Es ist das Jahr 2000, Vian Feldhusen ist 20. Eine Lebensversicherung, die sie mit 16 abgeschlossen hat, löst sie auf. Vom Geld bezahlt sie Kaution und erste Einrichtung. Mit Tageszeitung und Rucksack sucht sie sich in Berlin eine Wohnung. „Ich habe zwei Leben“, sagt sie heute. Das zweite begann an diesem Tag. 25 Jahre später führt Feldhusen Unternehmen, und wir treffen sie nicht in ihrem Büro in der Torstraße in Berlin-Mitte, sondern „janz weit draußen“: auf der Anja-Greil-Ranch am Köppchensee und in ihrem Haus in Schildow. In ihrem „Soul Space“, wie sie sagt. Es ist ihr selbst geschaffenes Refugium.

Dass Feldhusen, die sich selbst als „Vorwärtsfrau“ bezeichnet, ihre komplette Kraft und Kreativität in Freiheit, Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit legt, hat mit ihrer Kindheit zu tun. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater irakischer Kurde. Sie wächst in einem Zuhause auf, das von Kontrolle, Gewalt, Alkoholabhängigkeit, Depressionen und Suizidalität geprägt ist. Schon als Kind lernt sie, Stimmungen zu scannen und Gefahr zu erkennen. Was andere überfordert oder gebrochen hätte, wird ihre Superpower. „Ich habe zwei Leben“, sagt sie. Das erste sei das Leben bis 20 gewesen. Das zweite begann mit ihrer Ankunft in Berlin.

Flucht nach vorn: Berlin im Jahr 2000

Dorthin kommt sie nicht zufällig. Ihre Flucht aus den familiären Verhältnissen plant sie mit genau der Kreativität und Entschlossenheit, die bis heute typisch für sie ist. Sie erfindet ein Stipendium der Telekom, das sie mit Corel Draw und Photoshop ausdruckt, und zeigt es zu Hause vor. Für die Eltern scheint damit alles geregelt. Vian Feldhusen löst eine Lebensversicherung auf, die sie bereits mit 16 abgeschlossen hatte, und bezahlt davon Kaution und erste Einrichtung. Mit Tageszeitung und Rucksack sucht sie eine Wohnung. Berlin wird für sie nicht nur Stadt, sondern Rettung.

Doch die neue Freiheit fühlt sich nicht sofort wie ein Happy End an. Als sie nicht mehr um andere kämpfen muss, bricht sie erst einmal zusammen. Panikattacken, Magersucht, Überforderung, das große Alleinsein in der großen Stadt. Feldhusen beginnt Therapien. Viele. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet sie an sich. Vian Feldhusen spricht offen über ihre posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Nicht als Etikett, das sie klein macht, sondern als Teil ihrer Geschichte. „Ich bin nicht mehr das bedürftige Kind, das ich mal war“, sagt sie. Sie habe ihr eigenes „Mothering“ in sich entwickelt.

Berliner Spaziergang Vian Feldhusen
Vian Feldhusen auf dem Ponyhof am Köppchensee (Anja-Greil-Ranch) mit den Pferden Frieda, Nero und Cash. Beim Reiten kann die gefragte Unternehmerin am besten abschalten.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Auf ihrer Suche nach Heilung und innerem Frieden testet sie auch innovative Methoden. Die erfolgreichste ist eine, die sofort an die Beatles und die umstrittene Geschichte einer Wunderdroge denken lässt. Denn Feldhusen schwört auf die überwachte Einnahme von LSD und MDMA, wie sie bislang lediglich in der Schweiz und den Niederlanden erlaubt ist. In speziellen Schweizer Retreats werden Gespräche mit der Einnahme von Psychedelika kombiniert. Die Voraussetzung: geistige Gesundheit und Stabilität. LSD kann festgefahrene Denkmuster aufbrechen. Auch die Charité hat eine eigene Psychedelika-Research-Gruppe.

Gründung von 12 Firmen

Feldhusens Biografie erklärt viel von dem, was sie später als Unternehmerin ausmacht: Wachheit, Geschwindigkeit, Kreativität, Misstrauen gegenüber Stillstand. Schon als Kind malt sie Porträts und liest gleichzeitig den Wirtschaftsteil. Kunst und Kommerz, Fantasie und Kalkulation, Schönheit und Umsetzung – für Feldhusen schließen sich diese Welten nie aus. Im Gegenteil: Genau in dieser Verbindung findet sie ihre Stärke.

Berliner Spaziergang Vian Feldhusen
Vian Feldhusen auf dem Ponyhof am Köppchensee.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Mit 25 gründet sie ihre erste Firma. Eine Designagentur, zunächst klein, mit Faxgerät, Telefon und viel Learning by Doing. Sie macht Grafik, Kreation, Projektmanagement, Mediaeinkauf, berät Kunden, bringt Ideen auf die Straße. Später baut sie insgesamt zwölf Firmen auf, verkauft, kauft zurück, gründet neu, lässt los. Ihre bekannteste Firma ist Ultra, eine Brand-Experience-Agentur, die sie vor 16 Jahren gründete, als ihre Tochter noch ein Baby war.

Ein Onkel wird zur Leitfigur

Ultra macht keine klassische Werbung. Feldhusen baut Erlebnisse im öffentlichen Raum. Dinge, die Menschen nicht wegklicken können. Ein riesiges Raumschiff, das mitten am Alexanderplatz landet, ein riesiges Kino, das aussieht wie eine selbstgebaute Kamera. Autos, aus denen plötzlich Gärten wachsen. Installationen, die Menschen auf der Straße anhalten lassen. Für sie liegt darin die Zukunft der Werbung: weg vom digitalen Rauschen, hin zu echten Momenten. Menschen seien vom „digital noise“ abgeschottet, sagt sie. Sie wollten wieder etwas Echtes erleben, zusammenkommen, staunen.

