Lausitz

Das letzte Dorf, das vom Kohletagebau bedroht ist

Ob Proschim in der Lausitz noch abgebaggert wird, soll 2020 entschieden werden. Die Einwohner sind schon jetzt heillos zerstritten. Ein Besuch.

Eine Spur der Verwüstung: Braunkohletagebau bei Wolzow in Brandenburg

Eine Spur der Verwüstung: Braunkohletagebau bei Wolzow in Brandenburg

Foto: Maurizio Gambarini

Proschim.  Der Riss geht mitten durch den Ort. „Ganze Familien sind davon betroffen“, sagt Hannelore Wodtke. Die Menschen streiten um die Zukunft Proschims. Das 320 Einwohner zählende Dorf ist das letzte, das in Brandenburg vom Kohletagebau bedroht ist. 2020 will die Lausitz Energie AG (Leag) endgültig darüber entscheiden, ob Proschim dem Tagebau noch weichen muss – trotz des von der Kohlekommission verabredeten vorzeitigen Ausstiegs aus der Kohle.

Hannelore Wodtke kämpft seit Jahren gegen den drohenden Abriss. „Das ist volkswirtschaftlich nicht notwendig“, sagt die 68-Jährige. „Die Kohle würde auch ohne Proschim bis zum Ende des Tagebaus reichen.“ Von der Brandenburger Landesregierung fühlt sie sich im Stich gelassen. „Hier regiert nicht der Ministerpräsident, sondern die Leag“, sagt sie verbittert.

Nachdem sich die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission auf einen gangbaren Weg zum Ausstieg aus der Kohle bis spätestens zum Jahr 2038 geeinigt hat, stellen sich die Bewohner der Lausitz die Frage, wie es mit ihnen weitergeht. Vielen Bewohnern klingen noch die Versprechungen der Nachwendezeit in den Ohren, als von blühenden Landschaften die Rede war, während in der Lausitz gleichzeitig mehr als 100.000 Arbeitsplätze im Tagebau, der Textil- und der Glasindustrie abgebaut wurden.

Hannelore Wodtke hat als einziges der 28 Mitglieder der Kohlekommission gegen den Kompromiss gestimmt. „Ich hätte Proschim verraten“, begründet sie ihre Entscheidung. Sie sitzt an diesem Vormittag in der Alten Mühle am Ortsrand, die ein kleines Heimatmuseum des Ortes beherbergt.

Gleich nebenan graben sich die Bagger des Tagebaus Welzow Süd durch die Erde. Verzweifelt habe sie dafür gekämpft, dass Proschim – wie der Hambacher Forst – im Abschlussbericht der Kommission genannt wird, erzählt sie. „Um vier Uhr morgens hieß es dann, dass das nicht geschieht“, sagt Wodtke. Daraufhin habe sie beschlossen, dem Kompromiss nicht zuzustimmen.

Wer bei der Leag arbeitet, fürchtet um seinen Job

Überhaupt seien ihr die Verhandlungen in der entscheidenden Nacht wie das Schachern auf einem Basar vorgekommen. „Um drei Uhr morgens hieß es noch, es werde 2040 aus der Kohle ausgestiegen, um vier hieß es dann 2038.“ Vor allem die ostdeutschen Vertreter hätten sich kaum kompromissbereit gezeigt.

Aber nicht alle Proschimer sind gegen den Abriss. Viele arbeiten bei der Leag und fürchten um ihren Arbeitsplatz. „Wenn die Kinder gegen den Abriss und für den möglichst frühen Ausstieg sind, bekommen die Eltern auf der Arbeit Probleme“, sagt Wodtke. In den Familien werde gestritten. Einige Dorfbewohner erhofften sich durch den Abriss auch eine ordentliche Entschädigung für ihr Haus. Die Stimmung ist schlecht. Tagebaugegner und Befürworter stehen sich in dem kleinen Ort unversöhnlich gegenüber.

Das sieht auch Ehrhard Lehmann so. Er war 18 Jahre lang Bürgermeister in Proschim. Er vermutet, dass die Stimmung im Ort auch gezielt kaputt­gemacht wurde. Erst seien Mitarbeiter von Vattenfall, das die Kohlegruben einst betrieben hat, in den Ort gezogen, um dann zum Beispiel so lange gegen die einzig verbliebene Gaststätte im Ort zu klagen, bis die Betreiberin entnervt aufgegeben habe. „Die Gaststätte wurde kaputtgemacht“, sagt Lehmann.

Wegen des drohenden Abrisses wurde auch lange nichts mehr in die Infrastruktur investiert. Seine Haltung gegen die Kohle habe ihn schließlich auch seinen Job als Bürgermeister in Proschim gekostet, weil die Befürworter gegen ihn Stimmung machten.

Skeptisch ist auch Wolfgang Rupieper. Der pensionierte Richter kam 1991 aus Bochum in die Lausitz, um beim Aufbau der Justiz zu helfen. Vor acht Jahren gründete der heute 71-Jährige den Verein „Pro Lausitzer Braunkohle“. Er versteht nicht, warum der Kohletagebau überhaupt vorzeitig beendet werden soll. Das Revierkonzept sehe sowieso ein Ende bis 2045 vor. „Ein vorzeitiger Ausstieg ist teuer und für das Weltklima unerheblich“, sagt Rupieper. Er sieht in dem Kohlekompromiss lediglich eine „Wunschliste, damit die Lausitz als Wirtschafts- und Industrieregion erhalten bleibt“. Aber ob es auch so kommt, sei fraglich.

„Die Braunkohle ist identitätsstiftend“

Er sieht vor allem aber die Risiken, die auf die Region in den kommenden Jahren zukommen und ist deswegen gegen einen vorzeitigen Ausstieg. „Die Braunkohle ist identitätsstiftend“, sagt Rupieper. „Die jährliche Wertschöpfung von 1,4 Milliarden Euro wird den Kommunen, Vereinen und sozialen Einrichtungen fehlen“, befürchtet der ehemalige Richter. Zumal aus seiner Sicht vollkommen unklar ist, wie die Stromerzeugung durch Kohle ersetzt werden soll. Schon jetzt sei der Strom in Deutschland doppelt so teuer wie in Frankreich und den USA“, sagt Rupieper. Er befürchtet einen weiteren Preisanstieg durch den Ausstieg.

Das lässt Hannelore Wodtke nicht gelten. „Selbst Kinder verstehen, worum es geht“, sagt sie. „Wir entscheiden hier über die Zukunft künftiger Generationen.“ Trotz der Einigung der Kohlekommission setzt sie weiter auf einen früheren Ausstieg. „Wir geben die Hoffnung nicht auf“, sagt sie. Auch nicht für Proschim.