Lunapharm

Pharmaskandal: Berlin sucht betroffene Patienten

Es gibt die Möglichkeit, dass die Apotheken über Produktionsprotokolle die Patienten ermitteln können.

Patienten im Wartezimmer, werden von einer Sprechstundenhilfe zum Arzt gebeten (Symbolfoto)

Patienten im Wartezimmer, werden von einer Sprechstundenhilfe zum Arzt gebeten (Symbolfoto)

Foto: imago stock / imago/Jochen Tack

Potsdam. Im Skandal um den Handel mit gestohlenen Krebsmedikamenten in Brandenburg gelangten Pharmaka über drei belieferte Berliner Apotheken in Steglitz-Zehlendorf, Mitte und Marzahn-Hellersdorf auch an 14 Praxen in der Hauptstadt und eine Rehaklinik in Brandenburg, wie die Berliner Senatsgesundheitsverwaltung auf Morgenpost-Anfrage erklärte. Mittlerweile ist bekannt, dass mindestens 220 Patienten allein in Berlin und Brandenburg möglicherweise unwirksame Krebsmedikamente erhielten.

„Derzeit liegen uns weder gesicherte Erkenntnisse vor, dass Patienten geschädigt wurden, noch dass das Gegenteil zutrifft“, so Christoph Lang, Sprecher des Senatsgesundheitsverwaltung. „Es wurden zwar einige wenige Medikamente sichergestellt und ohne Beanstandung analysiert, aber das sind nur Stichproben.“

Sobald es Informationen gebe, dass Berliner Apotheken betroffen seien, prüfe die Apothekenaufsicht beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), ob noch Bestände der betroffenen Medikamente vorhanden seien. Die sei bislang aber nicht der Fall gewesen.

Patienten aus Produktionsprotokollen ermitteln

Es gebe aber Möglichkeiten, die Patienten herauszufinden, die das Mittel erhalten haben, obwohl die Apotheken nicht verpflichtet seien, Statistiken oder Listen über Patienten zu führen. „Die Apotheke kann aus Produktionsprotokollen für die hergestellten Chemo-Beutel die betroffenen Patienten ermitteln“, sagte der Sprecher gegenüber der Morgenpost . Die betroffenen Apotheken hätten dies auf Bitten des Lageso freiwillig getan. Wegen des Datenschutzes habe man den Weg gewählt, dass nun die Apotheken den Arzt direkt informieren. „Das heißt, nur der behandelnde Arzt kann entscheiden, wie er den Patienten am besten informiert“, so Lang.

Gesundheitsministerin Diana Golze kämpft um das politische Überleben

Bislang will sie aber keine persönlichen Konsequenzen ziehen. CDU, AfD und Grüne nehmen die Linke-Politikerin schon zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen unter Beschuss. Sie fragen immer wieder nach den Verantwortlichkeiten dafür, dass das Arzneimittelunternehmen Lunapharm aus Mahlow jahrelang mit illegalen Medikamenten aus Griechenland gehandelt haben soll und niemand einschritt. Eine organisierte Bande hatte die gestohlenen Krebsmedikamente nach Deutschland exportiert. Das TV-Magazin „Kontraste“ hatte kürzlich aufgedeckt, dass die brandenburgischen Aufsichtsbehörden seit März 2017 auf Ungereimtheiten bei den fraglichen Medikamenten hingewiesen worden waren. Mittlerweile ist bekannt, dass mindestens 220 Patienten allein in Berlin und Brandenburg möglicherweise unwirksame Krebsmedikamente erhielten.

Inzwischen haben Abgeordnete Akteneinsicht genommen

Die AfD berichtete im Ausschuss über das, was sie vorfand: Der Präsident des zuständigen Landesamtes, Detlev Mohr, war demnach weit früher informiert als bislang bekannt. Er soll seit 23. März 2016 von dem Verdacht gewusst haben, dass die nicht legal eingeführten Medikamente im Umlauf sind. Wie aus der Berliner Morgenpost vorliegenden Unterlagen der Staatsanwaltschaft hervorgeht, haben die „in Verdacht geratenen Mitarbeiter des Landesamtes eine Reihe von weiteren Mitarbeitern und Vorgesetzten im Landesamt informiert“. Unter den Genannten ist auch Landesamtschef Detlev Mohr.

Mohr hatte das jedoch bestritten. „Ich wurde von Mitarbeitern, die mein Vertrauen genossen haben, falsch informiert“, behauptete er in der früheren Ausschusssitzung. Der Behördenleiter erstattete daraufhin Anzeige wegen Korruptionsverdachts, die Staatsanwaltschaft fand dafür aber keinen Anhaltspunkt.

Die Ministerin hat bislang keine disziplinarischen Schritte eingeleitet. Zuerst müssten die Vorgänge geprüft werden, argumentiert Golze. Immer wieder verweist sie auf die Taskforce zur Aufklärung des Behördenversagens, die am 28. August den Abschlussbericht vorlegen will.

Golze scheint eine Ministerin auf Abruf

Manchmal kreuzen sich ihre Blicke: die des wegen der schlechten Umfragewerten selbst unter Druck stehenden Ministerpräsidenten und jene der schwer angeschlagenen Ministerin. Diana Golze weiß längst: Woidke steht nicht hinter ihr. Sie scheint eine Ministerin auf Abruf. Vorige Woche hat er durchblicken lassen, eine Kabinettsumbildung sei nicht ausgeschlossen. Das wiederholt er nicht. Er sagt nur: „Wer weiß, was kommt. Wir sind alle in Gottes Hand.“

In einem Brief an die Parteimitlieder bittet die Linke-Landeschefin, die als Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2019 antreten sollte, wenigstens die eigene Partei um Unterstützung. Sie brauche die Hilfe, um Licht in die Vorgänge zu bringen. „Opposition und Medien wollen uns diese Zeit nicht geben, weil sie vor allem eines wollen: meinen Kopf“, schreibt Golze. Beiden gehe es nicht um Aufklärung und Patientensicherheit, sondern um „parteipolitische Profilierung“, klagt sie.

Woidke will Golze noch Zeit geben. Zumindest bis der Abschlussbericht vorliegt. „Momentan hat Frau Golze mein vollstes Vertrauen“, sagt der Regierungschef im Ausschuss. Auf dem Flur wird er später sagen: „Man wäre nicht gut beraten, Veränderung an der Spitze des Ministeriums vorzunehmen.“ Es gehe zunächst darum, die Sicherheit für die Menschen herzustellen. Er stellt auch in Aussicht, gegebenenfalls könnten weitere Kommissionen auf Regierungsebene folgen. Der Berliner FDP-Fraktionschef sieht Handlungsbedarf über Berlin und Brandenburg hinaus. „Obwohl das gesamte Bundesgebiet betroffen sein könnte, hört man von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nichts“ kritisiert er. Herr Spahn müsse einen Runden Tisch mit allen Gesundheitsministern der Länder einberufen.

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