Stephen Malkmus, Sänger von Pavement, über sein Leben in Berlin und pubertäre Scherze

Mit einem verschlafenen Lächeln kommt Stephen Malkmus angeschlappt. Lila Shirt, ein Jäckchen drüber. Bisschen dünn angezogen für die knappen zehn Grad. Zwischen seinem dunklen Seitenscheitel, Typ Kumpel-Lehrer, blitzen einige graue Haare durch. Nicht ungewöhnlich für 45. Auf dem Kopfsteinpflaster des Bürgersteigs in der Kollwitzstraße liegen Blätter in allen möglichen Rot-Gelb-Orange-Schattierungen. Der Musiker hat am frühen Morgen, wie jeden Wochentag, den er in Berlin verbringt, die Kinder mit der M10 von Prenzlauer Berg nach Mitte zur Schule und in den Kindergarten gebracht. Danach noch mal ein Schläfchen, deswegen auch das Lächeln.

Mitte der 90er Jahre kam keiner an Malkmus' Band Pavement vorbei, jedenfalls keiner, der Indierock, also genau genommen diesen College-Quatschmacher-Lärm, gut fand. Das waren weniger als bei Nirvana, aber doch genügend und vor allen Dingen genügend Kritiker. Pavement sind für die Nerds, denen Grunge zu kreatürlich war, das, was man gemein als Kult-Band bezeichnet. Malkmus war Galionsfigur der unverstanden wortwitzelnden, intellektuellen Tunichtgute. Heute ist das Erinnerungsmusik, bei der man dann mit Ende dreißig noch mal einen Joint rausholt, den mit den Freunden von damals zu einem guten Glas Rotwein auf dem Balkon der Altbauwohnung raucht und so was sagt wie „Weißte noch, '94, die Tour mit Blumfeld, da trug Malkmus noch T-Shirt über dem Pullover. Voll Neunziger.“. Pavement sind inzwischen Geschichte, nach einer letzten Reunion 2010 endgültig. Mit seiner anderen Band The Jicks spielt Malkmus immer noch. Im August erschien deren von Beck produziertes fünftes Album „Mirror Traffic“.

Etwa zur selben Zeit zog der Kalifornier mit seiner Frau, der Künstlerin Jessica Jackson Hutchins, und den Kindern nach Berlin, in eine möblierte Wohnung zur Untermiete, mitten rein zwischen die Spielplätze, die netten, kleinen Bistros, und die Kinderwägen. Die Klischees stimmen ja, das weiß inzwischen auch Malkmus. Aber anders als dem ebenfalls in Berlin lebenden New Yorker Autor Ralph Martin, der sich von Blicken im Supermarkt „aha, das billige Gemüse, und nicht das aus dem Bioladen“ und den Bemerkungen der Eltern in den Kitas „keine Barbie-Puppen“ verstören lies, und das Buch „Papanoia“ schreiben musste, ist das dem Sänger total egal. Er erinnert sich lieber an die Speisekarten Berlins Mitte der 90er. „Everything had a little bit of Fleisch in it“, sagt er dann und lacht ein kalifornisches Lachen, eins das wirklich nach „haha“ klingt, eins dem er dann noch ein „Dude“ anhängt. „Hier spielen meine Töchter gerne“, sagt er im Vorbeigehen und deutet auf die Klettergerüste zwischen dem Sand. Auf dem Wochenmarkt ist ihm zu viel los. Einkaufen geht Malkmus lieber im Supermarkt. Kaiser's habe zwar besseres Obst und Gemüse, Lidl dafür die cooleren Punks vor der Tür. Schwere Entscheidung. Warum eigentlich Berlin? „Ach, meine Frau war noch nicht so häufig in Europa. Ich mag Europa eigentlich sehr gerne, und Berlin mochte ich auch immer schon.“ Wenn das so ist.

Den Humor, der prägend für Pavement war, hat er nicht verloren. Den linkischen Gang, dieses In-den-Knien-Wippen, Shaggy aus Scooby-Doo geht genau so, hat er perfektioniert. Für den Fotografen soll Malkmus auf den Stufen vor dem Wasserturm posieren. „Stehen oder gehen?“ Am Ende tut er so als würde er die Stufen herunterlaufen, wie in einem Cartoon. Auf seiner neuen Platte stellt er, zugegeben sehr pubertär, fest: „I know what the senator wants/ What the senator wants is a blow job“. Das ist überzeichnet, umschreibt aber komisch die Motive hinter mancher Polit-Karriere. Im Video mimt Frank Black den Senator-Kandidaten, der sich auffällig oft die Nase pudert. Malkmus liebt das und tänzelt, scheinbar wie einer, der das Posen liebt, die Stufen hinunter.

Ein Wein-Geschäft lockt mit unglaublichen Angeboten: Crémant de Bourgogne 14,95 Euro, den Zweigelt aus Österreich gibt es schon günstiger. Die Prenzlauer-Berg-Bewohner seien richtige Weinliebhaber, sagt er. Und Sonntagsmenschen seien das auch. Er sei schon oft zum Braten-Essen eingeladen worden, einfach so, von Nachbarn, von Bekannten. In Amerika verabredet man sich ein Mal im Monat, wenn überhaupt. „Da drüben, in der Straße wohne ich“, sagt er und freut sich, die Gegend schon so gut zu kennen. Straße klingt wie „S-traße“ und nicht nach „Sch-traße“. Bei Gestapo klappt das mit dem st viel besser: „Ge-sch-tapo“. Kommt ja schließlich von Geheimer Staatspolizei: „Sch-taat“.

Um Berlin und seine Geschichte kennen zu lernen eignet sich Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ vortrefflich. Ins Englische wurde der Roman erst 2009 übersetzt und dadurch wiederentdeckt. Malkmus liest ihn zur Zeit. Da steht viel drin über die Nazis, die Gestapo und das Unheil, dass sie angerichtet haben. „Entsetzlich und faszinierend“ wirkt dieses Zeitdokument auf den Sänger, der einen Abschluss in Geschichte hat. Am Mauermahnmal war er schon, zum Wannsee will er auch noch. Aber diese Stadt zu begreifen, heißt nicht nur dunkle Geschichte zu ergründen, klar das ist ein großer Teil von ihr, diese Stadt zu durchdringen, heißt heute vor allen Dingen ausgehen.

Die Tipps dazu gibt's 2011 per Email. Michael Stipe, Frontmann der sich auflösenden Band R.E.M., hat vor dem Umzug eine kleine Liste mit guten Restaurants und Lokalitäten zusammengestellt. Ein Baked-Potatoe-Laden in Mitte ist dabei und natürlich das Berghain. „Alt genug bin ich ja. Aber vielleicht sagen sie dann an der Tür trotzdem: Ich bin der schwule Typ, der hier den Laden schmeißt, und du bist raus“. Das meint Malkmus gar nicht verletzend, oder abwertend, sondern ist eben kalifornischer Humor. Seine Hände machen dabei eine Ich-Bin-Unschuldig-Ich-Ergebe-Mich-Geste, er lacht: „Ich bin 45 und muss mittlerweile einen Babysitter anrufen, wenn ich ausgehen will“. Da wäre es tatsächlich ärgerlich, wenn man abgewiesen wird. „Zur Not geh' ich eben mit einem jungen, hübschen Typen hin.“