Berliner Sommerfrische

Bad Freienwalde – Sanfte Hügel, dichte Wälder und Moor

Die Kleinstadt am Rande des Oderbruchs hat einiges zu bieten – vom Freiluftmuseum bis zur einzigen Skisprunganlage Brandenburgs.

Die beiden Naturfreunde Helga Kammerer und Ulrich Zimmer genießen selbst beim Nieselregen den Blick über den Papenteich

Die beiden Naturfreunde Helga Kammerer und Ulrich Zimmer genießen selbst beim Nieselregen den Blick über den Papenteich

Foto: Amin Akhtar

Die Überraschung erwartet den Reisenden nur gut 45 Kilometer hinter Berlin. Fast eine Stunde lang ist er mit dem Auto beinahe schnurgeradeaus über eine dieser typischen Brandenburger Alleen gefahren. Links und rechts ausgedehnte Felder, die Straße gesäumt von alten Bäumen, immer wieder auch ein Kreuz, das an einen verunglückten Fahrer erinnert. Doch dann wandelt sich die Landschaft geradezu abrupt. Sanfte Hügel und dichte Wälder statt plattem Land. Das soll noch Brandenburg sein? Das Orteingangsschild verrät: Der Reisende hat Bad Freienwalde im Landkreis Märkisch-Oderland erreicht.

Himmlische Ruhe, saubere Luft und ringsherum Wald

Zugegeben: Die Kleinstadt am Rande des Oderbruchs steht für viele Berliner nicht unbedingt ganz oben auf ihrer Liste für einen Kurzurlaub im Umland. Eigentlich völlig zu Unrecht, meint jedoch Martin Podoll. Der 38-Jährige ist selbst in Neukölln aufgewachsen und liebte das Großstadtleben sehr. 2011 jedoch ist er rausgezogen nach Bad Freienwalde. Dort wohnt er nun mit Frau und Kindern in der Papenmühle, dem Haus seines Großvaters. „Ich bin sehr naturverbunden. Und hier finde ich alles, was ich für mich und meine Familie mag: Himmlische Ruhe, saubere Luft und ringsherum viel Wald“, sagt Podoll.

Seine Lebensgefährtin Susan Mücke hat sich da ganz nebenbei einen kleinen Lebenstraum erfüllt und 2012 das Café Blaue Zwiebel aufgemacht. Das Café liegt am Papenteich, gleich neben dem Kurpark von Bad Freienwalde. Auf einem Holzpodest, das ein Stück in den samtigen Teich hineinragt, stehen liebevoll arrangiert ein paar Tische und Stühle. Aus dem kleinen Holzkiosk duftet es nach selbst gebackenem Kuchen und frisch gebrühtem Kaffee. Doch der Nieselregen hat an diesem Nachmittag ein wenig die Gäste verscheucht. Ulrich und Helga sind trotzdem eingekehrt.

Viele reizvolle Ziele in der Umgebung

„Wir wollten eigentlich eine Wanderung über den Höhenweg zum Bismarckturm machen, aber das Wetter hat uns leider einen Strich durch unsere Pläne gemacht“, erzählt Helga und zieht den Reißverschluss an der Regenjacke noch ein Stück höher. Wir nehmen unter dem großen Sonnenschirm Platz, da ist es trocken und mit einem Pott heißem Kaffee in der Hand richtig gemütlich. Auch Helga und Ulrich sind eigentlich Berliner, lebten viele Jahre in Schöneberg. Und sind vor zehn Jahren nach Sommerfelde - einem Dorf bei Eberswalde - umgezogen. „Vor allem der Natur wegen“, wie Ulrich sagt. Und weil sie gern wandern. „Es gibt hier in der Region so viele Ziele, die es lohnt zu entdecken.“ Bekannte, wie etwa das Kloster Chorin oder das Schiffshebewerk in Niederfinow, seien dabei, aber auch weniger bekannte, wie der Finowkanal.

Der Finowkanal ist ein Eldorado für Kanufahrer und Radwanderer

Die künstliche Wasserstraße mit ihren zehn Schleusen ließ Mitte des 18. Jahrhunderts Preußen-König Friedrich II. anlegen, um der Residenzstadt eine Verbindung zur Oder zu schaffen. Über sie wurde dringend benötigte Waren und Baumaterialien nach Berlin gebracht. Heute übernimmt der wesentlich leistungsfähigere Oder-Havel-Kanal diese Funktion. Aus dem nach der Wiedervereinigung aufwendig sanierten Finowkanal ist heute ein Eldorado für Kanufahrer und Radwanderer geworden.

