Die Diebe kommen stets in der Nacht. Zu mehreren und mit großen Lastwagen. Bei der Agrargenossenschaft Jänschwalde im Kreis Spree-Neiße waren sie in der Nacht zum vergangenen Sonnabend. „57 Rinder haben sie uns gestohlen“, sagt Geschäftsführer Horst Hanschke. „Aus dem Stall.“ Die Jungrinder – eine Nachzucht im Alter von acht bis zwölf Monaten. Der Landwirt ist immer noch aufgebracht. „Es geht nicht nur um den materiellen Wert, sondern um den ideellen Wert, und den kann uns keiner ersetzen“, sagt Hanschke. Er fügt hinzu: „Damit wird man ganz schlecht fertig. Man ist vor allem unsicher, ob die nicht wiederkommen.“
In Brandenburg nehmen die Großviehdiebstähle drastisch zu. Der Sprecher des Polizeipräsidiums, Mario Heinemann, sagte am Dienstag auf Anfrage der Berliner Morgenpost: „Allein in den ersten anderthalb Monaten 2017 kamen bei sieben Diebstählen schätzungsweise rund 100 Tiere weg.“ Im vergangenen Jahr gingen 24 Anzeigen vor allem aus dem Süden und Osten des Landes ein, im Jahr 2015 waren es 19 Fälle.
Meistens werden ganze Herden gestohlen
Immer häufiger werden ganze Rinderherden gestohlen. „2016 wurde der Verlust von über 250 Tieren gemeldet“, so Heinemann. Der Schaden ist enorm. „Pro Diebstahlsnacht sind das schon mehrere 10.000 Euro“, sagt der Polizeisprecher. „Denn es handelt sich häufig um teure Zuchtrinder.“ Für die Landwirte sei das katastrophal. Hinter den Diebstählen vermuten die Ermittler Profis, die bandenmäßig vorgehen. Wohin die Tiere gebracht werden, ist unklar. Die Polizei geht davon aus, dass sie nicht innerhalb der EU weiterverkauft werden. Denn in der Europäischen Union gibt es einheitliche Ohrmarken und strenge Prüfverfahren. In einer zentralen Datenbank in München sind alle Fakten über die Rinder gesammelt, von der Geburt bis später zur Schlachtbank.
Wegen des alarmierenden Anstiegs der Taten hat Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke jetzt verfügt, dass sich das Landeskriminalamt zentral mit dem professionellen Rinderklau befasst. „Die Abteilung Organisierte Kriminalität und schwere grenzüberschreitende Eigentumskriminalität bekommt nun alle Fälle gebündelt auf den Tisch“, sagt Heinemann. Eine Sonderkommission werde vorerst nicht gebildet. „Es ist ein relativ frisches Phänomen“, so der Sprecher. Wahrscheinlich ist nach Ansicht von Ermittlern, dass die gestohlenen Tiere nach Osteuropa transportiert werden.
Diebe stehlen nur die hochwertigen Tiere
Die Landwirte hingegen hofften auf eine Soko. Denn die dreisten Täter kommen bislang ungeschoren davon. „Nach jeweils einem Vierteljahr wurden die Ermittlungen erfolglos eingestellt“, erzählt Volker Naschke. Mit seiner Frau und seinem 35-jährigen Sohn betreibt der Bauer in Schenkendöbern in Spree-Neiße einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Schon drei Mal waren die Viehdiebe bei den Naschkes. Das erste Mal 2014, dann 2015 und zuletzt im Mai vorigen Jahres. Die Versicherung hat den Schaden bezahlt, aber nur den aktuellen, wie Naschke betont. „Die Diebe kannten sich genau aus. Die haben nur richtig hochwertige Tiere geklaut. Solche Tiere werden nicht gehandelt, die behält jeder für sich selbst zur Zucht.“ In einem Jahr wären sie bei einer Auktion vermutlich mehr wert gewesen als das aktuelle Gutachten ergab, so der Landwirt. Er sagt: „Das Problem sind die offenen Grenzen.“
Auch sein zuletzt betroffener Kollege in Jänschwalde, Horst Hanschke, sieht sich von der Politik im Stich gelassen. „Es wird höchste Zeit, dass die Polizei personell endlich in die Lage versetzt wird, uns zur Seite zu stehen“, sagt er. „Bevor die Betriebe die weiße Fahne raushängen müssen.“ Für ihn steht fest: „Grenzfreiheit darf nicht bedeuten, dass bestimmte Berufsstände darunter leiden. Grenzkontrollen wären die einzige Lösung“
Bundesland ist führend bei der Weidehaltung
Der Sprecher des Agrarministeriums, Jens-Uwe Schade, sieht das Problem in Brandenburg als besonders gravierend an. Zwar sind auch andere Flächenländer zunehmend betroffen, doch Brandenburg ist laut Schade in der Weidehaltung bundesweit führend. „Als Verbraucher wollen wir genau das. Rinder, die auf der Weide stehen und nicht im Stall.“
Etwa 530.000 Rinder sind in Brandenburg registriert. „Man kann die Tiere auf der Weide nicht 24 Stunden am Tag bewachen“, sagt Schade. Die Polizeidirektion Süd etwa appelliert an die Anwohner, wachsam zu sein. Sprecherin Ines Filohn: „Die 110 wählen, sobald sich nachts etwas auf den Weiden oder in den Ställen tut.“
Nur in einem Fall ist es gelungen, die Tiere zurückzubekommen. Im Mai 2016 beobachteten Anwohner in Schmerzke bei Brandenburg an der Havel, wie Rinder auf einen Laster mit polnischem Kennzeichen geladen wurden. Sie verfolgten die Diebe über die Autobahn. Die flüchteten von der Raststätte Michendorf zu Fuß. Die 40 Rinder kamen zurück in die Ställe.


