5:30 Jörg Freier schaltet den Alarm seines Weckers aus. Er steht sofort auf, er fühlt sich fit, gestern war er im Stadtpark Steglitz joggen. Draußen ist alles ruhig. Die Nacht ist noch schwarz und sternenklar. Er zieht Jeans und Karohemd an, darüber ein blaues Wollsakko. Jörg Freier, kleine, aufrechte Statur, freundliche blaue Augen, ist 40 Jahre alt und seit etwas mehr als zehn Jahren Lehrer für Deutsch, Philosophie und – seit Einführung des Fachs 2006/2007 – Ethik am Humboldt-Gymnasium in Tegel. Volle Stelle, verbeamtet. Als Sohn eines Kochs und einer Schneiderin wuchs er in Wilmersdorf und Britz auf, nach dem Abitur studierte er an der FU Berlin Deutsch und Philosophie auf Lehramt, jobbte bei einem Landschaftsgärtner und brauchte deshalb, so sagt er es, „relativ lange“.

6:00 Auf dem Frühstückstisch steht geschnittenes Obst. Jörg Freier und seine Frau, Sonderpädagogin an einer Berufsschule in Lichtenberg, bereiten jeden Abend das Frühstück vor. Dazu gibt es Tee und Kaffee. Morgenritual.

6:30 Mit schwarzem Mantel und einer dicken Ledertasche, die, so scheint’s ihm, jeden Tag schwerer wird, verlässt er die Altbaudachgeschosswohnung. Um 6.45 Uhr steigt er in den Bus. 70 Minuten dauert sein Arbeitsweg. Er freut sich auf den Roman in seiner Tasche: „Alte Meister“ von Thomas Bernhard. Als er die Treppe zum U-Bahnhof runtergeht, dämmert es. Morgengrauen in Steglitz.

7:00 Adrian Bröking schaltet seinen Wecker aus. Hinter den Vorhängen geht gerade die Sonne auf. Bröking, 42 Jahre alt, groß und schlank, aschblondes Haar, junges Gesicht, geht in Gedanken den Tag durch. Es wird ein langer Tag. Dr. Adrian Bröking, angestellter Lehrer für Englisch und Spanisch, Fachleiter Spanisch am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Wilmersdorf.

7:40 Jörg Freier biegt aus der Gorki- in die Eschachstraße ein und wirft einen Blick auf die goldenen Zeiger am Türmchen über dem denkmalgeschützten Schulgebäude von 1911. Er liegt gut in der Zeit. Im Lehrerzimmer teilt er sich einen der eng gestellten sechseckigen Tische mit fünf Kollegen. 100 Lehrer umfasst das Kollegium. Noch ist er allein. Grauer Teppichboden, Schließfächer, Bücherregale. Darauf eine Reihe von Pokalen, Erfolge der 1250 Schüler bei Sportfesten und Wettkämpfen. Vor Freier liegen Schnellhefter, Bücher, Papiere. Er nimmt einen roten Tintenroller aus der Tasche. Benotung von Diktaten. Draußen vor den Fenstern ist die Sonne aufgegangen.

8:20 Das Lehrerzimmer füllt sich. Freier nimmt die Schnellhefter und geht in den Raum nebenan, an der Tür steht „Silentium“.

8:30 Adrian Bröking verlässt das Haus und bringt seine sechsjährige Tochter zur Schule.

8:45 Im Humboldt-Gymnasium klingelt es zur ersten Pause. An der Wand hängt der Ferienplan 2010/2011. Jemand hat mit grünem Filzstift fünf Blöcke markiert. Der gesamte Juli 2011 ist durchgestrichen. Sommerferien.

