Brandenburg

Historische Bauten sind der Tradition verpflichtet

Viele historische Bauten in Brandenburg werden umgebaut und behutsam aufgewertet.

Foto: Katrin Starke

Potsdam.  Die Filiale der Eisenhartschule dürfte polarisieren. Da ist sich Architekt Wolfhardt Focke sicher. „Der Farbgestaltung wegen.“ Die lehne sich an den Bauhausstil an, erklärt er. Und der bestimmt zumindest den Teil des Gebäudes, um den die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete ehemalige Mädchenschule 1927 ergänzt wurde. Erste Reaktionen erwartet der Potsdamer ab September. Dann ziehen in das historische Nebengebäude auf dem Schulcampus an der Kurfürstenstraße nach zweijähriger Sanierung rund 340 Grundschüler und 200 Hortkinder ein.

Die Eisenhartschulfiliale ist einer von zahlreichen denkmalgeschützten Bauten in der Mark, die in den vergangenen Jahren behutsam aufgewertet und umgebaut wurden. „Das liegt seit einigen Jahren klar im Trend – bei der öffentlichen Hand wie bei privaten Bauherren“, bestätigt Achim Krekeler, Vorsitzender des Kammerausschusses für Denkmalpflege bei der Brandenburger Architektenkammer.

Der Architekt, der sein Büro in Brandenburg an der Havel hat, liest das auch an den eigenen Auftragsbüchern ab. „95 Prozent unserer Projekte beziehen sich auf die Rekonstruktion und den Umbau historischer Gebäude, nur bei fünf Prozent handelt es sich um einen Neubau.“

„Die Mark bietet mit ihrem großen Bestand an Baudenkmälern viel Potenzial“

Ähnlich sähe es bei seinen Kollegen im Land Brandenburg aus. „Die Mark bietet mit ihrem großen Bestand an Baudenkmälern viel Potenzial.“ Allein in der Stadt Brandenburg seien in jüngster Zeit zwei von drei ehemaligen Mühlenkomplexen zu attraktiven Wohnbereichen umgebaut worden. „Der dritte wird gerade verkauft und soll zum luxuriösen Wohnquartier samt Bootsanlegern umgebaut werden.“

Gelinge die Umnutzung, garantiere historische Bausubstanz – vor allem bei früheren Industriebauten – mehr Platz, sorgten Holz- und Stahlträger für das besondere Flair. Und: „Privatleute entdecken das letzte deutsche Steuersparmodell“, sagt Krekeler. Aufgrund der Abschreibungen über zwölf Jahre könne der hohe Erhaltungsaufwand beim Kauf eines Baudenkmals kompensiert werden. Die öffentliche Hand dagegen nutze die Sanierung denkmalgeschützter Bauten als Möglichkeit, städtebauliche Missstände zu beseitigen. „Auch mittels Fördermittel.“

Krekeler führt das Beispiel der Ende des 19. Jahrhunderts in Brandenburg/Havel errichteten Fabrik des Blechspielwarenproduzenten Ernst Peter Lehmann an. Das Gebäude lag trotz zentraler Lage etliche Jahre brach. Die Stadt sanierte schließlich mit Fördermitteln und zog mit ihrer Verwaltung ein. „Nicht selten schlüpft die öffentliche Hand somit in eine Vorreiterrolle, macht privaten Bauherren Mut.“

Spuren von Kaiserreich und Bauhaus sind zu entdecken

Auch in Potsdam scheut die Stadt nicht vor Sanierungsprojekten zurück – wie bei der Eisenhartschulfiliale. Im Auftrag des Kommunalen Immobilienservice (KIS) hat Focke das Nebengebäude für rund 2,5 Millionen Euro in Sachen Brandschutz und Energieeffizienz ertüchtigt, die sparsam geschmückte Fassade mit ihren Sandsteinelementen wieder in Schuss gebracht – und ist im Zeit- und Kostenplan geblieben. „Trotz böser Überraschungen wie Trockenfäule und Hausschwamm, auf den wir in der Geschossdecke gestoßen sind.“ Die Folge eines offenbar unentdeckten, mehr als 80 Jahre zurückliegenden Wasserschadens. „Wir mussten dafür an anderer Stelle sparen“, bekennt Focke. Was seinem Konzept der „erlebbaren Geschichte“ jedoch nicht im Wege stand. „Ich will den Kindern ermöglichen, in einem Geschichte erzählenden Objekt zur Schule zu gehen.“

