training war, das Trainer Markus Babbel am Vortag angesetzt hatte – wahrscheinlich war eine Kombination aus beidem für die Müdigkeit verantwortlich, die Mijatovic mit einem Kaffee vertreiben wollte.
Mijatovic war nicht auf dem Weg ins Wochenende, sondern auf dem Weg zur Arbeit. Mit 24 Profis reiste Hertha BSC nach Oberstaufen, insgesamt besteht die Reisegruppe aus 40 Personen. Nicht dabei sind Fabian Lustenberger (Urlaub nach U21-EM), Adrian Ramos (spielt in der Copa America mit Kolumbien) sowie Nico Schulz (Virus-Erkrankung). Auch der Brasilianer Kaka bleibt in Berlin und trainiert bei der U23. Der Verteidiger will endgültig zum SC Braga wechseln, wohin er in der vergangenen Rückrunde ausgeliehen war und es sogar bis ins Finale der Europa League schaffte. Aber nach wie vor gibt es keine Einigung über die Auflösung seines Vertrages bei Hertha, der bis Juni 2012 läuft.
Der Mannschaftstross, der in Bayern im Vier-Sterne-Hotel von Weltmeister Karl-Heinz Riedle absteigt, hofft ein zweites Mal auf den „Geist von Oberstaufen“. In der vergangenen Saison war in der Vorbereitung am selben Ort der Grundstein für das erfolgreiche Aufstiegsjahr gelegt worden. Damals hatte Trainer Babbel die Mannschaft ein Plakat mit den Werten unterschreiben lassen, die für die Saison gelten sollten. Darauf standen Schlagworte wie „Respekt“, „Lebenswandel“ oder „Zusammenhalt“.
Für die Vorbereitung der anstehenden Bundesliga-Saison haben sich die Verantwortlichen Ähnliches vorgenommen. Manager Michael Preetz sagte zu den Zielen für das Trainingslager: „Wir wollen uns in allen Bereichen verbessern. Auch jetzt werden die Schlagwörter der vergangenen Saison wichtig sein: Teamgeist. Zusammen. Gemeinsam.“
Ein anderer Punkt ist die Integration der sechs Neuen. Auch die sind von der ersten Vorbereitungswoche in Berlin schon reichlich geschlaucht: Thomas Kraft, Maik Franz, Andreas Ottl, Tunay Torun sowie John Anthony Brooks und Abu Bakarr Karbo. Im Flugzeug nach Stuttgart wurde ein wenig in Illustrierten geblättert, einige hörten Musik über Kopfhörer, andere wie Peter Niemeyer oder Rob Friend nutzten den Flug für die Verlängerung der Nachtruhe.
Fünf Testspiele auf dem Plan
Von Stuttgart aus ging es mit dem großen blauen Mannschaftsbus 195 Kilometer weiter Richtung Süden. Am späten Nachmittag bat der Trainer zur ersten Einheit im Allgäu. Der Himmel war bewölkt, 18 Grad. Immerhin regnete es nicht wie beim morgendlichen Abflug in Berlin. Dafür hat es in Oberstaufen in den vergangenen Tagen wie aus Kübeln gegossen. Der Sportplatz, der nur 200 Meter vom Teamquartier entfernt liegt, ist aufgeweicht und tief. Ein Schwerpunkt der kommenden Woche wird die Verbesserung der Fitness sein.
Die Spieler brauchen indessen keine Bange zu haben, es wird nicht nur gelaufen. Auch Arbeit mit dem Ball, vor allem das Einstudieren von verschiedenen taktischen Systemen, steht auf dem Programm. Deshalb erwarten die Profis gleich fünf Spiele auf dieser Dienstreise. In der Zeit in Oberstaufen geht es gegen die unterklassigen Gegner SV Amtszell (heute um 17 Uhr) und TSV Kottern (5. Juli). Am 8. Juli zieht Hertha BSC um nach Solothurn in der Schweiz und kickt im Rahmen des Uhren-Cups gegen Young Boys Bern (8.) sowie den Schweizer Meister FC Basel (11.).
Dazwischen steht noch ein Test bei den Grasshoppers Zürich an (9.). Fünf Testspiele sind eine Menge für zehn Tage Trainingslager. Trainer Babbel sagte, dass das beabsichtigt sei. „Nach dem Urlaub braucht jeder einige Spiele, um wieder in Rhythmus zu kommen: Wie ist das mit dem Tempo? Wie rasch kann ich reagieren, wenn der Gegner eine Körpertäuschung macht? Ganz abgesehen davon habe ich eine große Gruppe: Da will jeder Chancen haben, um sich zu zeigen.“ Babbel wirkt zufrieden, dass er mit dem Kader für die Saison 2011/12 auf beinahe jeder Position bundesliga-reife Alternativen hat. Ob im Tor zwischen Maikel Aerts und Kraft, ob in der Innenverteidigung, wo Roman Hubnik, Mijatovic und Franz um zwei Plätze wetteifern, ob im Sturm, wo Torun bisher einen guten Eindruck macht – „genau das ist beabsichtigt, dass wir Konkurrenzkampf haben“, sagte Babbel.
Finanziell belasten die beiden Trainingslager das Budget von Hertha BSC nicht – vom 17. bis 24. Juli steigt ein weiteres im Burgenland in Österreich mit Partien gegen Hapoel Tel Aviv sowie Sigma Olmütz. Die Kosten von rund 125.000 Euro sind gedeckt durch die Antrittsgage beim Uhren-Cup sowie die Vergabe der Rechte an den anderen Testspielen.


