Es ist schon einige Jahre her, als Klaus Wowereit auf Frank Henkel zu sprechen kam. Henkel war gerade zum neuen CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzenden aufgestiegen. Dieser sei anders als sein Vorgänger im Amt des Fraktionschefs, anders als der Polit-Import Friedbert Pflüger. Der machte sich aus Hannover auf die Reise, um in Berlin die Macht zu erobern – und am Ende kläglich zu scheitern. Nein, Henkel müsse man ernst nehmen. Der sei authentisch, so Wowereit. Das merkten die Berliner.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagt immer, er kenne seine Berliner. Nun wird er mit einem anderen Berliner, nicht mit einem Politisch-Zugereisten, eine Koalition bilden. Denn Wowereit hat nicht nur ein feines Gespür für Menschen, für ihre Stärken und Schwächen. Er hat auch ein Gespür für das politisch Machbare. Mit der seit zehn Jahren verpönten CDU, die von der SPD als kleingeistig und provinziell verspottet wurde, will Wowereit die nächsten fünf Jahre regieren. Der Koalitionsvertrag ist ausgehandelt. Berlin bekommt zehn Jahre nach dem Scheitern der großen Koalition wieder eine SPD-CDU-Regierung.
Langer Weg zurück an die Macht
Dafür war einiges nötig. Gleich mehrere Häutungen durchlebte die Berliner CDU in der vergangenen Dekade. Der Landesvorsitz wechselte etliche Male, wie auch der Fraktionsvorsitz. Zuletzt stürzte der Machtkampf zwischen dem damaligen Landesvorsitzenden Ingo Schmitt und dem ehemaligen Fraktionschef Friedbert Pflüger die Hauptstadt-Union in ein tiefes Tal. Es war die letzte Chance, die der damalige Generalsekretär Frank Henkel bekam, die Union noch einmal zu erneuern. Wenn es jetzt nicht gelingen sollte, die CDU mit neuen Inhalten und neuen Personen als seriöse Partei wieder aufzubauen, dann würde man wohl für viele, viele Jahre in der Opposition sitzen bleiben. Das war allen bewusst. Und Henkel nutzte die Chance. Er holte frische Gesichter in den Vorstand, etwa den Unternehmer Thomas Heilmann. Er einte die mächtigen, aber zerstrittenen Kreisvorsitzenden. Und er verpasste der Berliner CDU mit einem neuen Integrationskonzept, mit neuen Wegen hin zu mehr Beschäftigung und Ideen für mehr Wirtschaftskraft einen frischen Anstrich. Am Ende des Erholungsprozesses stand am Wahlabend bei der CDU eine Zahl: 23,4 Prozent. Ein Achtungserfolg, dachten damals viele. Denn die SPD wollte ja Rot-Grün. Aber es sollte mehr werden.
„Die CDU wird den Bürgermeister stellen“, sagt Frank Henkel am Mittwoch, am Morgen nach der letzten Verhandlungsrunde, in der die inhaltlichen Streitpunkte und die Ressortverteilung geregelt wurden. Neben den Ressorts Inneres/Sport, Wirtschaft/Technologie/Forschung, Gesundheit/Soziales und Justiz/Verbraucherschutz wird die Union also auch den Bürgermeisterposten erhalten, den Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters. Als Frank Henkel diesen Erfolg noch leicht übermüdet von den elfstündigen Verhandlungen verkündet, grinst Klaus Wowereit. Der Christdemokrat, den er vor Jahren schon als seinen möglichen Widersacher gesehen hatte, wird nun sein Regierungsmitglied. Wowereit und Henkel – es scheint in diesen Tagen, als hätten sich zwei gefunden. Wowereit schätzt Aufsteiger. Immer wieder propagiert er auch, dass die Politik den Menschen die Chance zum gesellschaftlichen und beruflichen Emporkommen geben muss. Vor Menschen, die sich selbst hocharbeiten, hat Wowereit Achtung, weil er es selbst aus kleinen Tempelhofer Verhältnissen bis hin zum höchsten Berliner Amt und zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden seiner Partei geschafft hat.
Henkel ist auch so einer, der sich hochgearbeitet hat. Geboren 1963 in Ost-Berlin, wanderte er 1981 mit seiner Familie nach West-Berlin aus. Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und Stationen in der Privatwirtschaft erwarb er 1987 die Fachhochschulreife, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, um dann beim Privatradio Hundert,6 zu arbeiten. Politisch war seine Heimat immer die CDU. Dort machte er auch Karriere. Henkel bekam als Referent der Reinickendorfer Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura erste und als Büroleiter des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen tiefe Einblicke in die Strukturen der politischen Macht in Berlin.