Doch zurück zum Papenteich. Der bekommt sein Wasser nicht von der nahen Oder, sondern wird von einer unterirdischen Quelle gespeist. Das eisen- und mineralhaltige Wasser hatte Freienwalde schon Mitte des 17. Jahrhunderts großen Segen gebracht. Im Jahr 1685 beschrieb Bernhard Friedrich Albinus die 1683 entdeckte Heilquelle (heute „Kurfürstenquelle“) und legte damit den Grundstein für Entwicklung des Ortes zur Kurstadt.

Mit dem Bau der Eisenbahn erlebte Freienwalde seine Blütezeit

Die eigentliche Blütezeit erlebte Freienwalde jedoch Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Eisenbahnstrecke nach Wriezen war gebaut worden. Das neue Verkehrsmittel ermöglichte es auch den weniger vermögenden Berlinern im Sommer oder an den Wochenenden raus ins Umland zu fahren. Damals stand Freienwalde mit ganz oben auf der Liste der Wunschziele. Die Bahn setzte am Sonntag sogar Sonderzüge ein, um der Nachfrage Herr zu werden. Und so strömten dann Zehntausende zur Erholung in die von der Eiszeit geprägte Endmoränenlandschaft mit ihren dicht bewaldeten Hügeln und versteckten kleinen Seen.

In dieser Zeit liegt auch die Geburtsstunde für die Beköstigung am Papenteich werden. Die gleichnamige Mühle war schon 1840 stillgelegt worden. Das Wohnhaus daneben wurde 1905 zur Gastwirtschaft, ab 1922 von Martin Podolls Großvater. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die russischen Besatzer Bad Freienwalde zu einer ihrer wichtigsten Garnisonsstädte machten, war damit jedoch Schluss.

Imbissstand für Ausflügler

Für die spärlicher werdenden Ausflügler aus Berlin eröffnete die staatliche DDR-Handelsorganisation HO jedoch 1952 einen kleinen Imbissstand, der vom Großvater geführt wurde und als „Paeslers Bude“ einige Bekanntheit erreicht haben soll. Irgendwann hat dann einer mal mit Kreide ‚Blaue Zwiebel“ draufgeschrieben, das war dann der neue Name. Doch 1969, so fand Martin Podoll bei seinen geschichtlichen Nachforschungen heraus, war auch damit Schluss.

Im November 2012 wagte die junge Familie aus Berlin den Neuanfang. „Wir haben das ganze Jahr über auf. Im Winter gibt es dann auch Glühwein und ein wärmendes Feuer“, sagt Susan. Auf dem Teich kann Schlittschuh gelaufen oder sich im Eisstockschießen versucht werden. Jetzt im Sommer steht ein kleines Ruderboot bereit, um gemütlich über den Teich zu schippern. Und im klaren Wasser wächst zudem eine jahreszeitliche Spezialität auf der Speisekarte heran. Martin Podoll zieht eine kleine Reuse aus dem Teich. Darin: „Frische Flusskrebse“

Walther Rathenau und sein Schloss

In der Gründerzeit um die Jahrhundertwende zog es jedoch auch die Wohlhabenderen hinaus nach Freienwalde. Der bekannteste dürfte wohl Walther Rathenau gewesen sein. Der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau kaufte 1909 für damals üppige 262.500 Mark das Schloss von Freienwalde, das 1798/99 für die preußische Königswitwe Friederike Luise errichtet worden war. Rathenau, der nicht nur Industrieller, sondern auch Schriftsteller und Politiker war, ließ das vernachlässigte Anwesen nicht nur gründlich renovieren, sondern machte aus diesem einen Treffpunkt für Künstler und Denker.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Rathenau deutscher Außenminister. 1922 wurde er bei einem politisch motivierten Attentat von Feinden der Republik ermordet. Heute beherbergt das aufwendig restaurierte Schloss ein Museum und ist Ort für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen.