8:55 Pausenglocke, zweite Stunde. Freier kehrt ins Lehrerzimmer zurück. Er legt die korrigierten Diktate auf den Tisch, nickt einem Kollegen zu. „Das wird Tränen geben.“ Jörg Freier gilt als engagierter Lehrer, interessiert sich für Schulpolitik und ist beliebt bei den Schülern und im Kollegium, das ihn gerade in die zwei höchsten Gremien, Schulkonferenz und erweiterte Schulleitung, gewählt hat. „Die Schule steht unter dem Diktat von Nutzen und Effizienz, Investitionen werden nicht gemacht, denn Finanz- und Sparzwänge sind Argument gegen alles“, sagt er. Klassen und Kurse würden immer größer, die Tage – auch für die Schüler – immer länger. Eine Kantine gibt es im Humboldt-Gymnasium nicht. Eltern bewirtschaften eine kleine Cafeteria, ehrenamtlich. Zu 26 Wochenstunden Unterricht kommen Vor- und Nachbereitung, Korrekturarbeiten und Pausenaufsichten. „In besonderen Belastungsphasen“, sagt Freier, „kommt man auf 50 bis 60 Stunden die Woche. Letztlich verwalten wir hier doch viele Schüler nur.“

Nach der Ankündigung eines Qualitätspakets von Bildungssenator Jürgen Zöllner für alle Berliner Schulen fühlen sich gerade Gymnasien zu wenig unterstützt. Weder beim Zustand der maroden Gebäude noch beim Personal hat sich die Lage bislang tatsächlich verbessert. Trotz der von Zöllner versprochenen 200 Neueinstellungen zum Halbjahr klagen viele Oberschulen weiter über Lehrermangel und Unterrichtsausfall. In manchen Fächern wie etwa Mathematik und Physik gibt es nicht einmal genügend Bewerber. So hatte das Schuljahr schon chaotisch begonnen, weil Lehrer fehlten. Für den Doppeljahrgang, in dem nun sowohl Schüler nach zwölf als auch Schüler nach 13 Jahren Abitur machen, sind die Gymnasien nur unzureichend gerüstet. Trotzdem, Freier ist gern Lehrer. Er sagt: „Ich kann mich in meinem Berufsalltag mit Dingen beschäftigen, die mich wirklich interessieren, das empfinde ich als sehr erfüllend.“

9:00 Adrian Bröking sitzt am Schreibtisch. Mit seiner Frau Sonsoles, Sprachcoach für Spanisch, teilt er sich ein Arbeitszimmer in der Schöneberger Altbauwohnung. Holzparkett, Wände mit Bücherregalen, Drucker, Faxgerät, Gläser mit Stiften. Bröking speichert am Computer vorbereitete Tafelbilder auf einem USB-Stick. Ursprünglich wollte er Journalist werden. Aber dann sollte er für eine Lokalzeitung eine Familie interviewen, deren Wohnung abgebrannt war. „Das war nicht mein Ding.“ Die Entscheidung fiel also auf Hispanistik und Anglistik auf Lehramt. Nach dem Abschluss promovierte er und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Potsdam. Doch er hatte das Gefühl, nicht genug bewirken zu können. Als Lehrer, so seine Hoffnung, würde das anders sein. In Berlin bekam er einen Referendariatsplatz.

9:40 Es klingelt zur 15-Minuten-Pause. Im Lehrerzimmer des Humboldt-Gymnasiums ist es jetzt ziemlich laut und wuselig. Ein Lehrer fischt ein Netz Volleybälle aus dem Regal, zwei Referendare unterhalten sich über eine Unterrichtsprüfung. Freier kopiert Aufgabenzettel.

9:55 Es klingelt zur dritten Stunde. Freier bespricht mit einem Kollegen die nächste Sitzung der erweiterten Schulleitung.

10:00 Adrian Bröking, schwarze Jeans, Fleecejacke, Wollmütze, macht sich mit Rucksack und Fahrrad auf den Weg in die Schule. Etwa zehn Minuten braucht er bis zur Wilmersdorfer Blissestraße. In dem Gebäude von 1912 laufen Schüler durch die gelb gestrichenen Gänge, er wird fröhlich begrüßt. Im Lehrerzimmer im ersten Stockwerk sitzen eine Handvoll Kollegen. Brauner Teppich, eierschalenfarbene Wände, auch hier sechseckige Tische. Eine Küchenzeile mit Kaffeemaschine, Regale mit Büchern, Schließfächer. Draußen glitzert das Wasser des Fennsees hinter den kahlen Bäumen in der Vormittagssonne.

