Zum Zurückkehren gehört mindestens so viel Mut wie zum Weggehen. Die Finsterwalderin Stephanie Auras weiß das – aus eigener Erfahrung. Die heute 34-jährige hatte sich nach dem Abitur entschieden, ihre strukturschwache Heimatregion im Süden Brandenburgs zu verlassen, um im hessischen Weilburg zu studieren. Als Touristikerin arbeitete sie dann für Reiseveranstalter in Berlin und Leipzig - und landete über ein Stipendium schließlich in New York. „Ich wäre gerne länger geblieben“, erzählt sie. „Doch mein Freund wollte, dass ich nach Finsterwalde zurückkomme.“ Das war 2009. Heute berät Stephanie Auras andere Rückkehr-Interessierte. Im November 2015 gründete sie das Netzwerk „Comeback Elbe-Elster“. Über 30 weitere Rückkehrer, Zuzügler, Pendler und Jobwechsler engagieren sich dort.
Dank der jungen Finsterwalderin eröffnete vor etwa sechs Wochen in der Stadtmitte die zweite Willkommensagentur in Brandenburg. Bislang gab es nur eine in der Uckermark. Gefördert wird „Comeback Elbe-Elster“ durch das Land Brandenburg – mit einer Abschubfinanzierung von 6500 Euro. Die Sparkasse spendete 5000 Euro. Damit ist die Hoffnung verbunden, die Auswirkungen des demografischen Wandels abzufedern. Wieder junge Menschen auch in die berlinfernen Gegenden zu holen. Ihnen Perspektiven aufzuzeigen, die es durchaus gebe, wie Auras betont. Tausende haben nach dem Fall der Mauer ihre Heimat verlassen, weil es keine Arbeit mehr gab. Wirtschaftlich geht es inzwischen bergauf. Selbst in dem entlegenen Landstrich zwischen Elbe und Elster ist die Arbeitslosenquote in diesem Jahr unter die Zehn-Prozent-Marke gesunken.
Als Auras vor sieben Jahren aus New York zurückkam, war das noch anders. „145 Bewerbungen habe ich geschrieben, aber keinen Job gefunden“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Beim Bäcker wurde ich gefragt: Was wollen Sie eigentlich hier?“ Und immer wieder hörte sie heraus: „Sie haben es woanders wohl nicht geschafft?“ Inzwischen habe sich die Stimmung geändert. „Es gibt wieder Arbeitsplätze“, sagt die Touristikerin. „Fachkräfte werden gesucht.“ In einigen Jahren würden viele Arbeitsstellen im Landkreis nicht mehr mit qualifizierten Fachkräften besetzt werden können, sagen Experten. „Bei Ausbildungsstellen ist das schon heute der Fall“, so Auras. Es fehlten junge Meister, die Betriebsnachfolgen übernehmen.
Kostenlose Beratung bei der Willkommens-Agentur
Stephanie Auras ist mittlerweile froh, wieder zu Hause zu sein: „Es ist einiges geboten bei uns und in Dresden sind wir in einer halben Stunde.“ Die dreijährige Tochter könne regelmäßig die Großeltern und sogar ihre Uroma besuchen. „Ihr ist es egal, ob sie in Long Island oder am Senftenberger See im Sand spielt.“ Für die Rückkehr-Interessierten ist die persönliche oder telefonische Beratung der Willkommensagentur kostenlos. Das Netzwerk von Helfern betreibt mit dem Projektträger „Verein Generationen gehen gemeinsam“ den „Pop-up-Store“ in der Innenstadt. So nennt man Geschäfte, die für eine begrenzte Zeit öffnen. Die Räume in der Kleine Ringstraße 25 sind vorerst bis 30. November gemietet.
Der Store dient als Beratungszentrum, Heimatladen – und Arbeitszimmer für Neu-Selbstständige. „Wir haben uns vorgenommen, in der Laufzeit des Projektes 100 Rückkehrwillige und Pendler anzusprechen“, sagt Stephanie Auras, „und mindestens 30 von ihnen dazu zu bewegen, wieder im Elbe-Elster-Kreis zu arbeiten.“ Bei Facebook hat „Comeback Elbe-Elster“ inzwischen über 2500 Fans. Den gelungenen Internet-Auftritt www.comeback-ee.de hat eine Rückkehrerin gestaltet. Unternehmen nutzen das Netzwerk Comeback Elbe-Elster für Stellenangebote und/ oder Dienstleistungen. Viele werden durch die Eltern am Ort auf die Willkommensagentur aufmerksam. So wie Marie und Daniel Tallarek, die in Norwegen mit Sohn Emil quasi schon auf gepackten Koffern sitzen. „Mein Mann Daniel arbeitet bisher als Landschaftsplaner und Geoinformatiker in einem erfolgreichen Architekturbüro in Bergen“, sagt Marie Tallarek. „ Ich bin Gesundheitswissenschaftlerin und habe bisher als Koordinatorin in einer privaten Forschungsinstitution gearbeitet.“
Beide wohnen seit acht Jahren in Bergen – und wollten schon länger zurück in den Süden Brandenburgs. „Daniels Eltern haben in Finsterwalde fleißig Zeitungsartikel über Comeback Elbe-Elster gesammelt und uns mitgebracht“, so die gebürtige Magdeburgerin. Stephanie Auras gab ihr den Tipp, sich in Finsterwalde bei Medizintechnik-Kröger zu bewerben. Es hat geklappt. „Daniel wird sich in Finsterwalde selbstständig machen“, sagt Marie Tallarek. Die beiden haben einen Bauernhof gekauft, den sie in Schuss bringen möchten. Daneben mache es ihnen Spaß, sich Handwerke beizubringen. Das reicht vom Bierbrauen und Wolle spinnen bis zur Herstellung von Schuhcreme. Auf einem Blog geben sie Tipps dazu. Er heißt „Die Hinterwäldler“.


