Urlaub zu Hause

Schloss Lieberose: Moderne Kunst in verfallenen Räumen

Im Schloss Lieberose in Brandenburg sind beim Festival „Rohkunstbau“ Werke zu sehen, die sonst in der Tate Modern oder dem MoMA hängen.

Kurz vor dem Sommergewitter: Ein Berlin-Besucher aus Dänemark betritt das Schloss Lieberose, das auch in diesem Jahr die Ausstellung „Rohkunstbau“ beherbergt.

Kurz vor dem Sommergewitter: Ein Berlin-Besucher aus Dänemark betritt das Schloss Lieberose, das auch in diesem Jahr die Ausstellung „Rohkunstbau“ beherbergt.

Foto: Kittel

Lieberose. Gerade, als wir das Schloss betreten, ergießt sich ein Wolkenbruch über Lieberose in Brandenburg. Dramatischer kann ein Museumsbesuch nicht beginnen. Während die Tropfen so dick aufklatschen, dass wir noch im Vorraum des Schlosses nass werden, versuche ich, das Ticket vorzuzeigen, das ich vorher online für uns gekauft hatte. Aber der Mann am Schalter sagt: „Viel Glück mit dem Internet hier draußen.“

Und wirklich, das Ticket will sich einfach nicht auf meinen Bildschirm laden. Nur die Bestätigungs-E-Mail lässt sich problemlos anzeigen. „Wir sind allerdings eine halbe Stunde nach der Zeit, die wir gebucht haben – ist das schlimm?“ Ist es nicht.

Ausstellung „Rohkunstbau“ findet im Schloss Lieberose statt

Jedes Jahr im Sommer – mit Ausnahme von 2012 und 2019 – findet in einem Brandenburger Schloss die Ausstellung „Rohkunstbau“ statt. Dort stellen zeitgenössische Künstler aus der Region ihre Werke aus, kuratiert nach einem bestimmten Thema. Seit Jahren schaffen es die Ausstellungsmacher, sehr ungewöhnliche Orte damit neu zugänglich zu machen – und sie bringen immer wieder Berliner wie mich dazu, sich ein Auto zu mieten und die rund 100 Kilometer auf sich zu nehmen, um Moderne Kunst anzuschauen.

In diesem Jahr sind wir zu viert: Ein Däne, eine Taiwanerin, ein Baden-Württemberger und ich. Wir alle haben keinen Abschluss in Kunstgeschichte, aber wir sind alle interessiert an Orten, die uns inspirieren. Und um es gleich vorwegzunehmen: Wir sind nach dem rund einstündigen Museumsrundgang nicht alle begeistert von dem, was uns geboten wurde. Genauer: Ich glaube, ich war der einzige, der es wirklich großartig fand.

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Das kann auch an meiner Grundstimmung gelegen haben. Ich arbeite nicht bei einer Fluggesellschaft, die gerade ständig Flüge stornieren muss (der Däne), ich bin nicht gerade gekündigt worden wegen Corona (die Taiwanerin) oder war am Wochenende bei einem illegalen Rave in der Hasenheide (der Badenser).

Als ich also den Raum betrete, in dem eine Straßenlampe auf dem Boden liegt und das Licht „sich auf den Boden ergießt“, stehe ich einfach lange davor und versuche zu ergründen, warum dieses Kunstwerk „Alles was der Fall ist“ heißt. Der Künstler Via Lewandowsky, lese ich später, wurde in Dresden geboren und verlor im Alter von drei Jahren ein Auge „für die Kunst“. Dann ging er einige Wochen vor der Wiedervereinigung nach West-Berlin, später nach New York, Rom, Kanada und zog schließlich wieder nach Berlin. Wenn mich diese Lampe mit ihrem zerflossenen Licht an die Berliner Mauer denken lässt, bin ich vielleicht nicht so weit weg.

Noch dazu ist der Raum, in dem diese Installation aufgebaut ist, wirklich speziell. Für Filme muss solch eine Kulisse wie das Schloss Lieberose kompliziert hergestellt werden. Aber die Wände hier sind einfach wirklich heruntergekommen und die Farben auf eine Art abgeblättert, dass es schon wieder interessant aussieht. In manchen Räumen ist es empfindlich kalt und trotzdem feucht. In anderen sind die Decken aufwändig restauriert und zeigen Stuck mit Engeln, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Ihre Flügel sind wie immer, aber ihre Gesichter sind nicht die von Babys, sondern ähneln den Büsten von Komponisten.

