60 Kilogramm Fleisch isst jeder Erwachsene in Deutschland pro Jahr, davon 35 Kilo Schweinefleisch. Aber woher stammt dieses Fleisch ursprünglich? Gerade in Metropolen wie Berlin kennen Kinder eher Miss Piggy aus der „Muppet-Show“ als ein echtes Hausschwein. In einem ist sich der Nachwuchs aber einig, wenn es in Kindergarten oder Schule den Paarhufer zu malen gilt: Die Tiere sind rosa und haben einen Ringelschwanz. Doch das Schwein hatte nicht immer diese Farbe. Wie und warum sich die Tiere im Laufe der Geschichte verändert haben, darüber informiert die Ausstellung „SUS100 – Mensch verändert Schwein“ im Potsdamer Naturkundemuseum. Die Schau ist eine Leihgabe des Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).
Der Ausstellungstitel leitet sich vom wissenschaftlichen Gattungsnamen der Schweine „Sus“ ab, und die Zahl 100 steht für hundert Jahre Schweinezucht. Im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Martin-Luther-Uni sind sowohl Morphologie als auch die Form von Lebewesen und die Genetik der Schweine von vor 100 Jahren mit heutigen Tieren verglichen worden. Erste Ergebnisse des Projekts flossen in die Schau „SUS100 – Mensch verändert Schwein“ ein. Die war zuerst in Halle (Saale) zu sehen, wegen Corona allerdings nur eingeschränkt. „Wir sind daher sehr glücklich, dass die Ausstellung nun erneut gezeigt wird“, sagt Frank Steinheimer, Leiter des Zentralmagazins Naturwissenschaftlicher Sammlungen in Halle

Der Mensch hat die Entwicklung durch Züchtung enorm beeinflusst
Im Zentrum der Ausstellung stehen drei Tierpräparate, sogenannte Dermoplastiken, von modernen Zuchtsauen. „Die Größe der Schweine ist wirklich beeindruckend“, sagt Jobst Pfaender, Direktor des Naturkundemuseums. Allein schon wegen ihrer schwierigen Präparation seien diese Exponate eine Besonderheit in der Museumslandschaft. Daneben sind historische Ferkel-Präparate zu sehen, informieren Texttafeln, Grafiken und Fotos über die Entwicklung von Edel- und Landschweinen. Schon im Treppenaufgang werden die Besucher zudem mit historischen Tiermotiven auf die Ausstellung eingestimmt: Gezeigt werden 50 Schwarz-Weiß-Abbildungen aus dem ehemaligen Haustiergarten des Agrarwissenschaftlers Julius Kühn in Halle, die zwischen 1900 und 1940 entstanden sind.
Die Ausstellung zeigt: Menschen und Schweine leben schon seit 8500 Jahren miteinander, doch haben sich die Tiere im Laufe der Zeit enorm verändert. So haben sie heute großenteils weiße Borsten auf durchscheinender rosafarbener Haut anstelle der einst dichten schwarzbraunen Borsten auf dunkler Haut. Die Schau erklärt aber auch, wie der Mensch die Entwicklung des Borstenviehs enorm beeinflusst hat – durch die Art der Haltung oder bestimmte Kreuzungen. Denn legte man in früheren Zeiten viel Wert auf Fett – das im Zweiten Weltkrieg auch als Waffenfett genutzt wurde –, geht seit den 1960er-Jahren der Trend hin zu Schweinen mit mehr Fleisch. Und solche Tiere hat der Mensch gezielt gezüchtet.
Das heutige Mastferkel, das schnell hochwertiges Fleisch ansetzt und nach neun Monaten Lebenszeit geschlachtet wird, ist das Ergebnis einer Kreuzung von Deutschem Edelschwein (langbeinig, mit stehenden Ohren) und Deutscher Landrasse (dick und rund, mit hängenden Ohren). Die weiblichen Ableger dieser Kreuzung wurden dann noch einmal mit Ebern aus einer englischen Linie gekreuzt.
Tierwohl und spielerische Schweinezucht
Die Ausstellung thematisiert aber nicht nur die Zucht als solche, sondern auch die Ethik der Schweinezucht und Fragen des Tierwohls. In einem interaktiven Spiel können Besucher außerdem selbst Schweine „züchten“ oder an einer Umfrage über den eigenen Fleischkonsum teilnehmen.
Die beiden Kuratorinnen der Potsdamer Ausstellung, Ina Pokorny und Larissa Goebel, haben die Präsentation zudem viel kindgerechter gestaltet, als das Original es war. „Ich habe die Tafeln noch mal neu gedacht, da diese in Halle viel wissenschaftlicher angelegt waren. Zu uns kommen viele Familien, Schul- und Kitagruppen, wir wollten daher die Texte sprachlich etwas anpassen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Ina Pokorny. Museumspädagogin Larissa Goebel ergänzt: „Wir haben explizite Kinderthemen aus der ursprünglichen Ausstellung herausgefiltert und räumen mit Vorurteilen gegenüber Schweinen auf.“ Wie zum Beispiel mit der Annahme, dass Schweine dumm seien.
Um Kinder durch die Ausstellung zu führen, hat die Grafikerin Kristin Meier eigens das Ferkel Susi erschaffen, das auf Texttafeln in verständlicher Sprache – und auf Augenhöhe angebracht – Kinder durch die Ausstellung leitet. Die solle nicht nur veranschaulichen, wie sich Hausschweine entwickelt haben, sondern auch zum Nachdenken darüber anregen, wohin die Reise zukünftig gehen soll, sagen die Kuratorinnen. „Es ist sehr faszinierend zu sehen, wie sich das borstige Wildschwein zum wirtschaftlich genutzten Tier entwickelt hat und welchen Einfluss der Mensch und dessen Bedürfnisse auf die Entstehung der verschiedenen Schweinerassen haben“ sagt auch Potsdams Kulturbeigeordnete Noosha Aubel.
Museums-Info
- Naturkundemuseum Potsdam Breite Straße 13, Potsdam, Tel. 0331/289 67 07, www.mfk-berlin.de
- „SUS100 – Mensch verändert Schwein“ Die Sonderausstellung läuft bis 27. August 2023. Di.–So. 9–17 Uhr (sowie am jeweils ersten Montag im Monat mit 50 Prozent Ermäßigung). Eintritt: 4, erm. 3 Euro sowie 2 Euro für Kinder und Jugendliche. Der Eintritt für Kinder bis 5 Jahre ist frei.


