Die Zukunft des Berliner Nahverkehrs ist aus Plastik, 5,5 mal 8,5 Zentimeter groß und ziemlich bunt. Und sie beginnt am kommenden Donnerstag. Vom 1. September an führt der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) einen elektronischen Fahrschein ein. Zunächst erhalten 600 Testkunden in Berlin und ebenso viele in Brandenburg das scheckkartengroße E-Ticket. Im Frühjahr 2012 beginnt dann in der Region die ganz große Ticket-Revolution. Alle Stammkunden des Nahverkehrs, also die Abonnenten und Jahreskarteninhaber in Berlin, Potsdam, Brandenburg (Havel), Frankfurt (Oder) und den Landkreisen Potsdam-Mittelmark, Havelland und Oberhavel erhalten schrittweise die neuen Chipkarten. Allein bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der S-Bahn sind das mehr als 480.000 Kunden. Cottbus und die übrigen Landkreise in Brandenburg sollen folgen. 2015 soll die verbundweite Einführung des Systems abgeschlossen sein.
Vom Ende des Papier-Tickets sollen nach VBB-Angaben vor allem die Abo-Kunden profitieren. Die Chipkarte ersetzt die bisherigen auf Papier gedruckten Monatsabschnitte. Der jeweils am Monatsanfang fällige Austausch des Fahrscheins entfällt künftig, und damit auch die Gefahr, aus Vergesslichkeit als vermeintlicher Schwarzfahrer ertappt zu werden. Das E-Ticket ist bis zu fünf Jahre gültig, solange das Abo nicht gekündigt wird. Weitere Vorteile laut VBB: Bei Verlust kann die Chipkarte wie eine EC-Karte gesperrt werden. Und – anders als beim Handyticket der Deutschen Bahn und der BVG – es können die Verkehrsunternehmen mit dem E-Ticket keine Bewegungsprofile ihrer Kunden erstellen. Datenschützer hatten das bei der Einführung des Handytickets im Juli bemängelt.
Rundum-glücklich-Ticket
Auf dem Chip werden nach VBB-Angaben in den meisten Fällen nur die zeitliche Gültigkeit und das gewählte Tarifgebiet gespeichert. Der Name des Nutzers und sein Geburtsdatum sollen nur bei sogenannten personengebundenen Karten, also etwa Jahres- oder Schülertickets, gespeichert werden.
Ob das so bleibt, ist allerdings fraglich. Denn die Pläne für den Fahrschein der Zukunft gehen noch viel weiter. Das E-Ticket könnte nach VBB-Angaben so etwas werden wie ein Universal-Fahrschein mit zahlreichen Extras. Die Technik lässt theoretisch eine Erweiterung auf andere Verkehrsverbünde, auf Carsharing- oder Mietfahrradangebote, sogar auf Eintrittsermäßigungen in Museen, Theatern, Schwimmbädern oder Sehenswürdigkeiten zu. Deutschlandweit unterwegs mit einem einzigen Ticket, so lautet die Vision. Deshalb nutzen schon die Chips der Testtickets in der nun beginnenden Pilotphase einen bundesweit einheitlichen Technikstandard.
Schwarzfahrerquote senken
Profitieren wollen aber auch die Verkehrsunternehmen. Für sie entfällt der halbjährliche Versand der neuen Monatsabschnitte per Post. Außerdem wollen sie die Schwarzfahrerquote und die Zahl gefälschter Tickets deutlich senken.
Am Ende, so viel ist klar, muss sich die Umstellung auf die Plastik-Tickets auch rechnen. Eine Erhöhung der Ticketpreise zur Finanzierung des Projekts schließt der VBB nämlich aus. Und billig ist die Einführung nicht. Allein die seit 2008 laufende Vorbereitung, wissenschaftliche Begleitung und technische Ausstattung für den Probebetrieb in 26 Verkehrsunternehmen der Region kosten bis Ende 2011 insgesamt rund fünf Millionen Euro. 2,3 Millionen Euro stammen aus Fördermitteln des Bundes.
Der Bund soll weiter fördern
Die verbundweite Einführung wird noch teurer. Nach Angaben des Potsdamer Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft müsste der Bund weitere sechs Millionen Euro beisteuern, um das Projekt nicht zu gefährden. Einen entsprechenden Förderantrag hat der VBB bereits eingereicht. Verkehrsstaatssekretär Rainer Bretschneider zeigte sich jüngst aber besorgt darüber, dass der Bund sein bisheriges Engagement nicht in vollem Umfang fortsetzen könnte. „Das wäre fatal“, sagte Bretschneider. Der Bund müsse wie die Länder ein großes Interesse daran haben, den öffentlichen Personennahverkehr zu stärken und „damit Lebensqualität zu sichern und dem Klimawandel entgegenzuwirken.“


