Naturschutz

In Brandenburg werden Papageien für Brasilien aufgepäppelt

Wissenschaftler in Tasdorf ziehen seltene Vögel auf und wollen deren Population später in Brasilien auswildern.

Biologin Katrin Scholtyssek mit einem Banks-Rabenkakadu, den sie von Hand aufzieht

Biologin Katrin Scholtyssek mit einem Banks-Rabenkakadu, den sie von Hand aufzieht

Foto: Katrin Starke

Die zwei Graupapageien, die sie sich als Studentin zugelegt hat, kommen gerade zu kurz. Ihr Freund auch. „Aber der hat als Polizist im Schichtdienst zum Glück Verständnis für meine knappe Zeit“, sagt Katrin Scholtyssek. Denn Schichtdienst schiebt seit Wochen auch die Biologin. „Ich bin hier der Babysitter“, erklärt die 32-Jährige, während sie in den weißen Kittel schlüpft und die Tür des auf 36 Grad Celsius erwärmten Inkubators öffnet.

In einem kleinen mit Zellstoff ausgelegten Becher hockt ihr „Kleiner“. Und der hat Hunger. Alle zwei Stunden schlüpft Scholtyssek derzeit – tagsüber ebenso wie nachts – in die Rolle der Vogelmama und päppelt trotz Augenringen das Fliegengewicht mit enzymreicher Nahrung auf. Nach einer Woche Welterfahrung brachte der Banks-Rabenkakadu schon knappe 60 Gramm auf die Waage. Die Wissenschaftlerin ist zufrieden. Auch wenn sie dem einem flauschigen Tennisball ähnelnden Kakaduküken wohl noch einige Tausend Mal die mit Flüssignahrung befüllte Pipette in den gierig geöffneten Schnabel schieben muss.

Für Scholtyssek fast schon ein Routinejob: Seit 2012 arbeitet die Potsdamerin beim Brandenburger Verein ACTP (Association for the Conservation of Threatened Parrots). Seitdem hat die junge Frau bereits 20 Papageienküken per Hand aufgezogen. „Obwohl es natürlich unser Ziel ist, dass die Tiere ihren Nachwuchs selbst großziehen“, betont sie.

100 Tiere leben in den Rüdersdorfer Volieren

Schon als Studentin habe sie von der in Brandenburg einmaligen international vernetzten Zuchtstation gehört. Die 2006 gegründete ehrenamtliche Organisation ACTP mit einem Team aus aktuell zehn Wissenschaftlern und Tierpflegern hat sich der Aufgabe verschrieben, bedrohte oder in der Wildbahn bereits ausgestorbene Papageienarten zu retten, zu schützen und bei Zuchterfolg wieder auszuwildern. Der hat sich längst eingestellt: Rund 100 Papageien beherbergt die Zuchtstation kurz vor den Toren Berlins heute. Mittlerweile musste der Verein sein Areal auf 13.000 Quadratmeter erweitern.

Das Gelände im Rüdersdorfer Ortsteil Tasdorf mit Innenvolieren auf 1240 Quadratmetern und Außenvolieren auf 3000 Quadratmetern gleicht allerdings einem Hochsicherheitstrakt. Kameras und eine Sicherheitsfirma überwachen rund um die Uhr den Bereich, in dem gelb leuchtende Goldsittiche, blauköpfige Blaumaskenamazonen mit bunt getupftem Gefieder, nörgelige Königsamazonen, trällernde Braunkopfkakadus und schüchterne Spix-Aras zu Hause sind. Nicht ohne Grund. Die seltenen Tiere, deren Population hier aufgestockt werden soll, brauchen Ruhe. Und haben auch ihren materiellen Wert.

„Allein von den Spix-Aras gibt es weltweit nur noch 126 Tiere – verteilt auf drei Zuchtstationen“, erzählt Scholtyssek. In der freien Natur kommen sie nicht mehr vor. Seit der Jahrtausendwende seien die Spix-Aras aus ihrem natürlichen Lebensumfeld in Caatinga im nördlichen Brasilien komplett verdrängt und ausgerottet worden. „Schuld ist der illegale Handel, auch die Jagd auf die Vögel. Hinzu kommen die Trockenheit der Region und die Überweidung durch Ziegen und Schafe, die die Nahrungsquellen und die Nistplätze der Spix-Aras dezimiert haben“, zählt die Fachfrau auf. 16 der 126 Spix-Aras sind nun echte Brandenburger. Ziel des Vorzeigeprojektes sei es, die Population auf mindestens 200 Tiere weltweit anzuheben und sie dann wieder in Brasilien auszuwildern. „Dafür kooperieren wir mit Zuchtstationen in Katar und Brasilien, auch mit den jeweiligen Regierungen“, erzählt Scholtyssek von den Partnern des Plans. Um den Genpool aufzufrischen, würden zwischen den Wissenschaftsstandorten regelmäßig Tiere, aber auch Erfahrungen in der Zucht und Pflege ausgetauscht.

Die Brandenburger haben in Sachen „Kindersegen“ die Nase vorn. „Erstmals nach 26 Jahren ist es uns gelungen, dass ein Spix-Ara-Paar seinen Nachwuchs selbst aufzieht.“ Scholtyssek zeigt auf die Geschwister, die am 24. und 27. Juli in Brandenburger Obhut geschlüpft sind und seither vom Elternpaar umsorgt werden. „Das ist eine Sensation.“ 2019, so plant der Verein mit seinen brasilianischen Partnern, soll ein Teil der Ara-Schar wieder in Caatinga angesiedelt werden. Eine Sicherheitspopulation verbleibe in den jeweiligen Zuchtstationen. Die Baupläne für eine kleine betreute Station, in die sich die dann wieder frei lebenden Tiere zurückziehen können, liegen auf Scholtysseks Tisch.

In der Karibik soll künstlicher Regenwald entstehen

Zudem sollen Nistkästen aufgehängt, Futterstellen angelegt und Möglichkeiten realisiert werden, die Vögel mit einem Chip zu versehen, um sie digital orten zu können. Das kostet. Rund eine halbe Million Euro veranschlagt der Verein. „Wir finanzieren uns ausschließlich über private Spenden. Es fließt keinerlei staatliche Förderung“, berichtet Scholtyssek vom mühevollen „Klappern“ für den Natur- und Artenschutz.

Auch das zweite große Vorhaben des Vereins könne bislang nur mittels einer großen Spendenaktion über private Sponsoren gestemmt werden: Für rund 120.000 Euro will ACTP eine Halle auf der Karibikinsel St. Lucia bauen, und darin einen künstlichen Regenwald anlegen. „Da sollen zwei Paare unserer Blaumaskenamazonen heimisch werden.“ Die Inselregierung will in Eigenverantwortung einen „Mini-Zoo“ mit Finken und Leguanen hinzufügen. „Anders als in unsere Brandenburger Zuchtstation möchten wir hier Urlauber wie Einheimische locken, sich über die Artenvielfalt zu informieren“, sagt Scholtyssek – und hat dabei auch die Kreuzfahrtindustrie im Blick. Deren Ozeanriesen legen regelmäßig im Inselhafen an. „Wir sind in Gesprächen“, erklärt die engagierte Biologin. Der Wunsch ist nicht ohne Hintergrund: Die Erlöse aus den Eintritten sollen auch in die Refinanzierung des Projekts fließen. Im Januar will sich Katrin Scholtyssek selbst ein Bild vor Ort machen: „Die Zeichnungen der Architekten liegen vor, nun geht es an die Finanzierung.“ Scholtyssek hofft auf einen Baustart im kommenden Jahr.