Das Dorf wirkt verschlossen, irgendwie entrückt. An vielen Häusern gibt es keine Klingel. Dafür bellen Hunde hinter Zäunen. „Ich habe nichts mitbekommen“, sagt eine Frau, die ihren Rasen mäht. Das gleiche einige Meter weiter. Die Nachbarn wissen auch von nichts. Innerhalb von nur wenigen Tagen haben bislang Unbekannte zwei Anschläge auf drei Gedenktafeln des ehemaligen KZ-Außenlagers Jamlitz-Lieberose (Dahme-Spreewald) verübt. Die wiederholte Schändung steht in den Zeitungen, doch Zeitung wird in Jamlitz kaum mehr gelesen. Einige haben aber doch davon erfahren. „Ich hab es auf Facebook gesehen“, sagt Corina Uhlig am Gartenzaun „und frage mich, wer so etwas macht.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Eine Schweinerei ist das.“
Spätestens an diesem Freitag werden die meisten Jamlitzer mitbekommen, was passiert ist. Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) will mittags anreisen, auch hochrangige Vertreter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und des Zentralrats der Juden sowie der evangelischen Kirche. Sie wollen sich über die Anschläge informieren und mit der Polizei beraten, wie die Dokumentations- und Gedenkstätte künftig geschützt werden kann. In den vergangenen drei Jahren wurden zusammen mit Zerstörungen auf dem benachbarten jüdischen Friedhof Schenkendöbern vier Anschläge gezählt.
Von 1944 bis 1945 wurden hier Tausende jüdische Häftlinge ermordet
Am Tag davor ist es still auf dem Gelände am Rande des Dorfes. Eine bedrückende Ruhe liegt über dem Kiefernweg, der einst in den nördlichen Teil des KZ-Außenlagers „Lieberose“ führte. Von 1944 bis 1945 wurden hier Tausende jüdische Häftlinge durch Zwangsarbeit oder Erschießung ermordet. Neben Weimar-Buchenwald und Oranienburg-Sachsenhausen ist Jamlitz der dritte Ort in Ostdeutschland, an dem ein nationalsozialistisches Konzentrationslager nach 1945 als sowjetisches Speziallager genutzt wurde. Der sowjetische Geheimdienst inhaftierte hier einst aktive Nationalsozialisten und Hitlerjungen. 1947 wurde das Lager aufgelöst und die Baracken abgerissen. „Vor allem Vertriebene aus Schlesien siedelten sich an“, berichtet der Historiker Andreas Weigelt, der die heutige Gedenkstätte für die evangelische Kirchengemeinde betreut.
Stehen geblieben ist einzig ein verfallener Keller, in einer Böschung am Wald. „Wofür das Haus einst genutzt wurde, darüber kann nur spekuliert werden“, sagt Weigelt. „Es hatte einen riesigen Schornstein.“ Ein Krematorium? Wären da nicht die 2003 aufgestellten gläsernen Gedenktafeln der Freiluftausstellung, käme niemand auf den Gedanken, dass hier unsägliches Leid geschehen ist. Die Vögel zwitschern, während Weigelt sichtlich aufgewühlt an den Stelen entlang läuft.
Am Mittwoch baute er mit einem Helfer die erst wenige Tage zuvor durch Unbekannte beschädigten zwei Informationstafeln ab. „Gegen 13.15 Uhr bekam ich dann den Anruf einer Anwohnerin, sie habe einen lauten Knall gehört“, berichtet er. Wieder ein Anschlag. Das Glas ist zersplittert, die Schrift nicht mehr lesbar. Schmauchspuren an der Scheibe. Es sieht so aus, als sei ein Böller gezündet worden. Ein Radfahrer wurde in der Nähe gesehen.
Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen
Doch noch fehlt eine heiße Spur, wie die Polizei am Donnerstag mitteilt. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen. Die Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Lieberose, Susanne Brusch, sagt: „Es gibt kein Bekennerschreiben.“ Sie und der Historiker Weigelt fordern mehr Unterstützung durch die Landesregierung. „Das Geld reicht nicht, um das Gelände zu sichern – und auch nicht, um die Bildungsarbeit so zu machen, wie wir sie uns vorstellen.“ 12.000 Euro stellt die Landesregierung erstmals dieses Jahr in Aussicht. Dass der Täter aus dem Ort stammt, halten die Pfarrerin und Andreas Weigelt für unwahrscheinlich. „Die Bevölkerung steht hinter der Gedenkstätte“, sagt Susanne Brusch.
Leicht tun sie sich aber wohl nicht, die Jamlitzer, mit der Bürde der Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten war der übrig gebliebene Keller für viele nichts weiter als ein Spielplatz. Im fünf Kilometer entfernten Lieberose erinnerte aber ein Mahnmal an die Verbrechen. „Viele im Ort sind sehr verschlossen“, sagt die gebürtige Jamlitzerin Corina Uhlig, „vielleicht auch, weil sie vergessen wollen.“ Genau das aber soll mit einer verstärkten Gedenkarbeit verhindert werden. Pfarrerin Brusch verspricht: „Wir werden uns nicht unterkriegen lassen.


