An einem Tisch, links vom Eingang, sitzt dann doch noch ein Promi. Nicht jeder kennt ihn. Auf jeden Fall aber die nicht mehr ganz junge Frau, die von einem Kellner zum Nebentisch dirigiert wird und ihrem Mann aufgeregt mitteilt: „Das ist Kutte Klein, der Rennfahrer.“ Und schon jetzt, so scheint es, hat sich für das Paar der Weg in die Charlottenburger Kantstraße 152 gelohnt. Zu der Lokalität, die wegen ihrer knallroten Leuchtreklame schon von Weitem zu finden: die Paris Bar.
Gut die Hälfte der Plätze ist besetzt an diesem Sonntagabend. Auf den übrigen Tischen stehen Schilder mit der Aufschrift „Reserviert“. Was die Kellner aber nicht hindert, diese Schilder bei der Ankunft nicht angemeldeter Gäste und der positiven Antwort auf die Frage „Wünschen Sie zu speisen?“ sofort wegzunehmen. Der Ruf soll bleiben, aber der Umsatz muss auch stimmen. Und das ist nicht immer ganz leicht angesichts der Konkurrenz in der näheren Umgebung. Und die Presse ist derzeit auch nicht gut. Stehen doch die beiden ehemaligen Inhaber der Paris Bar, Michel Würthle und Reinhold Nohal, seit dem 16. Februar wegen Steuerhinterziehung vor einem Strafgericht. Am Mittwoch soll nun im Moabiter Kriminalgericht das Urteil gesprochen werden.
Die Geschichte der beiden Angeklagten könnte Stoff für einen Film sein: Zwei zugereiste Österreicher, die offenkundig mehr Ahnung von Kunst als von Buchhaltung haben, übernehmen eine heruntergewirtschaftete Gaststätte, machen daraus ein Kult-Restaurant, haben scheinbar riesigen Erfolg – und müssen am Ende Insolvenz anmelden. Nach außen habe das Lokal einen guten Eindruck gemacht, „nach innen aber war es schlecht gemanagt“, übte Nohal vor Gericht Selbstkritik. Und sein Geschäftspartner Würthle schilderte, wie sie sich immer wieder Geld geliehen hätten, um die Löcher in der Kasse zu stopfen. Wie sie schließlich sogar Bilder, die ihnen Freunde aus der Kunstszene schenkten, verkaufen mussten. Aber letztlich war alles vergebens.
Gegründet von einem Franzosen
Gegründet wurde die Paris Bars 1950 von einem ehemaligen Kantinenkoch der französischen Alliierten. Vor allem Studenten aus der nahe gelegenen Kunsthochschule an der Hardenbergstraße waren in den Anfangsjahren die Gäste. Einige blieben Stammkunden, als sie an der Hochschule schon als Dozenten arbeiteten oder sich als Künstler oder Architekten einen Namen gemacht hatten. 1978 wurde die Paris Bar dann von Würthle und Nohal übernommen. Geraten haben soll ihnen dazu Otto Schily, der damals noch Grüner war. Er kannte die beiden aus Kreuzberg, wo sie das Restaurant Exil bewirtschafteten.
Nohal und Würthle nahmen Kredite auf und machten das Restaurant erst zu jener Adresse, die es viele Jahre war: West-Berlins schönster Promi-Treff. Künstler wie Harald Juhnke, Otto Sander, Helmut Dietl, Götz George, Udo Lindenberg, Vadim Glowna, Ben Becker, Iris Berben und Bernd Eichinger – von ihm steht heute ein Foto im Gastraum – zählten zu den Stammgästen. Der 1997 verstorbene Universalkünstler Martin Kippenberger soll den Wirten Bilder übergeben haben, um hier jederzeit ohne Rechnung beköstigt zu werden. Einige seiner Bilder hängen heute noch an den tabakbraunen Wänden des Restaurants. Der Dichter Heiner Müller und Talkmasterin Sabine Christiansen kamen regelmäßig. Manchmal sollen auch Minister der Schröder-Regierung zu sehen gewesen sein. Und nicht nur zu Berlinale-Zeiten speisten hier Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Robert de Niro. Legendär ist der Auftritt von Popsängerin Madonna, die unangemeldet in die Paris Bar kam, sich einen Tisch auswählte, und sehr ausfallend reagierte, als ihr von einem Kellner sachlich mitgeteilt wurde, dass dieser Tisch leider reserviert sei, und zwar von Gina Lollobrigida. „Who the fuck is Gina Lollobrigida?“ soll Madonna erwidert und sich einfach an den Tisch gesetzt haben.
Eine andere Anekdote handelt von dem damaligen PDS-Pressesprecher Hanno Hanisch, der nach einer durchzechten Nacht in der Paris Bar einen roten Pkw der Marke „Trabant“ aufbrach und mit ihm nach Hause fahren wollte. Der Ballett-Chef der Volksbühne Johann Kresnik, dem der rote Trabi gehörte, und Bürgermeister Walter Momper sollen dann noch versucht haben, Hanisch aufzuhalten. Was jedoch misslang, weil sich Momper in seinem roten Schal verhedderte. Hanisch wurde später von einer Strafrichterin zu einer Geldstrafe verurteilt.
Gegen 21 Uhr kommt Rolf Eden
Heute hat die Paris Bar ihren Kultstatus an Lokalitäten wie das Borchardt und Grill Royal in Mitte und das Adnan in Charlottenburg verloren. Aber es ist immer noch ein gemütliches Lokal mit einem ganz besonderen Flair, das ohne Änderungen Staffage für einen Film aus der Nachkriegszeit sein könnte; mit unzähligen betrachtenswerten Bilder und Fotografien an den Wänden und mit einem Speiseangebot, das durchaus bezahlbar ist: Das beginnt bei der Tagessuppe für 5,50 Euro und endet bei Entrecote für zwei Personen für 59,50 Euro. Und es gibt immer noch Michel Würthle, der eigentlich Michael heißt, seinen Vornamen jedoch modifiziert haben soll, weil Michel geschmeidiger klingt. Bevor er 1970 nach Berlin kam, studierte Würthle in Wien an der Kunstakademie und lebte lange Zeit in Paris.
Vor Gericht erklärte Würthle lapidar, dass er derzeit, also nach Übernahme der Paris Bar durch den neuen Geschäftführer Arno Baur, „nur noch einen kleinen Job an der Tür“ habe. Das, so scheint es, ist maßlos übertrieben. So antwortet ein Kellner, der nach dem Chef gefragt wird, Herr Würthle sei „heute noch nicht da“. Und im Gastraum findet sich ein großes Plakat, auf dem mitgeteilt wird, dass Würthle derzeit in Paris als Kurator eine Ausstellung leitet. Dort sind Bilder von ihm selbst und auch von Künstlern wie Georg Baselitz, Joseph Beuys und Andy Warhol zu sehen.
Vielleicht ist Würthle wegen dieser Ausstellung momentan nur selten im Lokal. Vielleicht liegt es auch an dem Prozess. Doch zu sehen gibt es immer noch genug. An diesem Sonntagabend, gegen 21 Uhr, vielleicht sogar einen Promi. Er läuft gebückt, hat langes blondes Haar und sieht aus wie Rolf Eden – nur 20 Jahre älter, als auf den Fotos in den Boulevardzeitungen. Und er wird dann auch sofort von einem Kellner, der eilig das Reserviert-Schild entfernt, zu einem Tisch geleitet.


