Brandenburg

Warum eine chinesische Stadt Teltow Berlin vorzieht

Die chinesische Millionenstadt Langfang will eine Städtepartnerschaft mit der Kleinstadt eingehen – und nicht mit Berlin.

Langfang in der Provinz Hebei in Nordchina ist etwas größer als Berlin

Langfang in der Provinz Hebei in Nordchina ist etwas größer als Berlin

Foto: dpa

Knapp vier Millionen Einwohner zählt das wirtschaftlich prosperierende Langfang. Die nordchinesische Großstadt hat jetzt aber nicht etwa der Metropole Berlin eine Städtepartnerschaft angetragen. Die Offerte gilt stattdessen der brandenburgischen Kleinstadt Teltow südwestlich von Berlin; einem in China kaum bekannten Ort mit 25.000 Einwohnern.

„Ich war schon überrascht“, sagt Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD). „Es ist eine Ehre, dass sich eine so große Stadt für unser kleines Teltow interessiert.“ Bei aller kritischen Betrachtung der Volksrepublik China, wie er hinzufügt. Der Besuch der Kanzlerin jüngst habe aber gezeigt, „dass man versucht, wieder etwas näher zusammenzurücken“. Auch das Bundespräsidialamt unterstütze derartige Gesuche. „Wir gehen deshalb davon aus, dass wir für eine solche Städtepartnerschaft Rückenwind auf deutscher Seite bekommen“, sagt Schmidt.

Teltow wächst unter den Mittelstädten Deutschlands am raschesten

Der Bürgermeister will den Stadtverordneten am 13. Juli vorschlagen, die Städtepartnerschaft ab Herbst einzugehen. Es wäre die vierte – 1991 entwickelte sich die erste Städtepartnerschaft zwischen Teltow und Ahlen. Der Partnerschaftsvertrag mit der in Frankreich gelegenen Stadt Gonfreville l’Orcher wurde 1999 unterzeichnet. 2006 kam das polnische Zagan dazu.

„Die Verantwortlichen im chinesischen Langfang in der Provinz Hebei interessieren sich offenbar für uns wegen des prognostizierten Wirtschaftswachsums“, sagt Bürgermeister Schmidt. „Außerdem hat es sich herumgesprochen, dass Teltow unter den Mittelstädten in Deutschland am raschesten wächst.“ Mehr als 5600 neue Bürger kamen in den vergangenen zehn Jahren dazu. Prognosen zufolge wächst die Stadt weiter: auf 30.000 Bewohner im Jahr 2030. In der an Zehlendorf angrenzende Stadt gelten die Grundstücke noch als bezahlbar, die S-Bahn fährt bis hierher.

Die Stadt am Rande Berlins hat eine wirtschaftliche Erfolgsstory geschrieben

Wirtschaftlich ging es in Teltow ebenfalls bergauf, zumindest wieder seit Mitte der 90er-Jahre. In der DDR war die Stadt an der Mauer mit zwei Großbetrieben einst ein Zentrum der elektronischen Industrie der DDR. Als beide Unternehmen nach dem Fall der Mauer „abgewickelt“ wurden, folgten schwere Jahre. Die Einwohnerzahl sank von 1989 bis 1996 um 500 Bewohner auf 15.488.

Aber die einstige Industriestadt schaffte die Wende zum Erfolg: Tausende von Arbeitsplätzen sind inzwischen entstanden. Allein im Gewerbegebiet „Techno Terrain“ haben sich über 200 Firmen angesiedelt. Sie bieten bis zu 7000 Arbeitsplätze. Im Jahr nimmt die Kleinstadt weit mehr als acht Millionen Euro an Gewerbesteuern ein. Durch einen Mix an kleinen und größeren Unternehmen. Viele kennen den Namen Teltow einzig durch das „Teltower Rübchen“, das angeblich 1770 in Brandenburg und Pommern eingeführt wurde.

Orientierung auf Technologie verbindet die chinesische Großstadt mit Teltow

Doch nicht Agrarbetriebe prägen das Bild, sondern innovative Technologiefirmen. So wie die Getemed Medizin- und Informationstechnik AG. „Teltow ist ein Zentrum für Medizintechnik und medizinische Entwicklung“, sagt Bürgermeister Schmidt. Das hiesige Technologiezentrum Teltow (TZT), unterstützt Unternehmensgründungen mit innovativen und marktfähigen Ideen.

Beim Verein „Teltow ohne Grenzen“, der die Städtepartnerschaften betreut, stößt die neue, geplante Verbindung allerdings auf Skepsis. Aus dem vorgelegten Ideenpapier könne er keine Städtepartnerschaft erkennen, die Begegnungen zwischen Menschen oder den Austausch von Delegationen im Sinne der Völkerfreundschaft initiieren würde, gab der Vorstandsvorsitzende Alain Gamper dem Bürgermeister zu verstehen. „Man kann sich wirtschaftlich gegenseitig voranbringen und sich auch kulturell austauschen.“ Langfang gilt als „wirtschaftlich-technologische Entwicklungszone“. Dort soll mit dem „Range International Information Hub“ das weltweit größte Datenzentrum entstehen.

Vermittelt wurden die Kontakte von der Managerin eines China-Restaurants

In einem Ideenpapier ist davon die Rede, dass auf einem Wassergrundstück im Techno Terrain Teltow ein „Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin“ entstehen könnte. Der weltweit größte Hersteller von TCM-Produkten in China soll sein Interesse bekundet haben. Außerdem könnte Pflegepersonal ausgebildet werden, das in Deutschland zunehmend benötigt werde. Aber auch auf den Gebieten der Kultur und Bildung und der Politik soll ein Austausch vereinbart werden.

Wie kam die Offerte eigentlich zustande? Wie fast jede Stadt hat auch Teltow sein chinesisches Restaurant. Doch nicht irgendeines. Das „Shi Shan China“ zog Ende 2011 in die Kantine des früheren „VEB Elektronische Bauelemente“ an der Potsdamer Straße ein. 700 Sitzplätze auf 2000 Quadratmetern, 100 Parkplätze vor der Tür. Das angeblich größte Chinarestaurant in Deutschland. Die Managerin hat offenbar die Kontakte zwischen der Millionenstadt Langfang und Teltows Stadtverwaltung hergestellt. Der Plan: Ein „International Cultur & Media Center of Germany“ im Restaurant „Shi Shan“. Das „Shi Shan China“ soll später Begegnungsstätte und Vermittler des vielseitigen Austausches in Berlin und Brandenburg werden.