Umweltverschmutzung

Fischsterben in der Oder: Menschen an der Ostsee in Sorge

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Arbeiter beteiligen sich im polnischen Widuchowa an einer Aktion zur Reinigung der Oder von toten Fischen mit Hilfe eines flexiblen Damms.

Arbeiter beteiligen sich im polnischen Widuchowa an einer Aktion zur Reinigung der Oder von toten Fischen mit Hilfe eines flexiblen Damms.

Foto: Marcin Bielecki/PAP/dpa / dpa-Bildfunk

Quecksilber ist laut polnischer Regierung nicht der Grund für das massenhafte Fischsterben in der Oder. Doch es gibt einen Verdacht.

Potsdam . Auch die Menschen an der Ostsee sind wegen des massenhaften Fischsterbens in der Oder in Sorge. Dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zufolge sind bisher jedoch keine Fischkadaver im deutschen Teil des Stettiner Haffs entdeckt worden. „Bislang hat die Wasserschutzpolizei keine Kadaver gesichtet; auch Anwohner haben uns bislang nichts Derartiges gemeldet. Dennoch sind wir weiterhin in Alarmbereitschaft und beobachten die Situation vor Ort genauestens“, sagte Landesminister Till Backhaus (SPD) am Sonntag in Schwerin.

Am Sonnabend genommene Proben haben den Angaben nach unauffällige Werte für pH, Sauerstoffgehalt und Leitfähigkeit ergeben. Die Untersuchung auf Schadstoffe ist jedoch den Angaben nach noch nicht abgeschlossen und könnte mehrere Tage andauern. Entnommen werden die Proben an drei Messstellen unter anderem bei Ueckermünde und nahe der deutsch-polnischen Grenze.

Am Sonnabend hatte das Landesministerium Anliegern empfohlen, vorläufig auf das Fischen in und die Wasserentnahme aus dem Gewässer zu verzichten.

Aus Sicht des Umweltministeriums im Nordosten lässt es sich nicht aktiv verhindern, dass Verunreinigungen aus der Oder das Haff erreichen. „Eine Bekämpfung der Verunreinigung von im Wasser gelösten Schadstoffen ist in größeren Fließgewässern und in Küstengewässern praktisch nicht möglich.“

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Am Sonnabend hatten hunderte Helfer im Osten Brandenburgs tote Tiere eingesammelt. Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) dankte ihnen für ihren Einsatz. „Die Oder ist der Lebensquell in der gesamten Region.“ Wie eng die Menschen mit der Oder verbunden seien, zeige sich auch daran, wie viele Ehrenamtliche sich gemeldet hätten. „Es waren Tausende“, sagte Woidke. „Die Menschen wissen, dass die Oder ihre Lebensgrundlage ist und wir alle haben den Auftrag, diese Lebensgrundlage weiter zu sichern.“

Etwa 300 Einsatzkräfte waren seit Sonnabendmorgen im Kreis Märkisch-Oderland auf rund 80 Kilometern Länge am Ufer unterwegs, wie der Sprecher des Kreises, Thomas Rubin, sagte. „Ich rechne mit mehreren Tonnen Fisch, die wir rausholen.“

An der Oder in der brandenburgischen Kleinstadt Lebus, nicht weit entfernt von Frankfurt (Oder), habe sich durch die Verwesung der Fische unangenehmer Geruch ausgebreitet, schilderte ein dpa-Reporter. Es seien auch Vögel zu sehen, die tote Fische wegtragen.

Helferinnen und Helfer waren mit Handschuhen, Gummistiefeln oder Watthosen ausgerüstet. Teils seien Boote im Einsatz, sagte der Sprecher des Kreises.

Die Kadaver kamen ihm zufolge in Müllsäcke, die an mehreren Standorten gesammelt und dann in Container gebracht werden. Nach dem Einsammeln der Fische am Samstag soll die Entsorgung im Kreis Märkisch-Oderland voraussichtlich am Montag weitergehen, wie der Sprecher sagte.

Tote Fische in Verbrennungsanlage entsorgt

Nach dem Einsammeln vieler toter Fische vom Oder-Ufer bei Schwedt (Uckermark) sind die Kadaver nach Angaben der Kreisverwaltung in eine Verbrennungsanlage gebracht worden. Die Fische würden in einer vom Landesumweltamt zugelassenen Anlage entsorgt, sagte die Sprecherin der Kreises, Ramona Fischer. Die Verbrennungsanlage sei in Schwedt auf dem Gelände der Raffinerie PCK.

Ehrenamtliche Einsatzkräfte sammelten am Sonnabend zwischen Schwedt und Stützkow viele tote Fische ein. Die Aktion soll am Montag weitergehen, wie die Kreis-Sprecherin sagte. In der Uckermark werden dafür noch weitere freiwillige Helferinnen und Helfer gesucht.

Die Untersuchungen zur Aufklärung des massenhaften Fischsterbens in der Oder dauerten an. Bisherige Laboranalysen brachten noch keinen genauen Aufschluss über die Belastung des Wassers und die Ursachen.