Focke betritt eines der Klassenzimmer. Die Wände leuchten in hellem Mint, abgelöst von zartem Rosa in der nächsten Etage, die Türrahmen tragen einen matten taubenblauen Anstrich. „Diese Farbgestaltung wurde bewusst gewählt – damals wie heute“, betont Focke. Gerade zu Beginn der 20er-Jahre hätten sich Lehrer des Bauhauses wie Johannes Itten oder Wassily Kandinsky und deren Schüler mit dem Zusammenhang zwischen Farbe und Form beschäftigt. „Wir haben die einstigen Farbvorgaben aufgegriffen, allerdings in einer gemäßigten Variante“, erläutert KIS-Mitarbeiterin Andrea Baecker.

Nur wenige Schritte den Flur entlang ist Focke aus der Moderne der 20er-Jahre in das Preußen von Kaiser Wilhelm II. getreten, diktieren Tugenden wie Ordnung, Fleiß und Disziplin die Atmosphäre – abzulesen an den erdig-dunklen Tönen der Türen und Wände. „In diesem Gebäude treffen sich die Epochen“, schwärmt Focke.

Reithalle diente der Sowjetarmee nach dem Zweiten Weltkrieg als Panzerhalle

Eine Begeisterung, die Medizintechniker Christoph Miethke teilen dürfte: Der Potsdamer Unternehmer hat sich von der Architektengemeinschaft „Bopst Melan“ unter Federführung von Katja Melan zwei ehemalige Reithallen der Roten Kaserne aus dem 19. Jahrhundert zu einem Produktionsstandort umbauen lassen. Große Glasflächen spenden Licht. In einem Würfel, mitten in den Raum gesetzt, sind Labore und Reinräume untergebracht. Die sind notwendig, um unter sterilen Bedingungen Produkte zu erproben. Miethke stellt Ventilsysteme für Wasserkopf-Patienten her, hat diverse Patente auf sein Produkt angemeldet, die Auftragsbücher sind voll.

Sein Faible fürs Historische bestimmte die Wahl des Standorts. In den musste Miethke einiges investieren. Die ehemalige Reithalle wurde mehrfach umgenutzt, diente der Sowjetarmee nach dem Zweiten Weltkrieg als Panzerhalle, wandelte sich später zur Sporthalle. Noch immer zeugen in den Putz geritzte Inschriften in Kyrillisch von den Vorbesitzern. Seit 1995 stand der Trakt leer, hatte die Witterung leichtes Spiel bei der Zerstörung. Bis Bauleiterin Katharina Herrmann im Frühjahr 2015 die Regie übernahm. „Das Dach war undicht, musste komplett erneuert werden. Wegen der eindringenden Nässe war das Gebäude durchfeuchtet.“

Gebrauchsfähig seien gerade noch das historische Dachtragwerk und die Hülle gewesen. Von der ursprünglichen Optik war nur wenig erhalten. „Die Fassade der Westseite hatten die Russen in Taubenblau verputzt, andere Bereiche mit Ölfarbe übermalt.“ Als Farbe und Putz entfernt wurden, erlebte das Architektenduo eine Überraschung: „Die Ziegel der Mauer traten mehrfarbig – in rot und gelb – zu Tage“, erzählt Dirk Bopst. „Sicher eine ästhetische Entscheidung.“ Das sei für die Gebäude auf dem Gelände eher untypisch.

Der 47-Jährige muss es wissen. Es ist mittlerweile der fünfte Bau auf dem Areal der Roten Kaserne, den er mit seiner Kollegin in einem Mix aus Tradition und Zeitgeist wieder herstellt.