Nur wenige Hotels in der Stadt

Ein Quartier in Bad Freienwalde zu finden, ist nicht unbedingt leicht. Es gibt nur wenig Hotels, das größte musste vor einiger Zeit Insolvenz anmelden. Der Reporter übernachtete in der Pension „Am Kurbad“. Die acht Zimmer sind einfach eingerichtet und nicht allzu groß. Weil sie häufig von Gästen des nahen Moorbads für längere Zeit gebucht werden, haben sie meist eine kleine Küchenecke. Eigentümer Heribert Dorow hat das Haus nach der Wiedervereinigung von der Stadt gekauft. „Damals war das eine Ruine“, erinnert er sich.

Trotz der anhaltenden Diskussion um den Kurortstatus sieht er Bad Freienwalde im Aufwind. „Inzwischen hat es sich rumgesprochen, was für eine schöne Landschaft der Ort zu bieten hat.“ Vor allem wer Ruhe, gute Luft und eine abwechslungsreiche Natur suche, sei hier gut aufgehoben. „Wir haben hier beispielsweise einen Sieben-Hügel-Weg, der führt nicht nur über sieben Hügel, sondern auch durch sieben verschiedene Wälder. Von der Lärche über die Kiefer bis hin zu Eiche und Buche“, sagt Dorow. Mit dem Baasee, dem Freiluftmuseum Altranft oder der Carlsburg dem gebe es zudem interessante Ziele in der Umgebung, die man bei einem Tagesausflug gut erreichen könne. Angesichts der steigenden Nachfrage hat Dorow große Pläne: Die Pension soll vier weitere Zimmer mit mehr Komfort bekommen, einen Wintergarten und vielleicht auch noch eine Mini-Golf-Anlage. „Platz genug ist jedenfalls dafür da.“

Deutschlands nördlichste Skischanze

Bad Freienwalde hat sich jedoch nicht nur als Kurort einen Namen gemacht. Dank seiner hügeligen Umgebung ist die Kleinstadt auch Brandenburgs einziger Wintersportort. Gleich hinter dem Moorbad am Ende des Brunnentals führt eine Straße zum Papengrund. Dort steht, wie ein Werbeschild oben an der Berliner Straße vermeldet, „Deutschlands nördlichste Skischanze“. Genau genommen sind es inzwischen vier Schanzen, die Sprungweiten von zehn bis 60 Metern ermöglichen. Eine kleine Schar sportbegeisterter Freienwalder ließ 2001 die verschütt gegangene Wintersporttradition aus den 20er-Jahren wiederaufleben. „Inzwischen kommen hier im Sommer selbst Sportler aus Österreich, Polen oder Südkorea zum Trainieren“, erzählt Schanzenwart Jens Schröter. Bad Freienwalde ist inzwischen offizieller Stützpunkt des Landesportbundes, sogar einen hauptamtlichen Landestrainer für Skisprung gibt es hier. „Im Moment sind grad Ferien. Aber sonst trainieren die Springer hier bis zu vier Mal pro Woche“, so Schröter.

161 Stufen bis nach ganz oben

Wer sich anmeldet, kann auch mal ein Probetraining mitmachen. Und selbst, wer dann nicht todesmutig in den Papengrund hinabspringen will, darf die 161 Stufen zum Schanzenturm hinaufsteigen. Denn das 38 Meter hohe Bauwerk gehört zu den vier Aussichtspunkten in und um Bad Freienwalde, die es für das Turm-Diplom zu erklimmen gilt. Ganz oben angekommen, bietet sich dem Besucher ein atemberaubender Blick über die Oderbruch-Region. Und schon der ist die Reise nach Bad Freienwalde wert gewesen.

Service:

Anfahrt Mit dem Auto über die A10 (Berliner Ring) bis Abfahrt Blumberg, dann weiter die B158 Richtung Bad Freienwalde, an der Kreuzung auf der Hochstraße Abfahrt in Richtung Moorbad. Mit der Bahn: Mit dem RE3 ab Südkreuz, Hauptbahnhof oder Gesundbrunnen in Richtung Stralsund bis Eberswalde, von dort mit der RB60 Richtung Letschin bis Bad Freienwalde, weiter mit dem Bus 877 Richtung Moorbad.