Die polnische Regierung schließt derweil Schwermetalle als Ursache aus. Dies hätten weitere Analysen toter Fische durch das staatliche Veterinärinstitut ergeben, schrieb Umweltministerin Anna Moskwa auf Twitter. Zuvor hatte die Regierung in Warschau bereits erhöhte Quersilberwerte als Grund für das Fischsterben ausgeschlossen. „Das staatliche Veterinärinstitut hat sieben Arten getestet. Es hat Quecksilber als Ursache für das Fischsterben ausgeschlossen.“ Die Analysen wiesen aber auf erhöhte Salzwerte im Wasser hin und stimmten somit mit den Erkenntnissen der deutschen Behörden überein, sagte Moskwa der Nachrichtenagentur PAP. „Der hohe Salzgehalt der Oder hat möglicherweise andere giftige Stoffe im Wasser oder im Bodensediment aktiviert. Die toxikologische Untersuchung der Fische wird dazu beitragen, eventuelle Schadstoffe festzustellen, die zum Tod der Tiere beigetragen haben.“

Ungewöhnlich hoher Salzgehalt in der Oder

Zuvor hatte Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel von "sehr stark erhöhten Salzfrachten" gesprochen. Das sei "absolut atypisch", sagte der Grünen-Politiker am Freitagabend im RBB-Fernsehen. Auch Vogels Ministerium erklärte, die gemessenen Salzfrachten könnten im Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. "Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat", hieß es in einer Mitteilung. Der Begriff Salzfrachten bezeichnet im Wasser gelöste Salze.

Es handele sich um erste weitere Ergebnisse des Landeslabors Berlin-Brandenburg zu den Tagesproben, die bis zum Freitag an der automatischen Messstation in Frankfurt (Oder) entnommen wurden, erläuterte das Ministerium. Die Ergebnisse seien «noch nicht voll aussagefähig und nicht abschließend». Weitere Untersuchungsdaten «insbesondere zu Schwermetallen, Quecksilber (in weiteren Proben) und anderen Elementen» befänden sich noch in dem Labor in Abklärung und sollen in der kommenden Woche verfügbar sein. «Die heutigen Daten weisen auf multikausale Zusammenhänge hin, zu denen auch die derzeit sehr niedrigen Abflussmengen und hohen Wassertemperaturen gehören.»

Quecksilberwerte werden weiter überprüft

Auf die Frage, ob Grundwasser oder Trinkwasser mit Quecksilber kontaminiert sein könnten, antwortete Vogel: «Das wollen wir nicht hoffen.» Es sei auf jeden Fall «eine tödliche Fracht», die in dem Fluss mittransportiert worden sei. Er würde aber nicht so weit gehen, die Grundwasservorkommen in Gefahr zu sehen.

Brandenburgs Umweltminister sprach von einer «Giftwelle» und rechnet damit, dass die Umwelt-Folgen noch lange zu spüren sind. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) warnte vor einer drohenden Umweltkatastrophe.

Personelle Konsequenzen in Polen

In Polen löste der Umgang mit dem Fischsterben personelle Konsequenzen aus. Regierungschef Mateusz Morawiecki entließ zwei Spitzenbeamte, weil sie zu langsam auf das Fischsterben in der Oder reagiert haben sollen. Der Chef der Wasserbehörde und der Leiter der Umweltbehörde müssten ihre Ämter mit sofortiger Wirkung räumen, schrieb Morawiecki am Freitag per Kurznachrichtendienst Twitter. „Ich teile die Ängste und die Empörung über die Vergiftung der Oder. Diese Situation konnte man auf keine Weise vorhersehen, aber die Reaktion der zuständigen Behörden hätte schneller kommen müssen.“

In Deutschland kritisierten Bund und Land offen, Polen habe nicht rechtzeitig informiert und die übliche Meldekette bei solchen Ereignissen nicht eingehalten.

Das Fischsterben ist nach Aussage von Morawiecki offenbar durch die Einleitung von Chemie-Abfällen ausgelöst worden. „Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen“, sagte Morawiecki in einer am Freitag auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben bereits Ende Juli Hinweise, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben.

Am Sonnabend wurde von Polen eine hohe Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung eines Täters führen, ausgesetzt. Die Polizei habe dafür eine Summe von umgerechnet 210.000 Euro ausgelobt, sagte Vize-Innenminister Marcin Wasik in Gorzow Wielkopolski. „Wir wollen die Schuldigen finden und die Täter des Umweltverbrechens bestrafen, um das es hier wahrscheinlich geht“, betonte Morawiecki.

Frankfurt/Oder hat Angeln und Baden verboten

Am Freitag waren unter anderem im Nationalpark Unteres Odertal im Nordosten Brandenburgs noch viele tote Tiere am Ufer zu sehen, andere trieben mitten auf dem Fluss.

Die Bevölkerung ist weiter aufgerufen, jeden Kontakt zum Wasser zu meiden. Diese hatten bisher eher den Charakter von Empfehlungen. Die Stadt Frankfurt an der Oder teilte am Freitagabend aber mit, sie habe nun Verbote erlassen etwa fürs Baden und Angeln. Es sei davon auszugehen, dass der Kontakt mit Wasser aus der Oder für Mensch und Tier gefährlich sei, hieß es.

Der Brandenburger Bundestagsabgeordnete der Linken, Christian Görke, fordert vom Bund finanzielle Hilfen für die vom Fischsterben betroffenen Städte und Betriebe entlang der Oder. Der Linke-Politiker findet es "unverständlich und inakzeptabel, dass nach fast einer Woche immer noch keine konkrete Ursache bekannt ist". Er erwarte von der Umweltministerin Lemke, dass sie die Aufklärung der Ursache vorantreibt. "Eine Kurzvisite und Krokodilstränen, nachdem die Umweltministerin mehrere Tage abgetaucht war, reichen nicht.“

( dpa )