Schloss ist zum dritten Mal Ort der Wanderausstellung

Das Schloss ist zum dritten Mal hintereinander Ort der Wanderausstellung. Zuvor waren schon Schlösser wie Roskow, Sacrow, Marquardt und Groß Leuthen Gastgeber für „Rohkunstbau“. Es ist offensichtlich, dass dieses an sich großartige Projekt kein großes Budget hat. Es gibt weder einen Werbeetat noch gibt es einen Katalog. Für dieses Jahr ist er angekündigt für September. Aber der Mann an der Kasse sagt, das könne auch länger dauern.

Das ist irgendwie auch sehr schade. Denn wenn ich durch die Räume laufe, sehe ich immer wieder Werke, die auch in der Auguststraße wirklich viele Zuschauer angezogen hätten. Da ist ein Film des deutsch-norwegischen Künstlers Björn Melhus, der schon in der Londoner Tate und im New Yorker MoMA ausgestellt hat. „Captain“ ist eine sehr ungewöhnliche Video-Collage, in der die Frauenrolle von einem bärtigen Mann gesprochen wird. Nicht weit davon steht eine Installation der UdK-Professorin Christiane Möbus: „Horst“ besteht aus einem präparierten Raben, der so positioniert ist, dass er durch das Fenster auf den Schlossgarten schaut. An einem Bein ist ein Ring angebracht, der an eine Kennzeichnung von Vögeln erinnert – allerdings ist es ein goldener Ehering.

Über diesen Raben sprechen wir noch, als wir schon durch den Schlossgarten laufen. Es hatte zwischendurch noch zwei oder drei Regenschauer gegeben, und das Gras ist so feucht, dass es fast unsichtbar dampft. An einem Teich stehen wir lange auf einer Brücke und schauen uns die Koi-Karpfen an, die darin schwimmen. „Der Vogel war irgendwie schön“, sagt der Däne, „aber was sollte das bedeuten?“ Ich hab auch keine Antwort, aber der Ring leuchtete schon sehr an dem Fuß. „Vielleicht zeigt es, wie wir mit Tieren umgehen, dass Tiere an uns gefesselt sind?“ Ist ein Ehering ein Zeichen der Unfreiheit? Plötzlich springt ein Frosch aus dem Wasser, und wir vier Stadtkinder haben nur noch Augen für dieses echte Tier.

Wanderausstellung stand vor einem Jahr vor dem Aus

Der Name „Rohkunstbau“ geht auf ein Gebäude bei Lübben zurück, das für Moderne Kunst gebaut – und letztlich nie fertiggestellt wurde. In jenem „Rohbau“ fanden die ersten Ausgaben dieses Sommer-Kunst-Festes statt. Vor einem Jahr stand das Festival vor dem Aus, weil die Heinrich-Böll-Stiftung sich aus dem Sponsoring zurückzog. Die Macher nutzten die Pause, und in diesem Jahr geht die Ausstellung in ihre 25. Ausgabe. Wieder ist nicht klar, ob und wo es kommendes Jahr sein wird. Denn das Schloss Lieberose steht zum Verkauf. Die vielen antiken Kachelöfen zeigen, dass das Schloss nicht im besten Zustand ist. Einige Gänge sind nur notdürftig hergerichtet, und das Treppenhaus wirkt wie die perfekte Kulisse für einen Geisterfilm. Eine Anwohnerin erzählt, dass sie früher in diesem Schloss im Kino war. Bis 1989 wurde tatsächlich einer der heutigen Ausstellungsräume im Erdgeschoss als Kino benutzt.

Nicht zufällig hat sicher die Kuratorin Heike Fuhlbrügge im Erdgeschoss zwei Film-Installationen platziert. Julian Rosefeldt hat zum Beispiel ein „Ganovenballett“ im Berliner Westhafen gedreht wie einen Agentenfilm: Zwei Cadillacs begegnen sich zwischen gestapelten Containern, und die Insassen tanzen umeinander herum, die Waffen aufeinander gerichtet, um schließlich zwei Koffer zu tauschen. Das hat zwar wenig mit dem Thema der Ausstellung („Zärtlichkeit“) zu tun, umso mehr aber mit dem Begriff „social distancing“, der uns gerade im Alltag so häufig begegnet.

