Filmuni Potsdam

Wie mit Stop Motion und Virtual Reality Trickfilme entstehen

| Lesedauer: 4 Minuten
Klaus Peters
Aus Teilen wie diesen basteln die Puppenbauer an der Filmuni Figuren. Sie werden ihren Auftritt in „Laika und Nemo“ haben

Aus Teilen wie diesen basteln die Puppenbauer an der Filmuni Figuren. Sie werden ihren Auftritt in „Laika und Nemo“ haben

Foto: Bernd Settnik / dpa

An der Potsdamer Filmuniversität wird mit Drehtechniken experimentiert. Puppenbauer werden ebenso gebraucht wie Computerspezialisten.

Potsdam.  Im Keller der Filmuniversität Konrad Wolf klebt Praktikantin Angelique Brandt den Straßenbelag eines fiktiven Dorfs an der schottischen Küste. Das ist mühsam, Pflasterstein für Pflasterstein, aus Pappe. Das Heimatdorf von Matrosen, Piraten und des Tiefseetauchers Nemo. „Laika und Nemo“ heißt der geplante 15-minütige Stop-Motion-Film. Produziert als Examensarbeit von Studenten aller Gewerke: vom Filmmusikkomponisten über den Kulissenbauer bis zum Drehbuchschreiber Jan Gadermann und Regisseur Sebastian Grutza.

„Die Geschichte habe ich schon seit sechs Jahren im Kopf, nachdem ich mir auf einem Berliner Flohmarkt ein T-Shirt mit dem Aufdruck eines Tiefseetauchers und eines Astronauten gekauft habe“, erzählt Gadermann. In dem Küstendorf tragen alle Bewohner Berufskleidung, und Nemo wird wegen seines großen Taucherhelms schon in der Schule gemobbt. Er zieht sich als Wärter auf den Leuchtturm zurück, bis die Bruchlandung von Astronautin Laika sein Leben grundlegend verändert.

Bis zum 20. August dauern die Dreharbeiten im Kellerstudio der Universität noch, der Aufbau läuft schon seit Anfang des Jahres. Die Hauptfiguren wurden als Gliederpuppen aus Metall mit Lötkolben und Bunsenbrenner gefertigt, Szenografie-Student Max Schönborn baute das Dorf aus Holz und Pappe auf. Die Filmmusik wurde von Student Jens Heuler komponiert und wird vom Filmorchester Babelsberg eingespielt. Und in einer eigenen Werkstatt fertigt der Hamburger Puppenbauer Martin Meuke Spielfiguren und Kostüme.

Der Film wird vom Medienboard Berlin-Brandenburg und vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) gefördert. Gadermann schätzt die Kosten auf einen sechsstelligen Betrag. Im Jahr 2019 soll der Film dann auf den Festivals laufen.

„Laika & Nemo“ ist ein klassisches Filmprojekt der Hochschule. Unterdessen forscht Lena Gieseke mit Virtual Reality (VR) an der Zukunft des Films. „Die Frage ist: Wie können wir unsere Kernkompetenz des Geschichtenerzählens neu aufarbeiten?“, sagt die 36-Jährige. „Bei VR fällt die Übersetzung weg: Im klassischen Film muss sich der Zuschauer in die Figuren hineinversetzen, mit der VR-Brille ist er selbst mitten im Film und erlebt dies hautnah.“

Dafür arbeiten die Studenten mit 360-Grad-Kameras, damit der Zuschauer wie in einer realen Situation in alle Richtungen blicken kann. „Das geht in Richtung Spiele programmieren“, sagt Gieseke. „Aber das steckt noch in den Kinderschuhen.“ Die Professorin hat im vergangenen Wintersemester mit einem Studenten angefangen, in diesem Jahr sollen schon bis zu zehn Studenten in den Masterstudiengang Audio-Visual Application Design aufgenommen werden.

Im Oktober kommt in dem Studiengang noch eine Professur für Audio- und Medientechnologien hinzu. „Denn bei einem 360-Grad-Film brauchen Sie auch einen entsprechenden Sound“, erläutert die Sprecherin der Universität, Julia Diebel. „Die Computertechnik erlaubt es bereits, eine Musikquelle exakt an einen gewünschten Ort zu projizieren“, sagt Diebel. „Und wenn Sie sich darauf zu- oder davon wegbewegen, nehmen Sie den Sound so wahr, als säße dort der Musiker.“

Filmgeschichte, Filmtechnik und Forschung

Die Hochschule ist seit 2014 die einzige Filmuni in Deutschland, daneben gibt es noch einige Filmhochschulen. „Bei uns liegt ein Schwerpunkt auf Forschung“, erläutert Diebel. Dabei geht es etwa um Filmgeschichte, Filmtechnik oder Forschung über die Wahrnehmung der Filme. „Der Status der Universität ermöglicht es uns, entsprechende Forschungsförderungen zu beantragen. Auch das Promotionsrecht unterscheidet uns von anderen Filmhochschulen. “

Die Universität will auch bei der Forschung neue Maßstäbe entwickeln. „Da lautet die Frage: Wie kann ich mit Kunst als Darstellungsform zum Erkenntnisgewinn beitragen“, sagt Diebel. „Die Herausforderung liegt darin, dabei den wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivierung um die Erkenntnisse einer individuellen subjektiven Wahrnehmung oder Erfahrung zu ergänzen.“ Das 2008 gegründete Institut für Künstlerische Forschung der Filmuniversität fördert entsprechende Forschungsvorhaben aller Studiengänge.

( dpa )