10:40 Freier nimmt Mantel und Tasche und verlässt das Lehrerzimmer. Die kommende Unterrichtsstunde findet in einem anderen Gebäude statt. Er überquert die Straße in schnellen Schritten. Seit 2000 hat das Humboldt-Gymnasium vier Zimmer im Erdgeschoss eines Wohnhauses angemietet.

10:45 Friedrich-Ebert-Gymnasium, Doppelstunde Spanisch, Klasse 9B. 14 Schüler sind da, der Rest ist auf Exkursion. Der Raum im zweiten Obergeschoss: Ockerfarbenes Linoleum, eierschalenfarbene Wände. Vorne ein sogenanntes Activboard, eine elektronische Tafel, in der Ecke ein Projektor. Die Boards wurden 2009 gesponsert. Seither braucht Bröking morgens nur noch seinen USB-Stick einzustecken. Er schaltet das Board ein. Während er die Vorhänge zuzieht, klopft es an der Tür. Eine verspätete Schülerin. In den nächsten Minuten kommen noch zwei weitere Schüler zu spät. „Buenos dias a todos!“ Die Schüler, im Chor: „Bue-nos di-as Senor Brö-king.“

10:50 Die Pausenglocke ist im ausgelagerten Unterrichtsraum der Humboldt-Schule nicht zu hören. 22 Schüler, überwiegend Mädchen, sitzen schon auf ihren Plätzen. 12. Jahrgang, Grundkurs Philosophie. Graues Linoleum, Leuchtstoffröhren, eine Tafel, ein Projektor. Draußen vor dem Fenster ein Kirschbaum. Hecken, Müllcontainer, Fahrräder, Sandkiste. Berliner Hinterhof. Die Sonne scheint. Freier stellt den Projektor an, legt eine Folie auf. Lückentext: Die deutschen Haushalte besitzen ein Gesamtvermögen von X Euro. „Schätzt mal!“ Es ist still im Raum, nur der Projektor surrt. Hände gehen hoch. Schüler: „Besitztümer mit Immobilien eingerechnet?“ Freier: „Ja.“ Schüler: „Okay. Dann zwei Milliarden.“ Ein anderer: „Eher so 50 bis 70 Milliarden.“ Freier: „Es sind 6,6 Billionen.“ Erstauntes Raunen. Freier schreibt die Zahl mit rotem Filzer auf die Folie. 6.600.000.000.000. „So sieht das aus.“

11:05 In der 9B klopft es erneut an der Tür. Zwei ältere Schülerinnen. „Ja, Hallo, wir machen eine Schülerumfrage. Es geht um Klimawandel…“ Bröking guckt in die Runde: „Okay, hopp, ich geb euch zwei Minuten.“

11:10 Feier lässt das durchschnittliche Pro-Kopf-Vermögen ausrechnen. Dann liest er weiter vor. „27 Prozent der Haushalte besitzen gar kein Vermögen oder haben sogar Schulden. Die reichsten zehn Prozent besitzen über 60 Prozent des Gesamtvermögens.“ Freier verteilt Texte und schreibt eine Aufgabe an die Tafel. „Ihr habt 15 Minuten Zeit.“ Konzentration. Die Luft ist schnell verbraucht. Freier öffnet ein Fenster, sein Blick fällt kurz auf den Kirschbaum. Es folgt eine Diskussion. Utilitarismus, Friedrich August von Hayek, faire versus formale Chancengleichheit. Freier guckt auf seine Armbanduhr. 11.35 Uhr, Pause. Ein paar Schüler haben noch Fragen zur morgigen Klausur. Freier beruhigt: „Ihr müsstet alle gut vorbereitet sein.“

