„Tschüss, ich bin in Italien, ich komme nicht vorbei“ – mit diesem augenzwinkernden Gruß verschickte Heike Borggreve im Sommer ein Foto an Freunde. Es zeigte sie und ihren Mann vor der Orangerie in Potsdam, dahinter ragten Palmen in die Höhe. Die Empfänger nahmen ihnen den vermeintlichen Urlaub im Süden ab. Tatsächlich war das Paar gar nicht verreist: Das Foto entstand direkt vor der eigenen Haustür. Die beiden wohnen zur Miete in der Fasanerie, mitten im Park Sanssouci.

Seit Juli 2018 wohnt das Ehepaar dort. Zuvor hatten die beiden ihre Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Unterschied könnte für sie kaum größer sein. „Es entschleunigt total“, sagt Ehemann Peter. Während in Berlin oft Hektik herrsche, gehe es hier entspannter zu. „Hier ist es italienisch“, beschreibt der 71-Jährige. „Ich wollte hier nie mehr weg.“

Leben mitten im Park Sanssouci: „Da geht mir das Herz auf“

Auch seine Frau genießt die Natur und die kurzen Wege, die ihnen ihr Heim inmitten des Unesco-Welterbes Sanssouci bietet. Zur Arbeit in der Innenstadt braucht sie mit dem Fahrrad etwa zehn Minuten. Seit dem Umzug aus der Bundeshauptstadt hat das Paar einen Hund - Iram heißt der Boxer. „Ich wohne hier wirklich gerne“, sagt sie. Wenn sie aus Berlin zurückkomme, gehe ihr auch nach etlichen Jahren in Brandenburgs Landeshauptstadt „das Herz auf“.

Dass Park und Schloss Sanssouci vor allem eine Touristenattraktion sind und an manchen Tagen tausende Menschen durchströmen, stört die beiden kaum. Ihr Teil des Parks sei deutlich ruhiger als die Umgebung des berühmten Schlosses am Ost-Ende der historischen Parkanlage. Manchmal kämen dennoch ein paar Besucher vorbei und fragten nach dem Weg oder fotografierten die Fasanerie, während die beiden auf der Terrasse sitzen. 

Fasanerie im Park Sanssouci
Heike Borggreve, Bewohnerin der Fasanerie im Park Charlottenhof im Park des Schlosses Sanssouci, schaut vom Balkon.© Britta Pedersen/dpa | Britta Pedersen

Doch wie wirkt sich ihre besondere Wohnlage auf den Alltag aus? Diesen bestimmen vor allem „Spaziergänge, Nachbarn und Gartenarbeit“, sagen die beiden. Gemeinsam mit der Hausgemeinschaft gießen sie Blumen, harken Laub oder trinken ein Glas Wein. Insgesamt leben in dem Haus fünf Mietparteien. Die Hausgemeinschaft sei gut.

Jalousie? Erst den Denkmalpfleger fragen

Wer in dem historischen Haus wohnt, muss allerdings ein paar Regeln beachten. Aufwendige Renovierungen sind mit dem Denkmalschutz abzustimmen. „Wenn wir irgendwas Bauliches machen wollten, dann müssen wir natürlich immer fragen“, erklärt Heike Borggreve. Als das Paar eine Jalousie auf dem Balkon anbringen ließ, mussten Farbe und Stoff mit dem Denkmalpfleger abgestimmt werden. Sogar für einen Teppich im Treppenhaus, der das Hinunterlaufen sicherer machen sollte, brauchte es die Rücksprache mit den Denkmalpflegern.

In einigen Räumen sind heute noch Reste alter Tapeten freigelegt. Ein Maler habe sie einmal überstreichen wollen, erzählt Peter Borggreve. Doch die historischen Spuren sollten erhalten bleiben. Das Paar nimmt mittlerweile solche Vorgaben gelassen: „Uns gefällt das so, wie es ist“, sagt er. 

Zum Leben im historischen Park gehört auch ein gewisses Maß an Eigeninitiative. Durch die alten Mauern wird es im Winter mitunter ungemütlich kalt. Bei Bedarf muss das Paar selbst anpacken und heizt die Öfen, deren Nutzung ebenfalls mit der Stiftung abgestimmt wurde, mit Holz oder Kohlen. Die Öfen mit ihren Verzierungen sind ein echter Hingucker.

Jahre zwischen Bewerbung für Wohnung und Einzug

Doch wie kommt man an die schmucken Wohnungen? Heike Borggreve (62) arbeitet bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG). Diese ist zugleich Vermieterin. Ihre Bewerbung für eine Wohnung hatte sie schon viele Jahre vor dem Einzug eingereicht, irgendwann kam die Zusage von ihrem Arbeitgeber.

«Grundsätzlich kann jeder Mitarbeitende Bedarf anmelden, die Vergabe erfolgt nach sozialen Kriterien sowie in enger Abstimmung und nach Zustimmung durch den Personalrat», schrieb ein SPSG-Sprecher. Mit den Mietern würden übliche Mietverträge geschlossen, «die Mieten orientieren sich an den jeweils aktuellen Mietspiegeln». Externe könnten die Wohnungen nicht mieten, betonte der Sprecher.

Doch müssen die Mieter ausziehen, wenn ihre Beschäftigung in den preußischen Schlössern und Gärten endet? Grundsätzlich ja, sagte der Sprecher. Es gebe ein Sonderkündigungsrecht, das an das Beschäftigungsverhältnis geknüpft sei. Allerdings: Pensionäre haben «in Abhängigkeit von der Dauer der Betriebszugehörigkeit in der Regel ein intern vereinbartes Wohnrecht über die Betriebszugehörigkeit hinaus». 

Fasanerie im Park Sanssouci
Heike Borggreve, Bewohnerin der Fasanerie im Park Charlottenhof im Park des Schlosses Sanssouci mit ihrem Hund Iram an einem historischen Ofen. (zu dpa: «Wohnen im Welterbe: ein wenig Italien, viel Denkmalschutz»)© Britta Pedersen/dpa | Britta Pedersen

Über 100 Wohnungen in den Parks und Schlössern

Aktuell verwalte man in den Parks und Schlössern 103 vermietete Wohnungen, berichtet der Sprecher. Hinzu kämen derzeit 76 leere Wohnungen. Der Leerstand betreffe Räumlichkeiten, die gerade saniert werden oder noch saniert werden müssten - wie das Mühlenhaus oder das Havelhaus. Zudem gibt es im Bestand der Stiftung Wohnungen, die baurechtlich nicht mehr genutzt werden dürfen. Als Beispiel dafür nannte die SPSG die Mezzaningeschosse im Orangerieschloss. Vor dem Mauerfall wohnten in den Wohnungen etwa Studenten.

Frau Borggreve wird gelegentlich von Neugierigen gefragt, wie es sich in dem historischen Ambiente lebt. „Man fühlt sich schon privilegiert“, sagt sie. „Man kommt hierhin und ist in so einem wunderschönen Haus. Ja, da darf ich wohnen.“

lth/dpa