Unangefochten die Nummer eins
Klaus Wowereit hat sich auch selbst hochgearbeitet. Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, als Außenseiter, der sich in der Schule durchbeißen musste, über ein Jurastudium zum jüngsten Berliner Bezirksstadtrat in Tempelhof. Dann der Einstieg in die Landespolitik, der Einzug ins Abgeordnetenhaus und der Aufstieg vom Fraktionsvorsitzenden zum Regierenden Bürgermeister. Beide Politiker haben ihrer Partei viel zu verdanken. Wowereit hat sich aber später von ihr gelöst, Henkel ist noch tief mit der Berliner CDU verwurzelt. Das wird sich notgedrungen ändern. Denn der Landeschef wird als wahrscheinlicher neuer Innensenator weniger Zeit für die Partei haben. Das ist der Tribut, den das Regieren fordert.
Aber Henkel und Wowereit bleiben auch weiterhin unangefochten die Nummer eins in ihrer Partei. Denn die CDU steht geschlossen hinter Henkel, und die SPD weiß um die Bedeutung ihres Polit-Popstars Wowereit. „Die SPD hat viele gute, aber keinen so guten wie mich“, sagte Wowereit im Wahlkampf. Selbstbewusst war Wowereit immer schon, aber daran mangelt es Henkel auch nicht. Und trotzdem haben es die beiden Top-Politiker ihrer Parteien geschafft, in den Koalitionsverhandlungen gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Henkel sagt über Wowereit: „Ich schätze an ihm, dass er ein sehr authentischer Typ ist.“ Dieses Authentische, Ehrliche – das mag auch Wowereit an seinem Gegenüber.
Der Christdemokrat nennt Wowereit in der Öffentlichkeit höflich „Herr Regierender Bürgermeister“. Wowereit schätzt – bei aller Leichtigkeit, die er verbreitet – diesen respektvollen Umgang. Ganz im Gegensatz dazu hatten die Grünen in den Koalitionsverhandlungen immer nur von Klaus Wowereit gesprochen, ihm den Titel einfach weggenommen, um so auf Augenhöhe zu kommen. Frank Henkel machte es anders, zollte Respekt – und stieg so in der Anerkennung des Regierenden Bürgermeisters. Aber bei allen Höflichkeiten geht es Wowereit eben auch um die Macht, die mit der CDU deutlich sicherer ist als mit den Grünen. Die Grünen präsentieren sich mittlerweile nur noch als zerstrittener Haufen. Am Ende wird Wowereit, der Politik aus dem Bauch heraus macht, wieder sagen, dass er stets besser wusste, wer vertrauensvoller ist.
Auch wenn Wowereit und Henkel in anderen Parteien sind und auch in vielen Sachfragen wie bei der inneren Sicherheit eine andere Meinung haben – im Menschlichen ähneln sie sich. Beide tragen häufig dunkelblaue Anzüge, weiße Hemden und blaue oder rote Krawatten. Beide genießen das Leben, wenn auch der eine eher mit Bier und Bulette (Henkel) und der andere eher mit Rotwein und Pasta (Wowereit). Beide sind Berliner mit Herz und Schnauze, können verbal rumpeln – aber auch umarmen. Im direkten Gespräch sind beide sehr gewinnend, wenn sie wollen.
In den Koalitionsverhandlungen zeigte sich vor allem Henkel lösungsorientiert. Aber auch Wowereit wollte das Bündnis. So war es auch das Spitzenduo, begleitet von SPD-Chef Michael Müller und CDU-Generalsekretär Bernd Krömer, das in der kleinsten rot-schwarzen Verhandlungsrunde nach Lösungen für Konfliktthemen suchte. Solche kleinen Runden wird es auch in Zukunft geben, um jenseits des Tagesgeschäfts den politischen Partner rechtzeitig von eigenen Initiativen zu unterrichten.
"Die waren alle zufrieden"
Frank Henkel sagt es so: Man werde im Senat gemeinsam für Berlin arbeiten. „Diese Koalition tut Berlin gut.“ Im Moment gibt es jedenfalls ein allseits vorhandenes Wohlfühlgefühl, das bei Sozial- und Christdemokraten gleichermaßen spürbar ist. „Ich habe viel telefoniert mit Parteimitgliedern in den letzten Tagen. Die waren alle zufrieden“, sagt der einflussreiche CDU-Kreischef aus Steglitz-Zehlendorf, Michael Braun.
Bei der Pressekonferenz nach der langen Verhandlungsnacht sprachen dann auch beide Verhandlungsführer von einer stabilen Regierung, die Berlin nun bekomme. „Berlin wird reicher und bleibt sexy“, sagte Wowereit in Anlehnung an seinen berühmten Spruch „Berlin ist arm, aber sexy“. Etwas nüchterner formulierte es Henkel: „Wir haben die große Chance, mit Pragmatismus in stabilen Verhältnissen zu regieren.“