11:45 Zurück zum Schulgebäude. Freier hastet ins Lehrerzimmer, zieht den Mantel aus, holt Unterlagen aus seinem Schließfach. Dann geht es zum Klassenraum der 7F, Hauptgebäude, Erdgeschoss. Graues Linoleum, hellblaue Wände mit gemalten Fischen und Seepferdchen, vorne eine Tafel und ein Rollschrank mit Fernseher, hinten Kleiderhaken mit Turnbeuteln und Fahrradhelmen. Von den Heizkörpern blättert die Farbe ab. Vertretungsstunde Deutsch, 20 Schüler stehen hinter ihren Tischen. „Gu-ten Mor-gen, Herr Frei-er.“ Manche der Schüler sind fast so groß wie er selbst, andere wirken noch kindlich. Ein Junge klettert kichernd aus dem Rollschrank, hinten kabbeln sich ein Mädchen und ein Junge um ein „Bravo“-Heft. Freier lächelt und wartet, bis sich die Meute beruhigt. „Hefte raus, wir machen ein Diktat! Überschrift: Die Party. Am letzten Abend unserer Klassenreise…“ So laut und unruhig es eben noch war, so still und konzentriert die Atmosphäre jetzt.

Draußen vor dem Fenster liegt ein verwaister Spielplatz in der Sonne, ein Mann mit Hund sitzt auf einer Parkbank. Eine S-Bahn fährt quietschend vorbei. In der Ferne ist eine Autoalarmanlage zu hören.

12:00 Bröking hat die Hausaufgaben kontrolliert und Vokabeln abgefragt. Die Klasse ist ziemlich unkonzentriert, er muss einige Male laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. In der zweiten Stunde Spanisch wird diskutiert, zum Teil auf Deutsch, wenn der Spanisch-Wortschatz nicht reicht: Sexismus in der Werbung.

12:15 Pause. Bröking schreibt die Hausaufgabe an die Computer-Tafel: Vokabeln lernen. Die Liste hat er ins Internet gestellt. Draußen vor dem Fenster sind Kinderstimmen zu hören, auf dem Sportplatz der Schule wird Fußball gespielt.

12:30 Auch im Humboldt-Gymnasium ist große Pause. Jörg Freier hetzt ins Lehrerzimmer. Dann geht er über den Hof zum Pavillon, einem Erweiterungsgebäude, das in den Neunzigern auf den Fundamenten des alten Schulbunkers errichtet wurde. Pausenaufsicht.

12:45 In der 7A gibt es Probleme. In der Stunde zuvor hat ein Junge zwei andere geärgert, er habe ihre Füller in den Müll geworfen und einen Keks mit dem Messer zerhackt, erzählt einer aufgeregt. „Ganz langsam“, versucht Freier zu beruhigen. „War es ein Messer oder eine Schere?“ Eine Schere. Der beschuldigte Junge will nichts sagen. Freier weist ihn an, aufzuräumen und sagt, er werde in den nächsten Tagen die Eltern zu einem Gespräch einladen.

Im Friedrich-Ebert-Gymnasium klingelt es zur sechsten Stunde. Gleicher Raum, andere Schüler: Leistungskurs Englisch, 12. Jahrgang. 19 Jugendliche sind da. Bröking schaltet das Activboard ein, öffnet eine Datei. Er sieht ins Klassenbuch, fragt nach Attesten für die letzte Stunde. Manchmal komme es ihm vor, als würde er die Schüler bloß verwalten. „Ich bin Pädagoge, Seelsorger, Wissensvermittler und Schülerverwalter“, sagt er dann bitter. „Der permanente Zeitdruck macht mich zum Gejagten.“ Er freut sich auf die Sommerferien. Er braucht dann zwei bis drei Tage, um sich umzustellen.

