Im Streit über den richtigen Umgang mit dem sich weiter ausbreitenden Wolf stehen sich Weidetierhalter und Tierschützer sowie die Umweltpolitiker weiter unversöhnlich gegenüber. „Um Übergriffe auf Weidetiere weitgehend zu reduzieren, müssen Herdenschutzmaßnahmen konsequent umgesetzt und dafür auch ausreichend finanziert werden“, sagte die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Beate Jessel, am Mittwoch. Die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht, damit er bei Angriffen geschossen werden kann, hält das Bundesamt aber nicht für geeignet, Schafe, Ziegen und Rinder zu schützen.
Die Bauernverbände des Landes Brandenburg fordern dagegen seit Langem die Aufweichung des strengen Schutzes für die Wölfe. „Wir brauchen eine Bestandsregulierung“, sagt der Geschäftsführer des Bauernbundes Brandenburg, Reinhard Jung. Die Angriffe der Wölfe bedrohten zunehmend die Landwirte in ihrer Existenz. „An der Weide wollen wir schießen dürfen“, fordert Jung. Die vom Bundesamt für Naturschutz vorgeschlagenen Elektrozäune seien dagegen kein geeignetes Mittel, um die Weidetiere dauerhaft vor Wolfsangriffen zu schützen. „Wenn alle Landwirte Zäune haben oder Herdenschutzhunde, dann interessiert das den Wolf nicht mehr“, warnt Landwirt Jung.
Aktuell sind in Deutschland nach Angaben des BfN 60 Wolfsrudel, 13 Wolfspaare und drei Einzeltiere bestätigt. Die Wolfsvorkommen konzentrieren sich vor allem auf das norddeutsche Tiefland, das sich von der sächsischen Lausitz in nordwestlicher Richtung über Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen bis nach Niedersachsen erstreckt. Jährlich nimmt die Zahl der Wölfe Deutschland um rund ein Drittel zu.
In Brandenburg leben derzeit rund 220 Wölfe
In Brandenburg leben nach Angaben des Landwirtschaftsministers derzeit 22 Rudel mit rund 220 Wölfen. Anders als das Bundesamt zählt das Bundesland auch Jungtiere mit. Dieses Vorgehen ist umstritten, da die Sterblichkeit der Wölfe in den ersten beiden Lebensjahren sehr hoch ist. Demnach leben deutschlandweit mittlerweile insgesamt mehr als 600 Wölfe, das Bundesamt schätzt die Zahl auf lediglich 170 erwachsene Tiere, macht aber keine Angaben zu den Jungtieren.
Auch der World Wide Fund For Nature (WWF) lehnt die Jagd auf Wölfe ab. „Das ist eine Scheindebatte, die die wahren Probleme ignoriert und nicht nur zulasten des Wolfes, sondern auch zulasten von Schäfern und Nutztierhaltern geht“, sagt die Naturschutzbeauftragte des WWF, Diana Pretzell. Eine Jagd auf Wölfe würde die Nutztiere nicht vor Übergriffen schützen.
Im Streit über den richtigen Umgang mit dem Wolf geht es auch ums Geld. Bislang kommen vor allem die Länder für Prävention oder Entschädigungen nach Wolfsschäden auf. Das soll sich nach dem Willen der Bundesländer nun ändern. Künftig sollen Bundesmittel und Mittel aus dem europäischen Fonds der Gemeinschaftsaufgabe zur Verfügung stehen.
Das BfN empfiehlt den Haltern von Weidetieren einen mindestens 1,20 Meter hohen elektrisch gesicherten Zaun zum Schutz der Tiere. Erst wenn ein Wolf nachweislich mehrfach den Zaun überwunden hat, besteht die Möglichkeit, ihn zu erschießen. Doch die bürokratischen Hürden dafür sind hoch. Eine Vielzahl gemeldeter Wolfsrisse werde von den Behörden nicht anerkannt, weil sie nicht eindeutig von einem Wolf verursacht worden sind.
Elektrische Zäune sind sehr teuer
Das ist aus Sicht der Brandenburger Landwirte weltfremd. „Das ist so, als wenn Susi Sorglos dem Bauern die Welt erklärt“, kritisiert Jung. Wirksame Zäune seien sehr teuer und müssten ständig gewartet werden, damit der elektrische Schutz auch dauerhaft funktioniere. Und noch etwas stört die Bauernverbände: „Wenn der Wolf nicht durch den Zaun kommt, komme ich auch nicht durch“, klagt Jung. Das würde die Arbeit der Landwirte erschweren. Laut Bauernbunds kostet ein „wolfssicherer Zaun“ rund 19.000 Euro pro Kilometer, in einer mobilen Version immerhin noch 1300 Euro.
Derzeit verhandeln die Bauernverbände mit dem Brandenburger Umweltministerium über eine Wolfsverordnung. Brandenburg legte als erstes Bundesland einen entsprechenden Entwurf vor. Am Freitag soll den Landwirten eine überarbeitete Version vorgelegt werden. Der Bauernbund fordert, Wölfe erschießen zu dürfen, wenn sie sich nach einem nachgewiesenen Angriff erneut dem Weidezaun nähern.
Der Wolf war fast 100 Jahre in Deutschland ausgestorben, bevor er um die Jahrtausendwende wieder aus Polen einwanderte. Seitdem breitet er sich rasant aus. Nach den Angaben des Bundesamtes für Naturschutz hat die Zahl der Rudel allein im vergangenen Jahr um 13 zugenommen.



