Ex-Kripobeamter erklärt

Warum die Stimmung in Cottbus gerade hochexplosiv ist

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Jens Anker
In Cottbus ist die Stimmung aufgeheizt. Teilnehmer einer Kundgebung des Vereins "Zukunft Heimat"

In Cottbus ist die Stimmung aufgeheizt. Teilnehmer einer Kundgebung des Vereins "Zukunft Heimat"

Foto: dpa/Michael Helbig

Viele Cottbusser sorgen sich nach Gewaltvorfällen mit Flüchtlingen um die Sicherheit in der Stadt. Ein Ex-Polizist erklärt die Lage.

Cottbus.  Mit Sorge beobachten Cottbusser Einwohner die Zunahme an Gewalt zwischen Deutschen und Flüchtlingen in der Stadt. Gottfried Lindner ist seit 2007 Vorsitzender des Bürgervereins Cottbus-Mitte und seit vergangenem Jahr Vorsitzender des Altstadt-Vereins, in dem vor allem Geschäftsinhaber vertreten sind. Der pensionierte Kripobeamte kämpft engagiert für ein friedliches Miteinander.

Herr Lindner, in Cottbus eskaliert die Lage gerade. Was ist da los?

Gottfried Lindner: Wir haben hier gerade eine hochexplosive Stimmung in der Stadt, die durch die beiden Auseinandersetzungen mit jungen Flüchtlingen ausgelöst wurden. Alle versuchen, den Druck herauszubekommen und es gibt viele Ideen. Dann ist ein Tag Ruhe, aber am nächsten geht es wieder los – egal was passiert.

Einmal wurde ein Ehepaar vor einem Einkaufszentrum von drei minderjährigen Flüchtlingen attackiert, weil es ihnen nicht den Vortritt ließ, beim anderen Fall verletzten zwei 15 und 16-jährige Flüchtlinge einen Jugendlichen nach einer Auseinandersetzung. Hier sind die genauen Umstände noch nicht ganz klar. Inzwischen registrierte die Polizei zwei weitere Fälle. Wie gefährlich ist die Situation in der Stadt?

Es ist ein unschönes Gefühl, immer wieder in den Schlagzeilen zu stehen. Das tut weh, denn Cottbus ist eine sehr lebenswerte Stadt. Wir suchen gerade nach wirkungsvollen und zielführenden Lösungen, um die Lage zu entspannen.

Die Polizei schickt mehr Personal auf die Straße, hilft das?

Mit mehr Polizisten wurde es auch schon probiert. Dann weichen die Beteiligten in andere Ecken aus. Wir müssen die Lage genau analysieren. Auch ich überlege den ganzen Tag rauf und runter, was helfen kann.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Man muss den Flüchtlingen vermitteln, wie es hier langgeht. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber wir müssen ihnen beibringen, was geht und was nicht. Wer aber soll es machen? Viele Schulen geben auf, weil das Personal fehlt. Da bricht schon ein Anker weg. Auf der anderen Seite hilft es auch nicht, auf Demos herumzuschreien. Die Redner bieten auch keine Lösungen an. Das heizt die Stimmung nur weiter auf.

Das heißt, die Eskalation geht aus Ihrer Sicht eher von den Flüchtlingen aus, machen Sie es sich da nicht zu einfach?

Ich sage ja nicht, dass es stimmt, darüber will und kann ich gar nicht spekulieren. So läuft aber im Moment der Automatismus. Sie setzen irgendeinen Punkt und alle schreien auf. Wenn junge Männer von Frauen Respekt einfordern oder andere junge Menschen mit dem Messer im Gesicht verletzen – unabhängig davon, was vorher passiert ist und wer angefangen hat - dann sagen die Menschen: Das ist jetzt genug.

Beide Seiten scheinen sich unversöhnlich gegenüberzustehen?

Es ist besorgniserregend. Ich habe das Gefühl, dass nur noch die Lunte angezündet werden muss, und es rumst. Die Flüchtlingsgegner stammen nicht alle aus der rechten Ecke, die sind einfach besorgt. In Gesprächen höre ich jetzt, dass einige von ihnen nur noch mit dem Messer das Haus verlassen. Das ist doch aber auch keine Lösung!

Das Brandenburger Innenministerium hat Ende vergangener Woche verfügt, dass vorerst keine weiteren Flüchtlinge nach Cottbus kommen. Eine richtige Entscheidung?

Wir müssen erst einmal Luft holen. Es ist doch klar, dass die Flüchtlinge nicht auf einem Dorf versauern wollen, wenn sie erst einmal anerkannt sind. Und weil es keine Residenzpflicht für sie gibt, dann kommen sie nach Cottbus, weil hier was los ist. Jetzt brauchen wir erst einmal keine neue Zuwanderung, solange wir mit denen, die hier sind, nicht klarkommen.

Planen Sie und Ihr Verein in den nächsten Tagen konkrete Schritte, um die Lage zu entspannen?

Ja, wir werden uns im Vorstand beraten, wie unser Vorschlag aussehen könnte. Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Alle müssen zusammenarbeiten, wir, die Sportvereine, die Stadtverwaltung und die Ministerien. Wir alle haben eine Verantwortung dafür, eine Lösung zu finden und nicht nur rumzuschreien.