12:55 Sechste Stunde im Humboldt-Gymnasium. Deutsch, Klasse 7A. Die Schüler stürmen in den Raum, stellen sich hinter die Tische. „Gu-ten Mor-gen, Herr Frei-er.“ Freier ist ihr Klassenlehrer. Graues Linoleum, eierschalenfarbene Wände, vorne und seitlich Tafeln, Projektor, Schließfächer. Neben den Tischen voll gepackte Ranzen. Draußen unter dem Fenster ein leerer Pausenhof, Fahrradständer, laubfreie Bäume. Freier teilt Einladungen zum Elternabend aus. Ein Konzept für eine Skireise soll vorgestellt werden. Freudige Aufregung im Raum. Freier erklärt, dass dies alles noch nicht feststeht und von verschiedenen Faktoren abhängt. Klassenreisen sind teuer. Auch für Lehrer, sie müssen sie selbst zahlen. Er schaltet den Projektor an, legt eine Folie auf.

13:00 Gruppenarbeit im Friedrich-Ebert-Gymnasium. Bröking zieht auf dem elektronischen Board die Fotos größer und stellt eine Stoppuhr ein. Jemand fragt: „Was heißt ‚spießig’ auf Englisch?“ Bröking öffnet ein Online-Wörterbuch. Schöne neue Welt.

13:10 Im Humboldt-Gymnasium wird das Diktat der vergangenen Woche besprochen, Schwerpunkt Groß- und Kleinschreibung. Freier schreibt den Notenspiegel an die Tafel: Eine Eins, zehn Zweien, 15 Dreien, eine Vier, vier Fünfen, zwei Sechsen. Applaus für Saskia mit der Eins. Sie kreischt vor Glück. Eine Schülerin freut sich Hände klatschend über eine 3+. Eine andere weint. Sie wird getröstet, Freier sieht nach ihr, fragt die anderen: „Kümmert ihr euch um sie?“ Die Tränen tun ihm leid, doch auch Noten gehören dazu. Freud und Leid sind in der 7A heute nah beieinander.

13:30 Pausenglocke im Friedrich-Ebert-Gymnasium. Bröking hat fünf Minuten, er bleibt im Raum, ordnet Unterlagen.

13:35 Leistungskurs Spanisch, 12. Jahrgang, zehn Schüler. Bröking verlässt noch mal kurz den Raum zum Kopieren. Die Schüler unterhalten sich, manche auf Spanisch. Einer öffnet ein Fenster. Am Wohnhaus gegenüber putzt jemand seinen Balkon.

13:40 Pausenklingel im Humboldt-Gymnasium. Zurück im Lehrerzimmer warten schon zwei Schüler aus dem 13. Jahrgang auf Freier. Sie wollen mit ihm über eine Abiturprüfung sprechen.

14:00 Bröking ist zurück. Er hat Texte verteilt und führt einen spanischen YouTube-Film vor. Ein Mitschnitt vom 23. Februar 1981, als bewaffnete Angehörige der Guardia Civil eine Sitzung des Parlaments in Madrid stürmten. Die Schüler gucken gebannt.

14:20 Freier kehrt zurück ins Lehrerzimmer. Freistunde. Er trinkt einen Schluck Wasser, dazu ein belegtes Brötchen. Er guckt an die Decke, sagt zu sich selbst: „20 Minuten, dann habe ich die 10G, Buddhismus.“

Unterrichtsende für Adrian Bröking. Er geht über den Hof zur ehemaligen Schulmeistervilla, in der die Cafeteria ist. Hier gibt es Mittagessen, Getränke, Brötchen, Süßigkeiten. Hinter dem Tresen steht Patrick Cromvel, ein grauhaariger Mann mit französischem Akzent. Er reicht lächelnd einen Becher Kaffee. Bröking setzt sich an einen der Tische und guckt aus dem Fenster. Die Sonne scheint, drinnen und draußen schläfrige Trägheit. „Als Lehrer ist man immer auch Aufsichtsperson“, sagt Bröking. „Den ganzen Tag über ist meine volle Aufmerksamkeit gefordert. Das ist schon auch anstrengend.“ Patrick Cromvel nickt. Bei ihm kaufen jeden Tag viele der 824 Schüler und 60 Lehrer etwas zu Essen. Für viele ist er Vertrauensperson, er kennt die Probleme. Bröking hat noch 15 Minuten. Er denkt an seine Töchter, die heute bei den Großeltern sind. Er freut sich darauf, sich später ein halbes Stündchen hinzulegen. Länger geht nicht, vorhin hat er erfahren, dass er morgen zwei Vertretungsstunden übernehmen muss. Sechs Stunden muss er vorbereiten. Außerdem warten noch 15 unkorrigierte Klausuren auf ihn, die er gestern wegen des Elternabends seiner Tochter nicht fertig bekommen hat. „Ich frage mich, wie Alleinerziehende das machen“, sagt er. „Man hat permanent ein schlechtes Gewissen und immer das Gefühl, dass man noch mehr tun könnte.“