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Während andere sich dort anstellen, wo schon eine Schlange steht, hat Vian Feldhusen lieber einen anderen Weg gefunden: „Ich bin immer links lang gegangen“, sagt sie sinngemäß. Sie interessiert sich für Menschen, für Märkte, für Kunst, für Spiritualität, für Wirtschaft. Ihr Großonkel Ludwig wird früh zu einem inneren Nordstern: ein erfolgreicher Chemie-Unternehmer, der Vorstandsvorsitzende und Putzfrau mit derselben Wertschätzung behandelt, der wirtschaftlich denkt und zugleich spirituell sucht. Feldhusen übernimmt von ihm vielleicht weniger eine Methode als eine Haltung: Möglichkeitsdenken.

Die „Possibilistin“, die immer einen Weg findet

Sie nennt sich selbst eine Possibilistin. Jemand, der nicht zuerst fragt, warum etwas nicht geht, sondern wie es gehen könnte. Dieses Denken trägt sie auch durch private Brüche. Nach dem Ende ihrer Ehe sortiert sie ihr Leben neu. Sie verkauft Anteile, zieht mit ihrer Tochter auf ein großes Grundstück, baut sich einen neuen Ort, eine neue Struktur, ein neues Kapitel. Finanziell ist sie weitgehend allein verantwortlich. Auch daraus entsteht für sie kein Opfergefühl, sondern ein weiterer Grund, wirtschaftliche Kraft aufzubauen. Ihr stärkster Antrieb: „Nie wieder ausgeliefert sein.“

Berliner Spaziergang Vian Feldhusen
Vian Feldhusen in ihrem Haus in Schildow. Der Riesen-Kühlschrank ist voller Supplements, frischem Gemüse und Proteinen. Die Longevity-Start-up-Gründerin von YNG ernährt sich sehr gesundheitsbewusst.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Als 12-Jährige war sie Leistungssportlerin, trainierte für Olympia, bis eine Verletzung sie stoppte. Später gründet sie ein Longevity-Start-up, lange bevor das Thema in Deutschland zum Hype wird. Der Impuls kommt nicht nur aus ihrem Interesse an Gesundheit und Leistung. Sondern auch durch die damalige Liebe zu einem jüngeren Mann. Jahrzehnte später beschäftigt sie sich mit Supplements, Entzündungsprozessen, Zellalterung, Kollagen, Bioverfügbarkeit und präventiver Medizin. Sie investiert eigenes Geld, nimmt Kredite auf, geht Risiken ein. Nicht leichtfertig, sondern mit Angst – und trotzdem.

Noch einmal alles auf eine Karte

Als ihre Agentur in schwieriges Fahrwasser gerät, kauft sie Anteile zurück, trennt sich von problematischen Strukturen und setzt alles auf eine Karte. Wochenlang schläft sie kaum. Dann läuft das Geschäft besser, als sie es selbst erwartet hatte. Für Feldhusen ist das kein Zufall, sondern Konsequenz: Energie folgt der Aufmerksamkeit. Warten, bis etwas kommt, war nie ihre Strategie.

Was bei ihr auffällt, ist die Gleichzeitigkeit: Verletzlichkeit und Härte, Intuition und Zahlengefühl, Spiritualität und Geschäftssinn, Fürsorge und Kampfgeist. Sie spricht über Trauma, aber sie lässt sich nicht darauf reduzieren. Sie sagt, sie sei dankbar, hier zu sein. Sie liebt ihr Leben. Und doch bleibt da dieser innere Fight-Modus, diese alte Wachsamkeit, die sie nicht ganz ablegt. Vielleicht ist genau daraus ihre besondere unternehmerische Energie entstanden.

Vian Feldhusen ist keine Gründerin, die Erfolg als glatte Aufstiegsgeschichte erzählt. Bei ihr ist Erfolg eine Überlebensform, später eine Gestaltungsform. Sie hat gelernt, dass Fantasie nicht Flucht sein muss, sondern ein Werkzeug. Dass wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht kalt ist, sondern Freiheit bedeuten kann. Und dass man aus Bruchstellen tatsächlich Kraft ziehen kann – wenn man bereit ist, lange genug hinzusehen und dann weiterzugehen.

„Das kann auch nach vorn losgehen“, so heißt nicht nur Feldhusens Podcast. Es ist auch ihr Mantra. Eines, das ein Kind sich im Dachzimmer vorgesagt hat – und das die Unternehmerin bis heute trägt.

Spaziergang Vian Feldhusen
Berliner Spaziergang in Schildows „Zauberwald“: Unternehmerin Vian Feldhusen mit Redakteurin Iris May.© BM | Jörg Carstensen / FUNKE Foto Services

Zur Person

Herkunft Vian Feldhusen wurde 1980 als Tochter eines kurdisch-irakischen Ingenieurs und einer Deutschen bei Hannover geboren. Sie lebt mit ihrer 16 Jahre alten Tochter Ava und ihrem Lebensgefährten, dem Rennfahrer und Motorsport-Enthusiasten Tim Schrick, in Schildow.

Ausbildung In der 7. Klasse wurde ihr Weitsprung-Talent entdeckt, das sie ins Olympische Trainingsteam beförderte. Abitur in Hannover.

Berufliches Erste eigene Kreativagentur mit 25 Jahren, weitere 12 Firmengründungen, darunter 2010 eine Kreativagentur, die 2014 in „Ultra“ umbenannt wurde. 2021 Gründung des Longevity-Start-ups YNG in Zusammenarbeit mit der Harvard-Universität.

Der Weg begann im Ponyhof am Köppensee (neuer Name: Anja-Greil-Ranch), führte durch den Wald und endete in Schildow.