Der Tag endet im Café „Jambo“ gleich neben dem Schloss. Dort gibt es Pflaumenkuchen, Eis in der Geschmacksrichtung „Giotto“ und guten Filterkaffee im Pott für 3 Euro.

Anfahrt, Gastronomie und Sehenswürdigkeiten

Anfahrt

Mit Bus und Bahn Mit nur einmal Umsteigen kommt man vom Alexanderplatz mit dem RE2 bis nach Cottbus und steigt dort in den Bus 21, der bis zum Markt Lieberose fährt.

Mit Bahn und Fahrrad Der nächste Bahnhof nach Lieberose ist der Bahnhof Oegeln, der von Königs-Wusterhausen aus mit dem RB36 zu erreichen ist. Von dort gibt es einen Radweg nach Lieberose.

Mit dem Auto Entweder fährt man über die A13 in Richtung Spreewald und zweigt dann ab nach Lieberose, oder man nimmt die Route via A12 Richtung Frankfurt/Oder und zweigt bei Fürstenwalde nach Lieberose ab. Die Fahrt dauert jeweils knapp zwei Stunden.

Rohkunstbau

Das Festival „Rohkunstbau“ ist eine jährlich stattfindende Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet immer in einem Brandenburger Schloss statt und dauert jeweils zehn Wochen. Die Idee ist, dass nicht nur Künstler und ihre Werke gefördert, sondern auch alte Kulturstätten wiederbelebt werden sollen, die sich in ländlichen Gegenden befinden. Unter den Künstlern sind internationale Stars, aber auch regionale Maler, Fotografen, Filmemacher und Bildhauer.

Die Tickets kosten 10 Euro (ermäßigt 7 Euro), und das Schluss ist am Sonnabend und Sonntag von 10 bis 18 Uhr sowie freitags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Wegen der Corona-Pandemie ist das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes in den Räumen des Schlosses Pflicht. Man kann unter www.rohkunstbau.net online Karten für eine bestimmte Zeit reservieren. Wer sichergehen will, meldet sich kurzfristig beim Service-Telefon unter: 0152/37 77 53 31.

Essen und Trinken

Jambo Das Eiscafé liegt gleich neben dem Schloss. Es ist zwischen 11.30 Uhr und 18 Uhr täglich geöffnet. Die Bewertungen auf Portalen sind mit 4,5 von 5 Punkten sehr gut.

Markt 6 Die Restaurants haben derzeit geschlossen, aber das Markt 6 bietet bis 17.30 Uhr täglich ebenfalls einen Imbiss.

Lieberose

Die erste Erwähnung des Ortes war Ende des 13. Jahrhunderts. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in Lieberose Niedersorbisch gesprochen. Rund 400 Jahre lang, bis zum Zweiten Weltkrieg, prägte das Adelsgeschlecht Von der Schulenburg die Gegend. Es war bis zum
18. Jahrhundert unter sächsischer Hoheit und fiel 1815 in die Hand von Preußen.

Das Schloss

Ab dem 14. Jahrhundert war das Renaissance-Schloss Sitz der Standesherrschaft Lieberose. Im 18. Jahrhundert entstand ein Anbau im Stil des Sächsischen Barock. In den 70er-Jahren zog eine Schule in das Gebäude ein, und der große Raum im Erdgeschoss diente zudem als Kino. Heute ist das Schloss ein Bürgerzentrum und auch mit dem weißen Nebengebäude, der „Darre“, in der Denkmalliste des Landes Brandenburg. Seit 2017 läuft hier „Rohkunstbau“.

Das KZ Lieberose

Nicht weit von dem Schloss, im Ortsteil Jamlitz, befindet sich das Gelände des ehemaligen KZ Lieberose. Das Lager wurde im Laufe des Jahres 1944 das größte KZ im Deutschen Reich. Von den bis zu 10.000 Gefangenen überlebten 400 die Haft. Die Insassen stammten aus zwölf Ländern, zumeist waren es polnische und ungarische Juden. Es war de facto eine „Vernichtung durch Arbeit“. Im Sommer 1944 wurden mehr als 4000 Häftlinge nach Auschwitz in ihren Tod geschickt. Noch heute sind mehr als 700 Leichen im Umland des Ortes vergraben, das größte unentdeckte Massengrab auf deutschem Gebiet. Die DDR ließ das Gelände mit Wohnhäusern überbauen. Seit 2003 gibt es hier einen Gedenkstein.