Unterkunft Pension „Am Kurbad“, Gesundbrunnenstraße 23, 16259 Bad Freienwalde, Tel. 03344 – 33 30 00. DZ ab 55 Euro (Frühstück 5 Euro je Person). www.pension-am-kurbad.de

Essen und Trinken Restaurant&Café Stadtmitte, Königstraße 23A, Tel. 03344 – 21 90, täglich geöffnet 11.30-14.30 Uhr und ab 17.30 Uhr; Café Blaue Zwiebel, Gesundbrunnenstraße 32A, Tel. 03344 – 15 01 9 27, geöffnet täglich (außer Mi. und Do.) ab 14 Uhr; Waldgaststätte Köhlerei, Sonneburger Str. 3c, Tel 03344 – 33 14 35, geöffnet April bis Oktober täglich (außer Mo. und Di.), 11.30–19 Uhr, Schlosscafé Altranft, Am Anger 27, Tel. 03344 – 41 43 17, geöffnet Do. bis So. 11–17 Uhr.

Sport Deutschlands nördlichste Skischanze, Sportanlage am Papengrund, erreichbar über die Berliner Straße, geöffnet Di. bis So. 10–17 Uhr, mittwochs ab 16 Uhr ist Sprungtraining. Führungen/Probetraining mit Landestrainer Stefan Wiedmann nach Anmeldung (Tel. 0173-7507410). www.wsv-badfreienwalde.de

Turm-Diplom Wer die vier höchsten Aussichtspunkte in und um Bad Freienwalde erklimmt, kann damit das Turm-Diplom erwerben. Auf der Kletterkarte stehen der Aussichtsturm von Bad Freienwalde (26 Meter hoch, 98 Stufen), der Bismarckturm (28 Meter, 112 Stufen), der Eulenturm (13 Meter, 54 Stufen) und der Schanzenturm (38 Meter, 161 Meter). Alle vier Türme können über eine zwölf Kilometer lange Strecke erwandert oder abgefahren werden. Zum Saisonabschluss am 31. Oktober verlost die Bad Freienwalde Tourismus GmbH unter den Diplom-Inhabern Preise. Alle vier Türme haben von April bis Oktober geöffnet: Di.-So. 11–17 Uhr. Kombi-Ticket 6 Euro, ermäßigt 3 Euro.

Geschichte Schloss Freienwalde, Walther-Rathenau-Gedenkstätte, Rathenaustraße 3, Tel. 03344 – 30 03 67. geöffnet (April bis Oktober) Mi. bis So. 11–17 Uhr, Eintritt: Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Führungen nach Anmeldung. www.schloss-freienwalde.de. Oderlandmuseum, Uchtenhagenstr. 2, Tel. 03344 – 20 56. Geöffnet: Mi. bis So. 11–17 Uhr. www.albert-heyde-stiftung.de

Freiluftmuseum Altranft, Schneiderstraße 18, Bad Freienwalde, Ortsteil Altranft, Tel. 03344 – 33 39 11. geöffnet (März bis 2. Oktober) Do. bis So. 11–17 Uhr. www.museum-altranft.de

Technikgigant Schiffshebewerk Niederfinow am Oder-Havel-Kanal. Neben dem seit 1934 in Betrieb befindlichen „historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ entsteht derzeit ein 245 Millionen Euro teurer Neubau. Über beide Projekte informiert eine Ausstellung, Hebewerkstraße 52, 16248 Niederfinow, Tel. 033362 – 71 377. Geöffnet (April-Oktober) täglich 9–18 Uhr. Eintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro.

Geheimnisvolles Bunker Wollenberg. Der Bunker wurde Mitte der 80er-Jahre als Teil der streng geheimen Troposphärenfunkzentrale 301 errichtet. Heute ist es ein Museum zur Geschichte der NVA und des Kaltes Krieges, betreut vom Verein Militärhistorisches Sonderobjekt 301 Wollenberg e.V., Sternkrug 4, 16259 Höhenland. Führungen nach Anmeldung, Tel. 0177 – 3486887. www.bunker-wollenberg.eu

Tourist-Information Uchtenhagenstraße 3, 16259 Bad Freienwalde, Tel. 03344 – 15 08 90. Geöffnet: Mo. bis Fr. 9–18 Uhr; Sa., So. und feiertags 10–15 Uhr. www.bad-freienwalde.de

>>>Hier finden Sie alle bisher erschienen Folgen der Serie "Die Berliner Sommerfrische"<<<