Tief über einen Tisch gebeugt, ein Papierröllchen im rechten Nasenloch, die Finger halten das linke zu, der Blick gebannt auf die weiße Substanz, die zu Linien auf der glatten Holzoberfläche zusammengeschoben wurde. Auch wer im Leben nie mit Drogen zu tun hatte, weiß spätestens von Hollywood, dass so einer aussieht, der gerade kokst. Und so vermeintlich eindeutig zeigt sich der Abgeordnete Simon Weiß von den Berliner Piraten im Internet. Erst auf den zweiten Blick fällt im Bild die grobe Körnung der weißen Substanz auf und der Salzstreuer neben der Szenerie. Kein Kokain, Salz wird hier geschnupft.

Das Foto ist das Profilbild von Weiß' Auftritt beim Nachrichtendienst Twitter. Twitter ist praktisch ein Hauptkommunikationsweg der Piraten. Fast jeder von ihnen ist dort angemeldet und setzt täglich Dutzende von öffentlich einsehbaren Kurzmitteilungen über Politik und Privates dort ab. Außerdem kann man Bilder hochladen, die sich alle anderen Nutzer anschauen können.

Nun wird diskutiert, ob sich ein Politiker mit Vorbildfunktion so präsentieren darf. Noch dazu ein Abgeordneter einer Partei, die gern „Rauschkunde“ im Ethikunterricht einführen möchte, für „umfassende, ideologiefreie Aufklärung“ in Sachen Sucht.

Simon Weiß, Mathematiker, 26 Jahre alt, gehörte bisher nicht zu den dominanten Protagonisten der jungen Fraktion. In den Sitzungen ist er eher ruhig, die Rolle des Selbstdarstellers nimmt bei den Piraten im Abgeordnetenhaus eher Christopher Lauer ein, den sogar Fernsehdeutschland schon von seinem Auftritt bei „Anne Will“ nach der Wahl kennt. Aber auch von Lauer kursieren ähnliche Koks-Posen im Internet – sie sind schon fünf Jahre alt und sollen eine Persiflage auf Bilder von Männern sein, die sich beim Koksen fotografieren lassen, während eine hübsche Frau auf ihrem Schoß sitzt.

Weiß dagegen sagt über sein Foto: „Das Bild ist vor einer Weile bei einem scherzhaften Selbstversuch im Kontext der Ergo-Geschichte entstanden.“ Im Mai sei Mitarbeitern des Versicherungsunternehmens wegen eines Fotos vorgeworfen worden, sie hätten auf einer sogenannten Lustreise Kokain konsumiert, so Weiß. Hierauf habe die Versicherung erklärt, dass es sich bei der Substanz um Salz gehandelt habe. Die Veröffentlichung seines Fotos sei „einfach der Tatsache geschuldet, dass ich ein neues Profilbild haben wollte und ich dieses ziemlich gelungen finde“, sagt Weiß.

Gelungen ist dem Neu-Abgeordneten damit vor allem einmal mehr, dass die Piraten nicht wegen einer inhaltlichen Frage, sondern wegen eher obskurer Geschichten im Fokus des Interesses stehen. Nachdem sich die Öffentlichkeit einigermaßen daran gewöhnt hatte, dass mit den Piraten und ihrer Art transparenter Entscheidungsfindung, ihren so wenig hierarchisch organisierten Strukturen und ihrer Computeraffinität eine ungewöhnliche Partei ins Abgeordnetenhaus eingezogen ist, sorgte als Nächstes das Palästinensertuch von Gerwald Claus-Brunner für Diskussion. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hatte sich in einem offenen Brief über das „Symbol des bewaffneten Kampfes“ bei einem Politiker beschwert. Dann stellte die Abgeordnete Susanne Graf erst ihren Freund als Mitarbeiter ein, dann entließ sie ihn nach öffentlichem und parteiinternem Stirnrunzeln wieder.

Es sei wohl für einige schwer zu verstehen, dass sein Auftritt bei Twitter öffentlicher Teil seines Privatlebens sei, twittert Simon Weiß am Mittwochnachmittag, nachdem eine Welle von Presseanfragen und unterschiedlichsten Reaktionen (von „pubertär“ bis „gibt dir ein rebellisches Image“) der Twitter-Nutzer über ihn hereingebrochen war. Doch eben weil die Piraten täglich bei Twitter aus ihrem Politikerleben erzählen, sind ihre halb-privaten Auftritte dort mittlerweile jedem Journalisten bekannt. Nur eine Frage der Zeit also, bis es das neue Profilbild von Simon Weiß mit der Koks-Pose in die Zeitung schaffte. Die Grenzen zwischen Privatperson und Politiker verschwimmen. Eigentlich hätte Weiß das nach dem Piraten-Medienrummel der vergangenen Monate wissen müssen. Derbe Witze und Politik vertragen sich oft nur schwer.

„Die Wahl des Profilbilds war nicht dazu gedacht, irgendeine bewusste Botschaft zu vermitteln“, sagt Weiß. Er wolle ausdrücklich niemanden animieren, Salz durch die Nase zu ziehen. Das sei „hochgradig unangenehm“. Die Reaktion auf das Bild in der Intensität habe ihn überrascht. Es falle ihm auch schwer, das ernst zu nehmen, so Weiß. Die Gefahr ist aber groß, dass es der Öffentlichkeit zunehmend schwerfallen könnte, die Piraten und ihre Politik, für die sie ja eigentlich bekannt sein möchten, ernst zu nehmen.