14:40 Im Humboldt-Gymnasium klingelt es zur achten Stunde. Ethik, 18 Schüler. Freier schaltet den Projektor ein. Die Schüler stehen auf: „Gu-ten Mor-gen, Herr Frei-er.“ Freier grüßt, legt eine Folie auf. Ein buddhistisches Mandala. Die Schüler tragen zusammen, was auf dem Bild zu sehen ist. Der Raum im ersten Stockwerk des Hauptgebäudes: Braunes Linoleum, eierschalenfarbene Wände, vorne eine Tafel, an der Wand eine Weltkarte. Unter dem Fenster die Hatzfeldtallee.

14:45 Keine Pausenglocke. Bröking kehrt in den Raum zurück. Zwei Schüler und vier Frauen sind schon da. Fachkonferenz Spanisch. Bröking schaltet das Board ein und will eine Datei öffnen, doch das Gerät streikt. Er sieht müde aus, fährt sich mit den Händen über die Augen. Die Sonne scheint ihm direkt ins Gesicht.

15:00 Freier verteilt Kopien mit Texten zum Diesseits und Jenseits in den Religionen. Die Debatte dazu machen die Schüler eifrig mit. Freiers Wangen sind gerötet.

15:25 Pausenglocke. Die Achtklässler haben jetzt frei. Freier hat noch eine Doppelstunde vor sich. Er verlässt das Haus, geht schnellen Schrittes durch die Wilhelm-Blume-Allee zum „Grünen Haus“, einem Gebäude, das bis 2006/2007 Jugendgästehaus war.

15:30 Neunte Stunde, Grundkurs Deutsch, 12. Jahrgang, 19 Schüler. Ein heller Raum im ersten Stockwerk. Graues Linoleum, weiße Wände, ein Whiteboard vorne, ein Projektor. Die Sonne steht tief über dem Friedhof schräg gegenüber. Freier setzt sich auf einen Tisch. Prosa im Sturm und Drang, Besprechung eines Textausschnittes von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“.

16:40 In Wilmersdorf hat Bröking in der Konferenz für mehr positives Feedback gegenüber den Schülern plädiert. Er schließt die Sitzung. Das Schulgebäude ist verwaist.

17:00 Kein Pausenklingeln ist zu hören, aber für heute ist Schulschluss. Die Schüler packen ein. Morgen werden Klausuren geschrieben, sie müssen noch lernen. Auch Freier packt seine Sachen, schließt das Fenster, stellt die Stühle hoch. Er schenkt den letzten winterlichen Sonnenstrahlen über dem Nordgraben keine Aufmerksamkeit. Er fühlt sich aufgedreht, ist zufrieden mit dem Tag und mit sich. Tolle Kinder und Jugendliche hat er heute wieder unterrichtet, findet er. „Eine Erfüllung, mit denen zu arbeiten.“

17:20 In der Fußgängerzone ist einiges los, Freier läuft direkt zur U-Bahn-Station. Er will nach Hause, joggen gehen. Beinahe zwölf Stunden ist er auf den Beinen, fast elf Stunden aus dem Haus, neun Stunden hat er gearbeitet, sieben Stunden unterrichtet. Es reicht für heute. Der Abend wird ruhig. Abendbrot mit seiner Frau, „Alte Meister“ von Thomas Bernhard, gegen 22 Uhr Licht aus.